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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 10.04.2019

Außen grün, innen giftigDioxin-Abfälle im Hamburger Boden

Von Axel Schröder

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Ein Mitarbeiter einer von der Hamburger Umweltbehörde beauftragten Spezialfirma nimmt in einen Schutzanzug gekleidet Proben im Naturschutzgebiet Boberger Niederung.  (picture alliance/Bodo Marks/dpa)
Ein Mitarbeiter einer von der Hamburger Umweltbehörde beauftragten Spezialfirma nimmt in einen Schutzanzug gekleidet Proben im Naturschutzgebiet Boberger Niederung. (picture alliance/Bodo Marks/dpa)

Vor 40 Jahren verklappte die Chemiefirma Boehringer hochgiftiges Dioxin auf einer Müllkippe. Noch heute kostet die Sicherung der Giftabfälle die Stadt jährlich 600.000 Euro. Ein weiteres mit Dioxin verseuchtes Gebiet wurde im letzten Herbst entdeckt.

Hamburgs größter Regenschirm besteht aus dickem, dunklem Plastik und schützt sogar vor Nagetieren. Die dicke Plastikschicht über der Deponie in Hamburg-Georgswerder schirmt das darin begrabene Dioxin vom Regenwasser ab.

"Das ist zweieinhalb Millimeter dicke, schwarze, sehr feste Folie. Folie ist nicht so ganz der richtige Ausdruck. Sie ist richtig brettartig und hat an der Unterseite kleine Pikser dran. Sechs Millimeter lange Spitzen, die, wenn die Folie verlegt wird, dafür sorgen soll, das die Folie nicht verrutscht. Das ist besonders wichtig auf der oberen Abdeckung, auf der Kuppe, weil dort eben ein Hanglage vorherrscht und da soll die Folie eben nicht verrutschen."

Maren Gätjens ist die leitende Ingenieurin auf der Deponie, aus der auch Jahrzehnte nach der aufwendigen Sicherung in den Achtzigerjahren hochgiftiges Dioxin austritt. Überall auf dem 25 Hektar großen Gelände sammeln tiefe Brunnen das aus dem 40 Meter hohen Hügel austretende hochgiftige Wasser-Öl-Gemisch. Woher das Dioxin stammt, brachte die Arbeit eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses der Hamburger Bürgerschaft schon Ende der Achtzigerjahre ans Licht, erzählt Elisabeth Oechtering, die Leiterin der Abteilung Boden und Altlasten in der Hamburger Umweltbehörde. Die Spur führte zur Firma Boehringer, zu ihrem einstigen Standort an der Andreas-Meyer-Straße in Hamburg-Moorfleet: 

"Wir wissen aus Befragungen, dass Material ganz geregelt vom Gelände der Andreas-Meyer-Straße hierher gebracht wurde. Das ist bekannt. Das ist protokolliert."

"Mit Genehmigung und amtlichem Stempel?"

"Mit Genehmigung und amtlichem Stempel. Das ist etwas, was vereinbart worden ist. Als die Deponie Georgswerder eine der Deponien der Stadt Hamburg wurde."

Kontaminiertes Erdreich im Naturschutzgebiet 

Neue Schlagzeilen machte das Boehringer-Dioxin im letzten Herbst. Bei einer groß angelegten Kartierung der Hamburger Böden stießen Mitarbeiter der Umweltbehörde auf kontaminiertes Erdreich im Naturschutzgebiet Boberger Niederung. Auf Informationsveranstaltungen konnten die besorgten Anwohner ihre Fragen loswerden:

"Wir sind indirekte Nachbarn. Wir sind Segelflieger auf dem Flugplatz. Wir gehen da auch mal spazieren in der Gegend und wollen uns das mal anhören, wie groß denn die Gefährdung wohl wirklich ist."

"Und ich habe als Kind da gespielt, gerade in den Sechzigern, gerade da im Moor, weil ich da aufgewachsen bin. Und mich interessiert das halt. Man weiß ja nie!"

Eine Mitarbeiterin der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie beantwortet bei einem Informationsabend in der Stadtteilschule Mümmelmannsberg Fragen über die Dioxin-Belastung des Wohnumfelds von Teilnehmern. (picture alliance/Axel Heimken/dpa)Eine Mitarbeiterin der Hamburger Behörde für Umwelt und Energie beantwortet bei einem Informationsabend in der Stadtteilschule Mümmelmannsberg Fragen über die Dioxin-Belastung des Wohnumfelds von Teilnehmern. (picture alliance/Axel Heimken/dpa)
Im Schnitt ist die Dioxinbelastung auf der etwa einen Hektar großen und längst abgesperrten Fläche 24 Mal so hoch wie der zulässige Grenzwert. Für die angrenzende Gegend, auch für den kleinen Badesee in der Boberger Niederung gab Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan aber Entwarnung:

"Wir haben in den angrenzenden Wohngebieten keinerlei Belastungen festgestellt. Auch die Oberflächengewässer im Badesee sind unbelastet. Und auch im Grundwasser kann man keine erhöhte Belastung feststellen."

Und eine akute Gefahr für die Umgebung gehe von der belasteten Fläche nicht aus, so Kerstan. Zusätzlich zu den Bodenuntersuchungen analysierte die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz die Daten des Krebsregisters. Ergebnis: Es gab und gibt in der Gegend rund um die Fundstelle keine erhöhte Zahl von Krebserkrankungen. 

Auf der ehemaligen Hamburger Deponie Georgswerder wurden jahrelang Abfälle, Hausmüll und giftige Industrieabfälle abgeladen. Inzwischen ist der Deponiehügel zu einem wichtigen Energielieferanten geworden. Allein durch Windkraft und Sonnenenergie versorgt er mehrere tausend Haushalte. (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)Auf der ehemaligen Hamburger Deponie Georgswerder wurden jahrelang Abfälle, Hausmüll und giftige Industrieabfälle abgeladen. Inzwischen ist der Deponiehügel zu einem wichtigen Energielieferanten geworden. (picture alliance / dpa / Marcus Brandt)
Zurück in Georgswerder, auf der einstigen Müllkippe der Stadt. - Maren Gätjens, einen dicken Schlüsselbund in der Hand, führt zusammen mit Elisabeth Oechtering an Wellblechhallen vorbei. Warnschilder an den dicken Stahltüren weisen auf die Gefahren dahinter hin.

"Das ist ein Sicherheitsbereich hier. Wir arbeiten hier mit kontaminierten Materialien. Und deshalb ist hier der Zutritt von Leuten absolut verboten." 

"Unter diesem Boden liegt das richtig Eingemachte"

Leichter Nieselregen fällt auf den grauen Asphalt, ein paar hundert Meter entfernt dröhnt der Verkehr über die Autobahn. Beim Vorbeifahren sieht die einstige Müllkippe in Hamburg-Georgswerder aus wie ein grüner, beschaulicher Hügel in der flachen Landschaft. Oben dreht sich ein Windrad. Unten, am Fuße des Hügels zeigt Maren Gätjens einen der 44 Schächte, in denen das Sickerwasser aus dem Inneren der versiegelten Müllkippe gesammelt wird. Ein Mitarbeiter der Deponie entriegelt mit einem schweren Spezialschlüssel den kreisrunden Edelstahldeckel im Boden, öffnet den Schacht.

"Dieser Schacht ist ungefähr sechs Meter tief. Man sieht hier sehr viele verschiedene Leitungen. Unter diesem Boden liegt das richtig Eingemachte. Da drunter ist nämlich die Drainage mit der Sickerflüssigkeit aus dem Berg, direkt aus dem Berg."

Bis in die Siebzigerjahre hinein entsorgte Boehringer die Abfälle aus seiner Fabrik in Hamburg-Moorfleet in Georgswerder. Das Dioxin ist ein Abfallprodukt aus der Pflanzenschutzmittel-Produktion.* US-amerikanische Militärflugzeuge haben den Stoff über dem vietnamesischen Dschungel versprüht haben, um Bäume zu entlauben.

"Das ist von 1967/1968 bis 1974 hier eingelagert worden. Das sind nur ein ganz paar Jahre gewesen. Aber die haben es eben geschafft, diesen Ort gründlich zu kontaminieren."

Der Brunnendeckel wird zugeklappt, fest verschlossen. Ende der Siebzigerjahre lagerten die meist flüssigen Abfälle entweder in Fässern oder in den zehn fußallfeldgroßen Becken, erzählt Elisabeth Oechtering von der Umweltbehörde:

"Man hat Flüssigkeitsbecken angelegt, Sperrmüll reingefüllt, mit Flüssigkeiten aufgefüllt und gehofft, dass man die Stoffe damit unschädlich macht. Und hat sie einfach versteckt vor den Augen." 

Die Sicherungsmaßnahmen sind eingespielt: Kleine Fenster geben den Blick auf den giftiges Ölschlamm frei. Das Dioxin ist ein Abfallprodukt aus der Pflanzenschutzmittel-Produktion. Angefallen ist es auch bei der Herstellung von Zutaten für "Agent Orange". US-amerikanische Militärflugzeuge haben den Stoff über dem vietnamesischen Dschungel versprüht haben, um Bäume zu entlauben. (Deutschlandradio / Axel Schröder)Die Sicherungsmaßnahmen sind eingespielt: Kleine Fenster geben den Blick auf den giftiges Ölschlamm frei. (Deutschlandradio / Axel Schröder)
Zehn Jahre lang dauerte es, die Deponie zu sichern. - Zurück an einer der Wellblechhallen. Maren Gätjens zeigt, wie die aufgefangenen Flüssigkeiten aus der Deponie behandelt werden. Über eine Gittertreppe geht es eine Etage nach oben. Rohrleitungen durchziehen den Raum. Kleine Fenster geben den Blick auf den giftigen Ölschlamm frei.

"Das ist so schwarz-klumpig."

"Ja, es ist teerig, schwarz-teerig und stinkt entsetzlich. Von diesen seitlichen Kammern wird es direkt drüben in die Tankcontainer gepumpt. Das heißt: Niemand fasst das Öl mehr an, niemand muss was umpumpen oder schaufeln. Sondern das geht vollautomatisch. Und dieser Tank-Container wird, wenn er dann entleert werden muss auf einen Kran genommen, so wie er ist, zur AVG gebracht und dort direkt an die Entleerung angehängt."

"Der Kostenaufwand wäre gar nicht abschätzbar"

Die AVG ist die Abfall-Verwertungs-GmbH. Nicht weit entfernt vom einstigen Boehringer-Gelände kann hier der dioxinverseuchte Ölschlamm bei über 1100 Grad verbrannt und so unschädlich gemacht werden. 8000 Kubikmeter Flüssigkeit werden jedes Jahr aus dem Inneren der Deponie abgepumpt. Über 600.000 Euro gibt die Stadt dafür jedes Jahr aus. Ein Ende dieser Sicherungsmaßnahmen ist nicht in Sicht:

"Bisher ist es nicht absehbar. Vielleicht gibt es irgendwann einmal eine Technik, mit der man den Berg auch abbauen kann. Derzeit halte ich das nicht für möglich. Der Kostenaufwand wäre gar nicht abschätzbar. Man müsste einen Arbeitsschutz treiben müssen, da müsste man ganz Wilhelmsburg evakuieren, wenn hier diese Becken geöffnet werden. Vielleicht gibt es eine Eiszeit, die alles mal zu schiebt, weiß ich nicht. Es ist für uns eine Ewigkeitsaufgabe!"

Was mit dem neu entdeckten, dioxinverseuchten Areal in der Boberger Niederung geschehen soll, ist bislang noch nicht geklärt. Schon heute ist aber für Hamburgs Umweltsenator Jens Kerstan klar: Die Firma Boehringer sollte sich an den Kosten für die Entsorgung ihres jahrzehntealten Mülls beteiligen.

*Wir haben das Manuskript an dieser Stelle aufgrund einer Korrektur nachträglich gekürzt.

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