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Thema / Archiv | Beitrag vom 26.09.2013

Ausklinken auf Zeit

Pfadfinder und bündische Jugendliche lieben auch heute noch das Walderleben

Florian Weghorn im Gespräch mit Frank Meyer

Ein blau-gelbes Halstuch und eine Bundeslilie des Bunds der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)
Ein blau-gelbes Halstuch und eine Bundeslilie des Bunds der Pfadfinderinnen und Pfadfinder (BdP) (picture alliance / dpa / Swen Pförtner)

In ihrer Anfangszeit hatte die deutsche Jugendbewegung rund um die Wandervögel auch ein antimodernes Element. Heute geht es den neuen Jugendbewegten um einen bewussten Austritt aus dem Alltag, "um für einen Moment lang in dieser Gruppe die Gemeinschaft zu zelebrieren", sagt Florian Weghorn vom Verlag der Jugendbewegung.

Frank Meyer: Eine große Ausstellung in Nürnberg zeigt ab heute die Geschichte der Deutschen "Jugendbewegung" – die Geschichte von "Wandervögeln" und anderen Jugendlichen, die mit Klampfe und Liedern und der Sehnsucht nach einem anderen Leben in die Wälder zogen. Solche Jugendliche gibt es bis heute, im Oktober steht ein großes Treffen der Jugend-Bewegten auf dem Hohen Meißner in Hessen an. Was bewegt diese Jugendlichen: sind das Romantiker, Rechte, Naturfreunde?

Ende des 19. Jahrhunderts gab es solch ein Phänomen des Aufbruchs in keinem anderen Land, ein Phänomen wie die deutsche Jugendbewegung. Reformideen haben sie angetrieben. Die Jugendlichen haben vom freien Menschen geträumt. Durch die Gründung des Wandervogels wurde die Bewegung im jungen 20. Jahrhundert zu einem deutschlandweiten Phänomen. Wir reden gleich über die Jugendlichen, die sich heute im Geist der alten Jugendbewegung organisieren, vorher ein kurzer Blick in die Geschichte dieser Bewegung von Christian Berndt.

Und wiederbelebt wurde diese Jugendbewegung: Nach 1945 bis heute gibt es Gruppen, die sich in dieser Tradition sehen, und über die wollen wir reden – mit Florian Weghorn, er ist jetzt hier im Deutschlandradio Kultur, der Geschäftsführer des Verlags der Jugendbewegung. Seien Sie willkommen!

Florian Weghorn: Herzlich Willkommen, danke schön, dass ich da bin!

Meyer: Lassen Sie uns erst einmal klären, wer sich eigentlich heute noch in dieser Tradition sieht – zum Beispiel die Pfadfinder, gehören die dazu? Gehören parteinahe Gruppen wie zum Beispiel die SPD-nahen Falken, gehören die dazu?

Weghorn: Also in Deutschland gehören die Pfadfinder auf jeden Fall mit dazu. Das ist aus der Geschichte der Jugendbewegung in Deutschland zu einer ganz guten Gemeinschaft geworden. Da hat sich auch vieles vermischt von verschiedensten Traditionen, die Pfadfinder haben sich verändert, die Jugendbewegung hat sich verändert, dadurch, dass dort Gruppen aufeinander und Ideen aufeinander gekommen sind.

Da würde man also heute, wenn man über die Mehrheit oder über die Gesamtheit der Leute guckt, sagen, ja, die Pfadfinder spielen auf jeden Fall eine große Rolle. Es gibt aber auch immer noch Gruppen, die selbe Namen pflegen wie zur damaligen Zeit, es gibt sie noch, die Wandervögel, es gibt auch noch Freischar-Gruppen, Jungenschaften, also da ist noch eine ganze Menge zu holen.

Meyer: Eine ziemlich bunte, breite Landschaft habe ich gelernt über diese heutige bündische Jugend. Nun war aber bei der alten, diese Fahrten in die Natur, das war so das Zentralritual, raus aus den Städten mit Zelt und Klampfe und kurzen Hosen, rein in die Natur. Ist das bis heute das Zentralritual dieser Gruppen?

Weghorn: Ich würde sagen ja. Also es gibt viele, viele Ausprägungen, es gibt Pfadfinder und Jugendliche, Jugendbewegte in Stadt und Land, und vielleicht sind es nach wie vor, vor allem die Leute in den Städten, die raus in die Natur wollen. Aber es ist ein zentrales Phänomen geworden und auch geblieben, also die Fahrten in alle Welt inzwischen, aber auch die kleine Fahrt am Wochenende, ab in den Wald, ins Gehölz sozusagen, das ist zentrales Moment, dort findet sich die Gruppe, dort kann man gemeinsam ein Wochenende auf dem Waldboden liegen, und das bleibt auch nach vielen, vielen Jahren, ja nach fast 100 Jahren jetzt, immer noch was Besonderes, vielleicht ist es sogar besonderer heute als damals.

"Tradition mit kleinem 't' "

Meyer: Ja, vor allem ist es besonders, wenn dann tatsächlich, wie in den alten jugendbewegten Gruppen, die deutschen Volkslieder gesungen werden und tatsächlich diese Tradition aufrecht erhalten wird. Ist das so?

Weghorn: Ich würde sagen, auch aus meiner eigenen Erfahrung der Gruppen, spielt das Volkslied nicht so eine Riesen-Rolle. Das gibt es, aber nicht als etwas, wo man sagt, wir setzen uns jetzt mal zusammen und pflegen mal die guten deutschen, alten Volkslieder. Das Repertoire an bündischen Liedern oder an jugendbewegten Liedern ist riesig groß, einige Volkslieder spielen darin eine Rolle, schöne Volkslieder auch, es ist aber genauso, auch über diese vielen Jahre, ein ganz eigenes Repertoire an Liedern entstanden, also da wird eben auch die Situation selber besungen, in der man sich befindet, das Am-Feuer-Sitzen, das Mit-der-Gruppe-durch-Lappland-tippeln, Schwäne über die Wälder ziehen sehen – das ist nicht nur romantisch, aber auch romantisch, und das ist ein ziemlich buntes Liedgut heute.

Meyer: Und was Sie gerade beschrieben haben, diese Hinwendung zu der Natur, raus aus den Städten, rein in die Natur, gemeinsam sein – kann man das beschreiben als gemeinsame Grundidee aller dieser bündischen Gruppen, die es heute noch gibt?

Weghorn: Ich würde sagen ja, also es gibt noch mehr Elemente. Also die Gruppe als solches trifft sich ja auch nicht nur in Pfad und Natur, die Gruppe trifft sich auch wöchentlich meistens in ihrem Gruppenraum in der Stadt, und auch das ist ein ganz wichtiger Aspekt, ein Zusammenkommen aus einem Schüleralltag heraus, aus einem Studentenalltag oder Azubialltag oder was auch immer es dann ist, um für einen Moment lang in dieser Gruppe die Gemeinschaft zu zelebrieren. Das ist was ganz Besonderes, das eint aber auch oder unterscheidet sich vielleicht gar nicht so sehr von anderen Jugendszenen heute, die zum Skaten irgendwo auf einen Parkplatz gehen und sich auch freuen, dass sie mal als Gruppe dort sind.

"Austritt statt Ablehnung"

Meyer: Das verbindet sie mit anderen Jugendgruppen, aber was sie ja tatsächlich zu unterscheiden scheint, ist dieser Moment der Hinwendung zur Natur und auch der Abwendung von der Zivilisation. Romantisch, haben Sie schon gesagt, man hat der alten Jugendbewegung auch immer nachgesagt, das sei so ein antizivilisatorischer Affekt, der da eine Rolle spielt, ein antimoderner Affekt. Wie ist das heute bei diesen Jugendgruppen? Ist das nach wie vor wichtig?

Weghorn: Also ich verwehre mich so ein bisschen diesem Begriff der Flucht oder der Abkehr von etwas, ich glaube, es ist eine sehr bewusste Entscheidung, die Jugendliche, die sich dieser Bewegung zugehörig fühlen, treffen. Indem sie sagen, wir, die wir in unserer normalen Gesellschaft, in unserem normalen Alltag verankert sind, wählen jetzt ganz bewusst mal den Austritt, den Weg in die Natur in diesem Falle – es kann im Übrigen auch eine andere Stadt sein, das muss nicht immer irgendwas mit Wald zu tun haben – und wählen ganz bewusst mal diesen Moment, um etwas anderes zu haben, um dann aber auch montags, wenn man dann von der Fahrt zurückkommt, wieder ganz bewusst und aktiv in das Alltagsleben einzutauchen. Also so viel Romantik, so wie Flucht ist da drin eigentlich gar nicht. Ich glaube, es ist vielmehr ein sehr bewusstes Erleben durch die Kontraste.

Meyer: Und dieses Antizivilisatorische – ich frage auch danach, weil das auch etwas ist, was die bündische Jugend immer angeschlossen hat oder Gruppen davon angeschlossen hat an rechtsnationale Gruppen, da gab es immer wieder Überschneidungen. Gerade in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gab es bündische Jugendgruppen, die sehr nah den Rechten standen. Wie ist das heute? Grenzt man sich da ab oder gibt es da nach wie vor Gruppen, die hinüberschielen ins rechte Lager?

Weghorn: Ich würde zunächst mal sagen, umgekehrt ist die Deutungshoheit sozusagen des Begriffs "bündisch", ist die Deutungshoheit des Begriffs "Jugendbewegung" sehr gering, die liegt ja nicht bei bestimmten Jugendlichen. Das heißt also, unter dem sogenannten Deckmäntelchen vielleicht der bündischen Jugend, der deutschen Jugendbewegung kann sich so allerlei subsumieren. Das ist tatsächlich ein Phänomen, mit dem man sich auseinandersetzen muss, ohne da irgendwas kleiner machen zu wollen als es ist.

Aus meiner Erfahrung heraus geht es um eine deutliche Minderheit, das spielt auch im Alltag der Jugendlichen jetzt nicht so eine Rolle, dass man sagt, ich muss mich eigentlich damit ständig auseinandersetzen, aber gerade, wenn es eben noch mal darum geht, auch die deutsche Jugendbewegung oder die bündische Jugend so zu benamen und zu betrachten, dann muss man sich mit diesem Aspekt auseinandersetzen.

Das wird auch getan, ganz aktiv sogar, da, wo eben Jugendliche zusammenkommen und wo sie sich fragen müssen: Gehören die eigentlich dazu, dürfen die dazu? Was machen die auch mit meinen eigenen Ritualen und Traditionen? Also da wird dann plötzlich auch eine Bewusstwerdung darüber angeregt, was man selber macht, was man trägt, was man singt. Und da muss man ab und zu auch mal ein paar Zöpfe abschneiden, und das passiert zum Glück auch.

"100 Jahre Freideutscher Jugendtag"

Meyer: Es gibt jetzt im Oktober – am 11. Oktober beginnt es – ein Großereignis für die bündische Jugend in Deutschland, da gibt es ein Treffen auf dem Hohen Meißner, ein Berg in Hessen, das hat einen bestimmten Grund: Vor 100 Jahren gab es nämlich auf diesem Hohen Meißner den Freideutschen Jugendtag. Einmal wird dieses Jubiläum gefeiert, 100 Jahre Freideutscher Jugendtag, aber darüber hinaus: Was ist der Sinn eines solchen Treffens heute?

Weghorn: Der Sinn des Treffens ist eigentlich viel weniger die Erinnerung an diesen Freideutschen Jugendtag, sondern ein Auseinandersetzen mit den Traditionen, mit der eigenen Tradition, vielleicht für viele Jugendliche, die dort heute hingehen – es ist eine sehr jugendlich geprägte Veranstaltung, also da kommen 2500 bis 3000 junge Menschen –, … Von denen werden die wenigsten sich ständig mit der Tradition von 1913 auseinandersetzen, und für die ist es aber etwas, wo sie zum ersten Mal vielleicht damit in Berührung kommen, zum ersten Mal auch sagen, was davon gehört noch mir und was davon möchte ich weitertragen, und aber auch ganz deutlich und unabhängig beinahe vom ursprünglichen Anlass sich selber und die heutige Jugendbewegungen feiern und zelebrieren. In erster Linie muss man sich das vorstellen als ein Riesen-Happening, das ist wie ein Festival der besonderen Art, da gibt es jetzt schon 15 Seiten Programm und da wird eine Menge los sein.

Meyer: Die bündische Jugend heute, im Oktober beginnt das Treffen der Jugendbünde auf dem Hohen Meißner, und heute wird in Nürnberg eine groß angelegte Ausstellung zur Geschichte der deutschen Jugendbewegung eröffnet. Bei uns war Florian Weghorn vom Verlag der Jugendbewegung. Vielen Dank für das Gespräch!

Weghorn: Gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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