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Interview | Beitrag vom 30.03.2020

Ausbruch des Vulkans TamboraDie Katastrophe, die den Fortschritt brachte

Wolfgang Behringer im Gespräch mit Dieter Kassel

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Eine Luftaufnahme des Vulkans Tambora in Indonesien. (picture alliance / Kompas Images / Iwan Setiyawan)
Ausbruch mit katastrophalen Folgen: der Vulkan Tambora in Indonesien. (picture alliance / Kompas Images / Iwan Setiyawan)

1816 war ein Jahr ohne Sommer: Der indonesische Vulkan Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa war im Jahr zuvor explodiert und seine Asche verfinsterte den Globus. Die Folgen: Missernten, Hunger, Seuchen - aber auch positive Entwicklungen.

Dieter Kassel: Von der spanischen Grippe über die Weltfinanzkrise bis zum Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull reicht die Spannbreite unserer Themen in unserer Reihe "Leben in Ausnahmesituationen", und apropos Vulkan: Wir eröffnen die Reihe jetzt mit einem Gespräch zum größten Vulkanausbruch in der Geschichte der Menschheit. Wir reden mit Wolfgang Behringer. Er ist Professor für frühe Neuzeit an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, und er ist Autor des Buches "Tambora und das Jahr ohne Sommer", das vor zwei Jahren bei dtv erschienen ist.

Der größte Vulkanausbruch in der Geschichte der Menschheit – wir alle kennen Vulkanausbrüche im Prinzip schon, aber der damals war offenbar ganz ungewöhnlich. Kann man das überhaupt beschreiben, was für ein Ausbruch das war?

Wolfgang Behringer: Ja, es gibt da so eine Klassifikation von Vulkanausbrüchen, die Skala geht von eins bis sieben, und das war ein Vulkanausbruch der Stärke sieben. Wir haben in den letzten 4.000 Jahren ganz wenige davon. Der ist eigentlich der einzige, den wir in der historischen Überlieferung haben. Also man müsste sehr weit zurückgehen bis zum Ausbruch des Yellowstone vor 600.000 Jahren, dass man einen stärkeren Vulkanausbruch finden kann.

Globale Abkühlung über einige Jahre

Kassel: Dieser Vulkanausbruch, über den wir reden, der fand auf der indonesischen Insel Sumbawa 1815 statt, und das ist so etwa über den Daumen gepeilt 11 bis 12.000 Kilometer entfernt von Mitteleuropa. Welche Auswirkungen hatte dieser Vulkanausbruch dort dann trotzdem auch auf Europa?

Behringer: Das ist das Interessante dran: Dieser Vulkanausbruch war ein globales Event, das heißt, der Ausbruch war so stark, die Eruptionssäule schleudert so viel Material und Gase in die Stratosphäre, und die Höhenwinde verteilen diesen Auswurf dann über die ganze Welt – ein bisschen ungleichmäßig, sind nicht alle Teile der Welt betroffen, aber doch viele – und verursacht dort eine, man kann sagen, globale Abkühlung über einige Jahre. Das heißt in traditionellen Agrargesellschaften vor allem Missernten, Teuerung, Hunger – und das betrifft unter anderem auch Europa.

In der Reihe "Leben in Ausnahmesituationen" führen wir in dieser Woche Gespräche über die Spanische Grippe 1918, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, den Finanzcrash von 2008, den Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull 2010 und wir blicken nach Mogadischu, wo islamistische Milizen seit Jahrzehnten die einheimische Bevölkerung terrorisieren.

Kassel: War den Menschen in Europa oder auch in Nordamerika und anderswo damals eigentlich klar, dass das, was sie erleben, auf einen Vulkanausbruch in Indonesien zurückzuführen ist?

Behringer: Das ist eine interessante Frage, die habe ich auch untersucht, denn man kann im Tagebuch von Goethe lesen, in seinem Morgenblatt für die gebildeten Stände liest er von diesem Vulkanausbruch, und es war auch bekannt, dass dieser Vulkanausbruch der größte war, den man damals erlebt hat. Also das Gebiet gehört ja zur niederländischen Kolonie hinter Indien, aber in den napoleonischen Kriegen ist es an England gekommen, und es gibt englische Kolonialzeitungen, die auch in Europa gelesen werden, aber mit zeitlicher Verzögerung kommt es dann in die deutschen Blätter, und man hat eigentlich den Zusammenhang der weltweiten Auswirkungen zunächst nicht gesehen.

Frankenstein: Die Erfindung des Horror-Romans

Kassel: Wo Sie Goethe erwähnt haben: Es war für viele Menschen natürlich die Jahre nach diesem Vulkanausbruch eine grauenhafte Zeit. Armut und Hungersnöte, fast überall auf der Welt, aber was mir gar nicht so klar war, das hatte natürlich auch Auswirkungen auf viele kreative Menschen, Künstler, Schriftsteller, Maler, und zwar nicht unbedingt nur negativ, oder?

Behringer: Auf jeden Fall hat es Auswirkungen. Die sind nicht immer ganz leicht nachzuweisen, wie zum Beispiel die berühmte romantische Malerei. Man kann natürlich tolle Sonnenuntergänge auch ohne Vulkanausbruch malen, aber man vermutet, dass diese Abendstimmungen bei Turner oder Caspar David Friedrich mit beeinflusst sind durch diese Stimmung, also durch dieses Global Dimming der Aerosole in der Luft verursacht worden ist.

Buchcover zu Wolfgang Behringer: "Tambora und das Jahr ohne Sommer" (C.H. Beck)200 Jahre nach dem Ausbruch kam Wolfgang Behringers Buch "Tambora und das Jahr ohne Sommer" heraus. (C.H. Beck)

Dann gibt es natürlich die berühmte Erfindung des Horrorromans, wie "Frankenstein", der von einer kleinen englischen Gruppe von Schriftstellern erfunden worden ist, die um diese Zeit im Sommer 1816 am Genfer See Urlaub gemacht haben, und das war dieses berühmte Jahr ohne Sommer, als es wochenlang geregnet hat und ein Gewittersturm den anderen gejagt hat. Die saßen dann im Juli in ihrem Ferienhaus am Kaminfeuer und haben sich gegenseitig Geschichten erzählt, weil man nicht rausgehen konnte.

Kassel: Welche im weitesten Sinne politischen und sozialen Folgen hatte denn dieses Jahr ohne Sommer und überhaupt die globale Katastrophe, die ja mehrere Jahre eigentlich andauerte?

Behringer: Also eigentlich man kann ganz weitreichende Folgen sehen. Das geht natürlich von der Bewältigung dieser sozialen Katstrophe, die damit verbunden war, also die Heere von Arbeitslosen, für die man Beschäftigungsprogramme erfunden hat. Also man musste sozusagen auch diese Krisenbewältigung erfinden, weil eine Krise dieses Ausmaßes hat es vorher, also zumindest jahrzehntelang nicht gegeben, und die Lösungen sind erstaunlich ähnlich zu dem, was wir in der Finanzkrise von 2008, 2009 gesehen haben, nämlich es gibt Beschäftigungsprogramme.

Die Cholera brachte die Kanalisation

Man hat in den Straßenbau investiert, um die Leute, um die Armen von der Straße zu bekommen. Es gibt damals schon diese berühmte Forderung, wie heißt das: Fördern und Fordern oder so ähnlich, also sozusagen man will nicht einfach Gratisgeschenke verteilen, sondern auch die Leute irgendwie in Arbeit bringen und von der Straße bringen. Dann gibt es aber auch Entwicklungen im Bereich des Bankenwesens, also die Erfindung der Sparkasse, die absichtlich nicht den Begriff Bank im Titel enthält, weil man Bank mit bankrott in Verbindung gebracht hat. Dann die Erfindung des Versicherungswesens, denn auch die einfachen Leute sollten Vorsorge betreiben können.

Dann gibt es natürlich noch diese Kaskade an Krankheiten, die diese Hungerkrise im Gefolge hat. Es treten die üblichen Hungerfolgekrankheiten auf wie Hungertyphus und alle möglichen Fieber, Durchfallerkrankungen, Pellagra in Italien. Es entsteht aber auch eine völlig neue Krankheit, nämlich die Cholera, und die Cholera, das ist eine Epidemie, eine Geißel der Menschheit sozusagen, die man nur mit dem Schwarzen Tod im Mittelalter vergleichen kann. Die Cholera ist eine Pandemie, die um die ganze Welt geht und die einen hohen Anteil an Toten nach sich zieht, obwohl es eine bakterielle Infektion war, aber damals kannte man den Unterschied noch gar nicht zwischen Virus und bakterieller Infektion. Man kannte die Krankheitsursachen nicht, man kannte die Therapiemöglichkeiten nicht, und das heißt, man hat es mit einer völlig neuen Krankheit zu tun, die im Juni 1817 in Indien entsteht und sich dann von dort über die ganze Welt verbreitet.

Man kann die Folgen der Bekämpfung, der Behandlung dieser Krankheit heute noch überall sehen, denn man entdeckt, dass diese Krankheit über kontaminiertes Wasser verbreitet wird, und die Folge ist, dass man in den Großstädten Abwasser von Frischwasser trennt. Das heißt, man baut komplette Abwasserentsorgungsnetze auf, zuerst in London, dann in anderen Städten. Jede Stadt hat ja heute eine Kanalisation, und der Bau dieser Kanalisationen weltweit war eine Folge der Choleraepidemien.

Kassel: Das ist ja eine lange Liste, die noch nicht mal völlig vollständig ist, aber eine lange Liste der Folge, die der Ausbruch des Vulkans Tambora vor 205 Jahren hatte.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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