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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 01.08.2009

Ausländerfeindlichkeit in Rostock-Lichtenhagen

Wie sich der Stadtteil seit der Gewalteskalation 1992 veränderte

Von Mandy Schielke

1992 griffen Jugendliche das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen an  (AP Archiv)
1992 griffen Jugendliche das Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen an (AP Archiv)

Es ist 17 Jahre her, dass in Rostock-Lichtenhagen Ausschreitungen gegen Ausländer gab. Mehr als hundert Vietnamesen fürchteten tagelang um ihr Leben. Trotz Veränderungen ist die Ausländerfeindlichkeit nicht vollständig verflogen.

Es ist stickig in diesem Flachbau. Die Decke mit Tarnnetzen abgehangen. Sechs Mädchen zwischen 15 und 22 schauen sich konzentriert im großen Spiegel an. Kopf rechts, links. Sprünge, Hip-Hop-Bewegungen. Alles synchron. Sie schleifen an ihrer Choreografie für die Cheerleadergruppe "InStyle". Enge Tops, kurze Hosen, Pferdeschwänze. Sie sind russisch, rumänisch oder deutsch, leben mit ihren Eltern in Evershagen, Lütten-Klein oder Lichtenhagen, den Plattenbausiedlungen der Rostocker Vorstadt. Ihr Jugendclub ist nach Pablo Neruda, dem chilenischen Schriftsteller und Kommunisten, benannt.

Valentina Swatikow beobachtet das Treiben. Sie ist 58 Jahre alt, trägt Jeans und ein weites, bequemes T-Shirt. Ihre blonden Haare hat sie streng zum Zopf gebunden. Sie ist Sozialarbeiterin im Jugendclub, Russland-Deutsche aus Sankt Petersburg. Seit 16 Jahren lebt und arbeitet Valentina Swatikow, die die Mädchen Swati oder Tina nennen, im Jugendclub und kümmert sich um die Tanzgruppe.

"Das war immer mein Hobby. Immer habe ich Sport gemacht, Gymnastik, Akrobatik, und ich habe getanzt. Das war mein ganzes Leben. Und in Russland sowieso, wenn man sagt, das ist ein Hobby, das bedeutet, das ist harte Arbeit."

Ihre Mädchen treten auf Festen und in Diskotheken auf, erzählt sie stolz. Sie fühle sich wohl in Rostock und nicht als Fremde. Persönlich angefeindet wurde sie eigentlich erst ein Mal in den 16 Jahren, in denen sie hier wohnt. Und das ist noch gar nicht so lange her. In den Siedlungen der Rostocker Vorstadt sieht man sie: die, die Glatzen tragen und im Sommer abgeschnittene Tarnhosen. In den Jugendclub Pablo Neruda kommen sie nicht.

"Wenn sie kommen zu uns, dann gehen sie sofort raus, denn die Atmosphäre, die wir hier haben, die gefällt ihnen nicht."

Rostock-Lichtenhagen - ein Ort, ein Name, ein Symbol - liegt nur zwei S-Bahnstationen von Evershagen entfernt. Drei Sonnenblumen, ein großes Klinkermosaik am Giebel eines elfstöckigen Wohnhauses. Die Plattenbauten in der Siedlung sind hell angestrichen, die Grünflächen dazwischen gepflegt. Ein älteres Ehepaar, das Einkäufe nach Hause trägt. Auf der Bank sitzt ein Mann trotz Hitze in Regenjacke und Seemannsmütze und trinkt Dosenbier. Lichtenhagen ist nicht aggressiv.

"Was aber nicht heißt, dass es hier keine Fremdenfeindlichkeit gibt."

Wolfgang Richter, seit 18 Jahren Ausländerbeauftragter der Hansestadt Rostock:

"Und dass wir nicht sagen können, dass es nicht morgen, übermorgen nicht eine gewalttätige Attacke auf einen Migranten gibt. Das ist möglich. Aber es macht nicht mehr die Grundstimmung eines Viertels oder eines Teiles der Stadt aus. Das hat sich grundsätzlich geändert."

200.000 Menschen leben in Rostock-Warnemünde. Darunter 8000 Ausländer und etwa 4000 Spätaussiedler. Es gibt Vereine, die sich um Integration bemühen. "Bunt statt Braun" zum Beispiel. Bei den Kommunalwahlen im Juni dieses Jahres nun hat die NPD drei Prozent der Wählerstimmen für sich gewinnen können. Zum ersten Mal sitzt die NPD mit zwei Abgeordneten in der Rostocker Bürgerschaft. Eine Niederlage für den, der gegen Fremdenfeindlichkeit kämpft.

"Das Entscheidende ist, die zu erreichen, die irgendwo dazwischen stehen, die von sich sagen, wir sind unpolitisch, uns interessiert weder das eine noch das andere. Die aber dann aktiviert werden können, wenn wir ein Ereignis wie 1992 haben. Da sind Tage später auch Leute hier aus dem Haus zu mir gekommen und haben gesagt, ich hatte solch einen Frust auf diese Ausländer, ich war so wütend und zornig. Aber das, was dann passiert ist, das darf nicht passieren."

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