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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.03.2013

Ausflug in die Hirnforschung

Oliver Sacks: "Drachen und Doppelgänger und Dämonen", Rowohlt Verlag, Reinbek 2013, 352 Seiten

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Die Nervenzellen im Gehirnn können Sinneseindrücke auch vortäuschen. (Universität Antwerpen)
Die Nervenzellen im Gehirnn können Sinneseindrücke auch vortäuschen. (Universität Antwerpen)

Wenn es um Oliver Sacks geht, kommen die Rezensenten in Schwärmen: Er habe einen Röntgenblick für die Abgründe der Seele, heißt es, und als Autor sei er so gut wie Freud und Jung - mindestens! In seinem neuesten Buch widmet sich der Neurologe nun dem Thema Halluzinationen.

Um es gleich vorweg zu sagen: Oliver Sacks wird seinem Ruf als fantastischer Beobachter der psychischen Besonderheiten wieder mehr als gerecht. Sein neues
Buch heißt "Drachen und Doppelgänger und Dämonen" und Sacks entführt darin - dem Titel entsprechend - kunstvoll, ja fast schon märchenhaft in die Welt der Halluzinationen. Also in die Welt der Menschen, die Dinge sehen, hören, wahrnehmen, obwohl diese nicht da sind.

Das liest sich wie ein guter Roman. Man vergisst fast völlig, dass Oliver Sacks hier komplexe Krankheitsbilder beschreibt. Denn genau das tut er: Ausführlich, detailversessen erklärt der Neurologe, wann Halluzinationen erstmals beschrieben wurden - der Begriff taucht schon im 16. Jahrhundert auf, wurde aber erst 1830 von dem französischer Psychiater Jean Etienne Esquirol in der heutigen Bedeutung gebraucht. Er erzählt, welche verschiedenen Ursachen den Halluzinationen zu Grunde liegen; wann wer welches Syndrom zum ersten Mal beobachtet. Oliver Sacks nimmt seine Leser und Leserinnen mit in die Labore der Hirnforscher, in die Praxen der Psychiater. Das ist großartig.

Doch wie in all seinen Büchern stehen die Menschen im Mittelpunkt: Da ist etwa die neunzigjährige Rosalie. Sie sieht, obwohl blind, plötzlich Menschen in morgenlandähnlicher Kleidung, die eine Teppen rauf- und runtergehen. Sie sieht Tiere mit riesigen Mäulern. Dazwischen Kinder, in leuchtende Farben gekleidet. Die Bilder sind stumm. Die Menschen, die sie sieht, nehmen keine Notiz von ihr. Während Rosalie ihre Bilder wahrnimmt, sind ihre Augen offen, sie bewegen sich hin und her, so als könne sie sie tatsächlich sehen. Es handelt sich dabei um das sogenannte Charles-Bonnet-Syndrom. Benannt nach dem Schweizer Naturforscher Charles Bonnet, der im 18. Jahrhundert erstmals dieses Phänomen ausführlich beschrieb. Aber Sacks erzählt auch von Menschen, die Schrift halluzinieren oder Töne. Er berichtet von eigenen Drogenerlebnissen und von Menschen, denen Gliedmaße fehlen, die sie aber weiterhin fühlen.

Sacks enttabuisiert und macht diese Ausnahmeerscheinungen nachfühlbar. Mehr noch: Er zeigt, dass es jedem von uns passieren kann. So wie den Menschen in seinem Buch. Auch sie hatten nicht immer Halluzinationen, sondern diese kamen plötzlich und gingen genauso plötzlich wieder weg. Meist steckt hinter den Wahrnehmungen eine erklärbare hirnorganische Ursache. Da ist etwa eine Historikerin, die unter einer Schädigung der für die visuelle Wahrnehmung zuständigen Kortexarealen litt. Dieser Teil ihres Gehirns wurde zu wenig durchblutet und deswegen sah sie plötzlich Dinge, die nur sie sah. Blumen anfangs, später Wände, die sich ständig in Form und Farbe veränderten.

Oliver Sacks macht so deutlich: Man muss vor Halluzinationen keine Angst haben, muss sie nicht verschweigen, sondern von ihnen erzählen. Das praktiziert er selbst am besten. Man wird mitgerissen von seinem Enthusiasmus und erfährt viel über die bedrückende Schönheit dieser Bilder und Geräusche – auch das macht den Zauber dieses großartigen Buches aus.


Besprochen von Kim Kindermann

Oliver Sacks, Drachen und Doppelgänger und Dämonen. Über Menschen mit Halluzinationen
Übersetzt von Hainer Kober
Rowohlt Verlag, Reinbek 2013
352 Seiten, 22,95 Euro

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