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Lesart | Beitrag vom 16.09.2019

Ausflug in die Natur Bäume, Pilze, Hüttenleben – der Wald boomt

Andrea Gerk und Kim Kindermann im Wald mit Moritz Schmid und Petra Ahne

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Eine Holzhütte steht abgeschieden in einem Wald in Alaska. (Imago / Design Pics / Amber Johnson)
Eine Holzhütte ist der perfekte Ort, um über den Wald zu lesen. (Imago / Design Pics / Amber Johnson)

Das Thema Wald boomt auf dem Büchermarkt. Literatur-Redakteurin Kim Kindermann hat auf Anhieb fast 1500 Titel gefunden. Sie hat ihre Auswahl getroffen und in den Picknick-Korb für den Lesart-Ausflug in den Wald gelegt.

Es ist der Wahnsinn: Wenn man sucht, findet man fast 1500 Bücher rund um das Thema Baum/Natur/Wald. Ich habe mir drei Stapel gepackt:

Bücher zum Thema Wald

Wer nicht fehlen darf, klar, ist Peter Wohlleben mit seinem "Das geheime Band zwischen Mensch und Natur". Es ist beeindruckend, wie der Förster es immer wieder schafft, die Menschen und ihre Sehnsucht nach der Natur in dieser ihm ganz eigenen Mischung aus Wissenschaft und Anekdoten zu verpacken.

Peter Wohlleben: "Das geheime Band zwischen Mensch und Natur"
Ludwig, München 2019
240 Seiten, 22 Euro

Wer aber vom deutschen Förster die Nase voll hat, der muss unbedingt die Bücher von Erwin Thoma lesen, auch er ein Förster, ein Österreicher: "Strategien der Natur. Wie die Weisheit der Bäume unser Leben stärkt" heißt sein neustes Werk. Es erzählt davon, wie jedes Samenkorn, das Geflecht der Wurzeln, das Licht, das durch das Blätterdach scheint, die wohltuend frische Luft, wie all das auf uns wirkt. Thoma erzählt aber auch, wie der Wald entstanden ist. Das ist nicht nur Evolutionsgeschichte pur, sondern auch Wissenschaft zum Anfassen. Völlig fasziniert war ich von den Farben des Lebens – wenn er erklärt, wie etwa das Lichtspektrum der Pflanzen auf uns wirkt, von Grün und Rot. Das ist Chemie pur. Völlig anschaulich. Das, was ich bei Peter Wohlleben vermisse, die echte Biologie, die Chemie, die findet man hier bei Erwin Thoma. Der steht Peter Wohlleben in nichts nach. Kann genauso eingängig erklärt: Durch ihn lernt man tatsächlich die Sprache der Bäume, wie alles funktioniert. Klasse!

Erwin Thoma: "Strategien der Natur. Wie die Weisheit der Bäume unser Leben stärkt"
Benevento, 2019
224 Seiten, 24 Euro

Wo könnte man besser über das Bücherthema "Wald" und den Trend "Waldbaden" sprechen - als im Wald. Um richtig einzutauchen, haben sich Moderatorin Andrea Gerk und Redakteurin Kim Kindermann vom Lesart-Team auf den Weg gemacht in den Wald – und sie haben tolle Gäste zu der Spezialsendung eingeladen: Moritz Schmid, der in seinem Buch "Into the Woods" in seine große Leidenschaft einführt, in die Geheimisse des Pilzesammelns. Außer Pilzen aber suche er im Wald auch Ruhe und persönliches Glück, gibt er zu. Dabei ist auch Petra Ahne, die für ihre Familie nicht nur selbst eine Hütte gebaut hat, sondern in ihrem Buch "Hütten" auch die Faszination des abgeschiedenen Lebens erkundet. Hütte und Wald – beide hätten etwas Einladend-Heimeliges, aber auch etwas Unheimliches und Gruseliges, sagt sie. 

Allgemein über den Wald sprechen, das macht Hansjörg Küster. In seinem kleinen, feinen Buch "Der Wald" beschreibt der Professor für Pflanzenökologie, was ein Wald ist: was ihn ausmacht, dass er eben permanenter Entwicklung und Veränderung ausgesetzt ist. Es gibt nicht nur die eine Geschichte über den Wald, sondern viele. Weil der Wald eben nicht nur Wildnis ist, sondern auch ökonomischen Interessen dient. Küster macht letztlich sehr wissenschaftlich deutlich: Mensch und Wald sind eins, sie beeinflussen sich. Schaut man auf den Wald, weiß man viel über unseren Umgang mit der Natur im Allgemeinen. Gerade angesichts der Erderwärmung zeigt er: Nur mit einer nachhaltigen und langfristigen Waldwirtschaft können wir dem begegnen.

Hansjörg Küster: "Der Wald - Natur und Geschichte"
C.H.Beck, München 2019
128 Seiten, 9,95 Euro

Eine kleine Auswahl verschiedenster Bücher zum Thema Wald liegt im Laub. (Andrea Gerk)Nur eine kleine Auswahl aktueller Bücher, die vom Wald handeln. (Andrea Gerk)

Und weil ich ja auch immer Kinder- und Jugendbücher mit im Blick habe, die die Sachen so erklären, dass echt jeder sie schnallt, erwähne ich "Hubert Reeves erklärt den Wald", ein Kindersachbuch in Comicform. Ganz großartig. Da arbeitet sich Reeves von der untersten Waldschicht in die oberste. Mega anschaulich. Von den Wurzeln, über die Moosschicht, über die Sträucher bis hin zu den Bäumen. Wer lebt wo. Alles in Bildern gezeichnet und erklärt. Ganz anschaulich wird hier dieses Ökosystem Wald beschrieben, in dem alles ineinander greift: Pilze und Bakterien versorgen die Wurzeln der Bäume, die wiederum diese Lebewesen ernähren; im Waldboden wimmelt es von Tieren und in der Wipfelregion noch viel mehr. Das öffnet einem die Augen auch für die Details. Das hat mir sehr gut gefallen.

Hubert Reeves: "Hubert Reeves erklärt uns den Wald"
Verlagshaus Jacoby & Stuart, 2019
64 Seiten, 18 Euro

Und ich nenne Jen Grenns Buch mit dem schlichten Titel "Bäume". Super schön illustriert und ganz nah an den Lesenden dran. Hier versteht man, was für ein Wunder es überhaupt ist, dass ein Baum wächst, dass der Samen anwächst, nicht gefressen wird, dass er sich durchsetzt gegen Wind und Wetter und dass so ein Baum eigentlich nie aufhört zu wachsen. All das total anschaulich geschildert. Ein schönes Buch in satten Farben – das strotzt nur so von Lebenskraft.

Bücher über das Waldbaden

Bücher übers Waldbaden sind der Renner. 41 Neuerscheinungen alleine 2019, darunter der Hit: "Die wertvolle Medizin des Waldes: Wie die Natur Körper und Geist stärkt", geschrieben von Dr. Qing Li, das ist der Begründer dieser Methode. Es ist schon beeindruckend, wie er auf mehr als 300 Seiten darüber schreibt, wie man richtig spazieren geht und sich auf den Wald, sein Licht, seine Bewohner einlässt. Wie man das Kleine im Großen erkennt. Wie beruhigend es sein kann, ein Blatt genauer zu studieren und die Formen zu erkennen. Oder wie es zur Entschleunigung beiträgt, dem Wind zu lauschen. Darum geht es: Langsam werden, Luft holen, die Wirkstoffe des Waldes aufnehmen und sich wieder erden. Toll erklärt mit Bildern, die sofort wirken. Aber auch mit der Ermahnung, sich zwei Stunden am Tag Zeit zu nehmen, Bäume auf sich wirken zu lassen, ob in der Stadt oder zuhause. Welche Pflanzen wichtig sind, was man auch an Duftstoffen nutzen soll. Sehr lebensnah. Und ich, die ich Waldbaden immer ein bisschen schräg fand, habe verstanden, was das ist und warum das auch gerade in so einem Land wie Japan – da kommt es her – so wichtig ist.

Qing Li: "Die wertvolle Medizin des Waldes"
Übersetzt von Katharina Förs
Rowohlt Taschenbuch, 2018
320 Seiten, 16.99 Euro

Miki Sakamoto hat wiederum eine Art Erlebnisbericht darüber geschrieben, was das Waldbaden mit ihr persönlich macht. Das ist sehr poetisch – und manchmal auch zu verkitscht. Dennoch lernt man hier ganz viel darüber, wie sie die Kunst des Waldspaziergangs perfektioniert hat. Wie Buddhismus und die genaue Naturbeobachtung zu einem werden. Und wie sie dadurch seelisch und körperlich gesund wird. Wer so persönliche Berichte mag, wird mit diesem Buch froh.

Miki Sakamoto: "Eintauchen in den Wald"
hanserblau, 2019
208 Seiten, 15 Euro

Mitmachbücher

Schließlich nenne ich noch Bücher, die einladen, selbst aktiv zu werden. Große Klasse. Vorne weg "Pilze: Verrückte Fakten über Fliegenpilz, Hefe und Co." von Liliana Fabisinska und der Illustratorin Asia Gwis: tolle Aufmachung. Danach weiß man, auf was es beim Pilzesammeln ankommt. Etwa, dass es bei den Hutpilzen darauf ankommt, was unter dem Hut liegt: ob es Röhren sind, Lamellen, Stacheln, Leisten. Letztere hat der Echte Pfifferling. Ich weiß, dass man den gemeinen Steinpilz essen kann, den Birkenpilz, die Ziegenlipppe, den Butterpilz, den Edel-Reizker – nicht aber den Pantherpilz, den Orangefuchsigen Raukopf, den ziegelroten Risspilz, und – klar – auch nicht den roten Fliegenpilz. Und weil sich jedes Jahr, so die Autorin, mehrere tausend Menschen allein in Europa vergiften – und weil das für Hunderte tödlich endet – wird hier detailliert erklärt und vor allem gezeigt, wie die jeweiligen Pilze aussehen, wie sie aufgebaut sind, sich fortpflanzen, riechen und schmecken. In tollen Bildern und klugen Texten übrigens. Da lernt man dann auch, wie man Pilze, die sich gleichen, unterscheidet: Der essbare Parasol sieht dem grünen Knollenblätterpilz ja erschreckend ähnlich. Klasse Buch.

Liliana Fabisinska/Asia Gwis: "Pilze: Verrückte Fakten über Fliegenpilz, Hefe und Co."
Übersetzt von Thomas Weiler
Knesebeck-Verlag, 2019
96 Seiten, 24 Euro

Genauso begeistert bin ich von "Mein Naturbuch". Es ist ein klassisches Kritzelbuch, schwarz-weiß illustriert mit Vögeln, Schmetterlingen, Insekten, Pflanzen, Baumblättern, die man ausmalen kann. Darüber hinaus ist das Buch von Nina Chakrabarti eine Anleitung, mit wachem Blick und offener Nase loszugehen: Es gibt genügend Platz aufzuschreiben, was man wie wo gesehen und gerochen hat. Grandios. Hier wird man zum Selbermachen angestiftet. Was gibt es Besseres.

Nina Chakrabarti: "Mein Naturbuch"
Aus dem Englischen übersetzt von Sarah Pasquay
Laurence King Verlag, 2018
224 Seiten, 14,90 Euro

Klassische Bilderbücher

Was nicht fehlen darf: die klassischen Bilderbücher. Zwei habe ich noch dabei: "Der Baum, der froh und glücklich war" erzählt ganz berührend von der Liebe eines Baumes zu einem Kind, der dafür alles gibt. Sogar sein Leben. In schwarz-weiß erzählt. Sehr traurig und doch schön. In den USA ein Klassiker.

Shel Silverstein: "Der Baum, der froh und glücklich war"
Übersetzt von Judith Holofernes und Cornelia Holfelder-von der Tann
Atrium-Verlag, 2019
64 Seiten, 12 Euro

Wie auch das Buch von Gerda Muller: "Unser Baum" erzählt davon, wie schön ist es, einen Förster zum Onkel zu haben. Die Stadtkinder Leo und Carolina lernen bei ihm die 300 Jahre alte Eiche kennen und mit ihr den Kleiber, die Waldschnepfe, den Kuckuck, die Rehe, Dachse und Wildschweine wie auch die Pflanzen rund um den Baum, die Schlüsselblumen und Pilze. Gerda Muller ist die Grande Dame der französischen Illustrationen und so ist auch diese Neuauflage des Kindersachbuch-Klassikers von Gerda Muller von 1991 einfach nur wunderschön.

Gerda Muller: "Unser Baum: Vom Leben einer alten Eiche"
Übersetzt von Gisela Stottele
Moritz-Verlag, 2018
40 Seiten, 14 Euro

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