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Studio 9 | Beitrag vom 14.05.2016

AussöhnungTschechischer Kulturminister besucht Treffen der Sudetendeutschen

Von Kilian Kirchgeßner

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Sudetendeutsche betreten die Güterwaggons, mit denen sie 1946 die Tschechoslowakei verlassen müssen.   (dpa / CTK)
Pro Person 40 Kilogramm Gepäck durften die Sudetendeutschen 1946 bei ihrer Vertreibung aus der Tschechoslowakei mitnehmen. (dpa / CTK)

Im vergangenen Jahr entschlossen sich die Sudetendeutschen, nicht weiter auf eine Rückgabe des durch die Vertreibung verlorenen Eigentums zu bestehen. Nun besucht der Prager Kulturminister Daniel Herman als erster Vertreter der tschechischen Regierung ihr jährliches Pfingsttreffen - als Zeichen der Aussöhnung.

Die Einladung nach Nürnberg sei vom bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer gekommen, sagte der Prager Kulturminister Daniel Herman in einem Gespräch mit tschechischen Journalisten – und er sehe seinen Besuch als letzten Schritt auf dem langen Weg der Annäherung.

"Schon 1997 wurde die deutsch-tschechische Deklaration unterschrieben – das ist ein Schlüsseldokument für die Zusammenarbeit, auf das alles Weitere aufbaut. Aber manche Dinge sind eben noch übrig geblieben, und das ist der Besuch eines Vertreters der tschechischen Regierung bei den ehemaligen Landsleuten."

In den tschechischen Medien wurden die jährlichen Pfingsttreffen der Sudetendeutschen seit langem allenfalls am Rande wahrgenommen. In diesem Jahr ist das wegen der Teilnahme des tschechischen Ministers anders: Das öffentliche Interesse ist groß – auch deshalb, weil Daniel Herman seinen Besuch bei den Sudetendeutschen als Fortschritt in den deutsch-tschechischen Beziehungen bezeichnet.

"Es ist eine logische Antwort auf das Entgegenkommen der sudetendeutschen Seite, die sich offiziell in ihren Regularien von besitzrechtlichen Ansprüchen losgesagt hat. Das wurde als sehr entgegenkommender Schritt gewertet, denn vor allem um diese Besitzansprüche ging es die ganzen Jahre über. Dazu ist es jetzt gekommen, und das ist die Antwort der tschechischen Seite."

Über viele Jahre hinweg hatten die Sudetendeutschen Entschädigungen gefordert für die Besitztümer, die sie bei der Vertreibung zurücklassen mussten. Diese Forderung hatten sie vor einem Jahr fallenlassen. Beobachter werteten das als wichtigen Schritt im deutsch-tschechischen Verhältnis – genauso wie die vergleichsweise neuen Bemühungen der bayerischen Regierung um eine Verbesserung der Beziehungen.

Kulturminister möchte sich für Engagement der Sudetendeutschen bedanken

Ministerpräsident Edmund Stoiber hatte sich bis zum Ende seiner Amtszeit geweigert, dem nur 350 Kilometer entfernten Prag einen Besuch abzustatten – begründet hat er das stets mit der Rücksicht auf die Sudetendeutschen. Unter Horst Seehofer änderte sich die offizielle Haltung; er war bereits mehrfach in Tschechien. Dass es jetzt ausgerechnet Daniel Herman ist, der tschechische Kulturminister, der den nächsten Schritt geht, ist wenig verwunderlich: Er engagiert sich seit vielen Jahrzehnten für die deutsch-tschechische Aussöhnung – auch schon lange vor seiner Amtszeit als Minister. Vor tschechischen Journalisten deutete er bereits an, was er in Nürnberg sagen wird.

"Das ist ein Treffen von Leuten, die sich in nicht zu unterschätzender Weise engagiert haben bei der Erhaltung des gemeinsamen Kulturerbes. Auch dafür will ich mich als Kulturminister bedanken. Die dutzenden Kirchen, Kapellen und Friedhöfen in unserem Grenzbereich würden oft nicht mal mehr existieren, wenn die hier Geborenen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht geholfen hätten, die tatsächlich eine Beziehung zum Geburtsort ihrer Vorfahren spüren."

In Prag wird seine Teilnahme am Treffen der Sudetendeutschen mehrheitlich positiv aufgenommen. Kritische Stimmen kommen hingegen aus den Reihen der kommunistischen Partei, die Daniel Herman zum Rücktritt aufgefordert hat. Der will davon nichts wissen.

"Die Herausforderungen, vor denen Europa steht, sind so groß, dass wir die Wunden der Vergangenheit schließen müssen, damit wir uns gemeinsam den Aufgaben der Zukunft stellen können – das ist hochaktuell."

Der Besuch des tschechischen Ministers auf dem Pfingsttreffen der Sudetendeutschen hat also nicht nur eine historische Dimension, sondern auch eine europapolitische.

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