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Thema / Archiv | Beitrag vom 05.12.2011

Ausländische Akademiker fühlen sich in Deutschland nicht willkommen

Ulrich Grothus vom DAAD fordert mehr Unterstützung für ausländische Studienabsolventen

Ulrich Grothus im Gespräch mit Katrin Heise

Nur ein Drittel der ausländischen Absolventen bleibt in Deutschland.
Nur ein Drittel der ausländischen Absolventen bleibt in Deutschland.

Es gebe bereits viele gute Regelungen, aus Unwissenheit würden diese aber nur mangelnd genutzt, sagt Ulrich Grothus vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD). Er fordert mehr Engagement, damit ausländische Studierende Deutschland als weltoffenes Land wahrnehmen, in dem man gerne lebt.

Katrin Heise: "Vom internationalen Studierenden zum hoch qualifizierten Zuwanderer", so lautet der Titel einer Studie, die der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration jetzt vorgestellt hat. Die Studie untersucht die Rahmenbedingungen, die Studierende aus nicht europäischen Ländern in Europa vorfinden, und sie schildert die Chancen, die diese Menschen auf dem Arbeitsmarkt haben, wenn sie ihr Studium abgeschlossen haben. Und wer an einer deutschen Hochschule studiert hat, dem müssten die Arbeitgeber bei uns ja angesichts des Fachkräftemangels eigentlich den roten Teppich ausrollen - sollte man jedenfalls meinen. Doch die Studie stellt fest, in Deutschland ist das nicht der Fall.

Dorothea Jung fasste für uns zusammen, warum ausländische Studienabsolventen in Deutschland keine geeigneten Platz für sich sehen. Für bessere Aufklärung möchte Ulrich Grothus sorgen, er ist stellvertretender Generalsekretär des DAAD. Herr Grothus, ausländische Studierende fühlen sich also offenbar, wie die Studie belegt und wie wir eben ja auch gehört haben, nicht heimisch, nicht willkommen in Deutschland. Was sagen Sie dazu?

Ulrich Grothus: Wir müssen noch mehr dafür sorgen, dass ausländische Studierende in Deutschland wissen, wie gute Möglichkeiten sie eigentlich haben, hier zu bleiben, bessere als in den meisten anderen Ländern.

Heise: Bleiben wir bei diesem Punkt, sich schlecht informiert fühlen, darum geht es ja vor allem. Sie, der DAAD, hat ja extra ein Merkblatt zusammengestellt mit den Regelungen für Nicht-EU-Bürger mit deutschem Hochschulabschluss. Das scheint die Betreffenden irgendwie nicht zu erreichen?

Grothus: Jedenfalls offenbar nicht genug. Wenn eine große Zahl sagt, sie würden ja gerne bleiben, wenn sie nur dürften, und nicht wissen, dass sie dürfen. Natürlich kann man auch sich fragen, wenn jemand sich erkundigt, wird er die Möglichkeiten auch herausbekommen. Immerhin erkundigen sich im Jahr nicht nur 5000 bis 6000 ausländische Hochschulabsolventen, sondern erkundigen sich erfolgreich, indem sie schließlich sowohl einen Job als auch eine Aufenthaltsgenehmigung kriegen.

Heise: Sie haben es erwähnt, zwei Drittel könnten sich vorstellen, in Deutschland zu bleiben. Wenn wir um diese Leute werben wollen, wo müsste die Aufklärung denn ansetzen?

Grothus: Ich glaube, es gibt zwei Ebenen: Es gibt die Ebene der rechtlichen Regelung und der Politik, da gibt es jetzt gute Regelungen, in Wesentlichen jedenfalls gute Regelungen, und dadurch, dass es diese Regelungen gibt, auch ein politisches Signal, das ausländische Hochschulabsolventen auch als Mitbürger und Mitarbeiter in Deutschland willkommen sind.

Auf der anderen Seite müssen wir sicherlich noch mehr tun, damit noch mehr ausländischen Studierenden und Arbeitnehmern dieses als ein weltoffenes Land erscheint, in dem man gerne lebt und gerne bleibt. Wie gesagt, ziemlich viele kommen schon für sich zu diesem Schluss, aber ich würde mir wünschen, dass noch mehr zu dem Schluss kommen. Übrigens unabhängig davon, ob sie dann für sich subjektiv die Entscheidung treffen, ich will in mein Heimatland gehen, in ein Drittland, oder ich will in Deutschland bleiben.

Heise: Bleiben wir noch mal ganz kurz bei den tatsächlichen Bleibemöglichkeiten: Sie haben eben gesagt, da hat die Politik eigentlich jetzt schon einiges in eine positive Richtung gewendet. Welche Möglichkeiten haben sie denn tatsächlich, welche Bedingungen sind verbessert worden?

Grothus: Die wichtigsten Veränderungen sind 2007 in Kraft getreten. Erstens können seitdem ausländische Absolventen deutscher Hochschulen, wenn sie eine adäquate, also eine qualifizierte Stelle in Deutschland finden, in Deutschland eine Aufenthaltsgenehmigung kriegen, ohne dass geguckt wird, ob nicht ein Deutscher oder ein EU-Bürger das auch machen könnte. Das nennt man die Abschaffung der Vorrangprüfung.

Zweitens können ausländische Hochschulabsolventen ein Jahr nach einer solchen Stelle suchen und während dieser Zeit auch jobben. Aber leider bisher nur unter den gleichen Bedingungen jobben wie Studenten, nämlich 90 Tage oder 180 halbe Tage im Jahr. Und was für Studierende, die ja vor allem studieren sollen, sinnvoll ist, ist für Jobsucher nicht nötig und nicht sinnvoll.

Heise: Ja. Arbeiten Sie daran, dass sich das verändert?

Grothus: Wir arbeiten daran, dass sich das verändert, man muss auch sagen, man kann auch von dieser Grenze eine Ausnahme beantragen und die wird auch mehrere Hundert Mal Jahr bewilligt, was auch mangelhaft bekannt ist. Also, man kann zur Ausländerbehörde gehen und um eine Ausnahme von dieser Regelung bitten, damit man mehr jobben und während der Zeit eine richtige Stelle, eine permanente Stelle suchen kann. Aber wir würden uns wünschen, dass diese Regelung geändert wird und während dieses Jahres ausländische Hochschulabsolventen, die das Studium hinter sich haben, ohne zeitliche Begrenzung jobben können.

Heise: Deutschland, besser als sein Ruf für ausländische Studienabsolventen, unser Thema im Deutschlandradio Kultur. Ulrich Grothus, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes gibt Auskunft. Herr Grothus, was aber auch deutlich geworden ist, ist ja, dass sich die Studierenden oder die Studienabsolventen hier nicht willkommen fühlen, also sich hier nicht heimisch fühlen. Das hat ja vielleicht gar nicht was mit tatsächlichen Voraussetzungen zu tun, sondern mit einem gesellschaftlichen Klima, also, das ist doch auch ein gesellschaftliches Problem?

Grothus: Genau. Man muss sagen, aus dieser Studie wie auch aus einer Reihe von anderen Befragungen wissen wir, dass eine zu große Minderheit der ausländischen Studenten in Deutschland sich nicht richtig willkommen geheißen und aufgehoben fühlt, über Mangel an Kontakt zu Studierenden, einheimischen deutschen Studierenden, aber auch zur allgemeinen Bevölkerung klagt. Daran müssen wir, glaube ich, im gesellschaftlichen Klima ganz dringend arbeiten.

Da haben wir nach meiner Wahrnehmung in den letzten zehn, 15 Jahren Fortschritte gemacht, dass es selbstverständlicher geworden ist, nicht zuletzt in den Medien Menschen zu sehen, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen, aber nicht aus Deutschland gekommen sind. Also, da gibt es Fortschritte, aber da müssen wir noch tüchtig dran arbeiten.

Ein wichtiger Punkt dabei ist auch, die ausländischen Studierenden noch mehr zu unterstützen, schnell gut Deutsch zu lernen. Selbst dann, wenn sie auf Englisch studieren, brauchen sie die Sprache, um einen guten Kontakt zu Kommilitonen und zu Mitbürgern finden zu können.

Heise: Und gerade den Kontakt müssten oder könnten natürlich die Universitäten noch stärker forcieren.

Grothus: Ja, das tun auch viele Universitäten, wir unterstützen auch entsprechende Projekte. Viele Universitäten haben zum Beispiel sogenannte Buddy-Programme eingerichtet, wo also ein deutscher, einheimischer Studierender sich um neu angekommene, internationale Studenten kümmert. Es gibt viele Seminare, um die Integration zu erleichtern. Also, da geschieht einiges, aber der Erfolg ist noch nicht ausreichend, da müssen wir noch tüchtig arbeiten.

Heise: Und gleichzeitig spielen wahrscheinlich gesellschaftliche Prozesse wie die Sarrazin-Debatte eine Rolle oder aktuell das Gefühl, dass bei Morden an Ausländern anders ermittelt wird. Hat so was Einfluss, was meinen Sie?

Grothus: Es hat glücklicherweise einen geringeren Einfluss, als wir manchmal befürchten. Interessanterweise wird trotz der furchtbaren ausländerfeindlichen Übergriffe, die es vor allen Dingen in den 90er-Jahren ja gegeben hat, und auch dieser Mordserie Deutschland bei internationalen Studierenden als ein besonders sicheres Land wahrgenommen. Also, wir können, glaube ich, sagen, dass die meisten ausländischen Studierenden diese schrecklichen und schlimmen Phänomene doch einordnen und sagen, die meisten Deutschen begegnen ihnen nicht als Gewalttäter und schon gar nicht als Terroristen.

Heise: Ich würde jetzt noch mal gerne etwas hören zu dem Ziel: Sie sagen ja, so unattraktiv kann Deutschland gar nicht sein, weil es doch schon eine ganze Menge hier hält. Ein Drittel bleibt hier, zwei Drittel gehen in die Heimat oder in andere Länder zurück. Vor allem in ihrer Heimat werden sie ja ganz häufig auch gebraucht. Wenn das Ziel sein soll, dass alle hierbleiben, dann wäre das ja doch ein Braindrain von Fachleuten, die gerade in den Entwicklungsländern gebraucht werden. Das ist ja eigentlich auch nicht zu verantworten, oder?

Grothus: Das weder ein richtiges, noch ein realistisches Ziel. Wir wissen ja auch aus anderen Ländern, dass die Mehrzahl der ausländischen Hochschulabsolventen aus allen Ländern schließlich in die Heimat zurückkehrt. Das gilt übrigens auch für Deutsche, die im Ausland studieren oder geforscht haben. Also, es ist ebenso unsinnig zu sagen, alle müssen hier bleiben, wie, niemand darf hier bleiben. Worauf es, denken wir, ankommt, ist, dass erwachsene, hoch qualifizierte Menschen selbst entscheiden können, wie sie ihre nächsten Schritte im Berufsleben gestalten wollen. Ob das zunächst hier ist, vielleicht auch für immer hier ist oder in ihren Heimatländern oder in einem Drittland.

Heise: Über die Chancen für ausländische Studierende und Studienabsolventen in Deutschland sprach ich mit Ulrich Grothus, stellvertretender Generalsekretär des Deutschen Adademischen Austausch Dienstes. Vielen Dank, Herr Grothus, für dieses Gespräch!

Grothus: Vielen Dank, Frau Heise!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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