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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 29.09.2009

Ausgeträumt

Tim Parks: "Träume von Flüssen und Meeren", Kunstmann Verlag, München 2009, 510 Seiten

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Tim Parks Roman spielt in London. (AP Archiv)
Tim Parks Roman spielt in London. (AP Archiv)

Von Meeresidylle keine Spur: Der Roman "Träume von Flüssen und Meeren" führt den Leser in die beiden Riesenstädte London und Neu Delhi - eine Welt voller Smog, Abgase und Zivilisation.

"Das Lebewesen, das im Kampf gegen seine Umwelt siegt, zerstört sich selbst, … Strenge allein ist lähmender Tod, Phantasie allein ist Geisteskrankheit."

Tim Parks, Jahrgang 1954, Pastorensohn aus Manchester, bekennender Fußball-Fan, Literatur-Professor, seit 20 Jahren in Italien verheiratet, drei Kinder, ist ein umtriebiger Mensch. Sieben Sachbücher und Essays sind von ihm erschienen, die Themen unter anderem "Fußball" und "Ehebruch". Bekannt ist Tim Parks als Übersetzer italienischer Literatur wie der von Alberto Moravia oder Italo Calvino, am bekanntesten aber ist Tim Parks als international erfolgreicher und auch regelmäßig in Deutschland gefeierter Romanautor, 2001 mit "Schicksal", 2005 mit "Doppelleben" und 2006 mit dem Roman "Stille". Nun ist Tim Parks 14. Roman "Träume von Flüssen und Meeren" erschienen.

Von Meeresidylle keine Spur. Der Roman führt den Leser in die beiden Riesenstädte London und Neu Delhi - Smog, Abgase und Zivilisation statt Meeresbrise.

Geträumt hat jene "Träume von Flüssen und Meeren" eine der Hauptfiguren des Buches namens Albert James, ein international berühmter Anthropologe, für den der richtungweisende Kommunikationswissenschaftler der 70er-Jahre, Gregory Bateson, als Vorlage diente. Tim Parks versteht seinen Roman als Eloge auf Gregory Bateson, der die geheimen Chiffren des Menschseins zu entschlüsseln versuchte und sie sich mal als Spinnennetz, mal als Fluss, mal als Meer vorstellte.

Der Roman beginnt auf der Beerdingung von Albert James. "Träume von Flüssen und Meeren" ist ein Familiendrama, an dem drei Personen beteiligt sind, neben dem Toten dessen Frau, die als Armenärztin in Delhi arbeitet. Sie ist die Zentralfigur. "Träume von Flüssen und Meeren" will bewusst, so Tim Parks, ein Frauenroman sein.

Die eigentlich handelnde Figur, der Sohn, der in London in Pharmazeutik promoviert, macht sich in Indien auf die Spuren der Identität der Familie und stößt auf schockierende Themen wie Kindesmissbrauch, Mord, Selbstmord, Sterbehilfe oder Ehebruch. Punktuell lässt der Roman die Mühen des Autors durchschimmern, die Fäden in der Hand zu behalten. In einem Interview bekannte Parks, die Storys seien ihm zeitweise über den Kopf gewachsen.

Nichtsdestotrotz ist "Träume von Flüssen und Meeren" ein "Page-Turner". Die Times nannte den Roman "enorm kraftvoll, beängstigend intelligent, packend und anspruchsvoll", der Guardian "gruselig", der Spiegel zeigte sich besonders interessiert an "bizarren Liebesaffären" und nannte Parks einen "gescheiten" Autor, und der Stern fand, der Roman sei "ein raffinierter Geistes-Thriller, ein Schmöker für lebensfrohe Denker." Stimmt, nichts für Depressive!

"Träume von Flüssen und Meeren" berührt, bleibt im Gedächtnis. Anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur auf höchstem Niveau, ein tolles Buch, ein echter Parks.

Besprochen von Lutz Bunk

Tim Parks: Träume von Flüssen und Meeren
Aus dem Englischen übersetzt von Ulrike Becker
Kunstmann Verlag, München 2009
510 Seiten, 24.90 Euro

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