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Tonart | Beitrag vom 09.01.2018

Ausblick auf das Jahr 2018Was bringt der Pop im neuen Jahr?

Andreas Müller im Gespräch mit Martin Böttcher

Beyoncé performt auf der Bühne bei den BET Awards im Microsoft Theater in Los Angeles im Juni 2016. (imago/UPI Photo)
Wird Beyonce eine der Gewinnerinnen des Jahres 2018? (imago/UPI Photo)

Welche Trends kommen in diesem Jahr in der Pop-Musik auf? Welche Newcomer werden es schaffen, welche Phänomene uns begeistern oder nerven? Der Musikkritiker Andreas Müller versucht sich an einer Prognose.

Martin Böttcher: Du hast diverse Listen studiert und analysiert, schon Sachen gehört, die noch nicht erschienen sind, dich also so richtig eingegraben in die Welt der Mutmaßungen, Gerüchte und Zukunftsdiskussionen. Weißt du jetzt, welches der Sound dieses Jahres wird, wer erfolgreich sein wird? 

Andreas Müller: Nein. Was die Kunst angeht, ist das schwieriger denn je vorherzusagen. Was ökonomische Fragen angeht, lassen sich Prognosen erstellen.

Böttcher: Follow the money, klar, wie das auch Detektive tun. Und was lässt sich da voraussagen?

Müller: Das Streaming wird weiter wachsen und auch weiter Einfluss auf die Gestaltung von Songs haben, noch mehr Musikerinnen und Musiker werden in prekären Verhältnissen arbeiten müssen, wenn nicht in diesem Jahr endlich für eine faire Verteilung der Streamingeinnahmen gesorgt wird. 

Eine Zahl vom Ende vergangenen Jahres bestätigt das Gefühl, dass die Rockmusik tatsächlich in der Krise steckt: Hip Hop war 2017 die erfolgreichste Musik in den USA - hat den Rock abgelöst, und es gibt keinen Grund dafür, warum es in diesem Jahr anders werden sollte. Das gigantische Coachella Festival in Kalifornien, das im April veranstaltet wird, nennt folgende Headliner: Beyonce, Eminem und The Weekend. Zum ersten Mal keine Rock-Band als Headliner. Dazu wurde eine wilde Mischung eingekauft von Jean-Michel Jarre bis Princess Nokia. Das ist wie Spotify hören. Ein Festival wie ein Walmart-Supermarkt. Vollgestopft bis zum Platzen. Mehr geht nicht. Könnte sein, dass im Schatten solcher Monster-Festivals sich Veranstaltungen entwickeln, die wieder mit einer sozusagen künstlerischen Handschrift punkten und nicht mit Gigantomanie.

Böttcher: Wird die immer noch ein bisschen seltsam anmutende Vinyl-Erfolgsgeschichte weiter gehen?

Müller: Ist das wirklich eine Erfolgsgeschichte? Natürlich sieht das so aus, wenn man das Wachstum in Prozenten betrachtet. Und in England war das 2017 tatsächlich gewaltig. De facto liegt der Marktanteil der Schallplatte aber gerade mal bei fünf Prozent. Und diese Zahl verdankt sich vor allem den Wiederveröffentllichungen. Im Jahr 2017 hat die Jubiläumsausgabe von Sgt. Pepper im Wesentlichen zum Wachstum beigetragen. Und ich sehe derzeit für 2018 kein Projekt, das ähnliche Kaufanreize bieten würde. Die Kataloge sind weitgehend geplündert, scheint mir - bei den Rolling Stones stehen da rechtliche Gründe im Weg.

"Die aktuelle Liste ist fast schon erschütternd"

Böttcher: Kommen wir wieder zur Musik und zu den Musikern selbst - wir haben eben Alma aus Finnland gehört, die in Deutschland sehr erfolgreich ist und die  auf einer wichtigen Liste auftaucht, nämlich der BBC Sound of 2018 Liste, der Long-List, um genau zu sein - zusammengestellt von zahlreichen Kritikerinnen und Kritikern. Da sind 16 junge Künstlerinnen und Bands aufgeführt, die in den nächsten Monaten wichtig sein sollen. 

Müller: Ja, und die aktuelle Liste ist fast schon erschütternd. Warum, erkläre ich gleich. Eine Musikerin darauf gefällt mir allerdings sehr gut: Nilüfer Yanya. Sie hat eine tolle Stimme und ist eine imposante Erscheinung, dazu kommt sie aus London - da kommt was zusammen. Ich finde ja, sie klingt wie die Schwester von King Krule und der spielt nun die etwas größeren Clubs.

Ich finde das ok, aber alles in allem ist das alles auch sehr brav und korrekt - sie ist engagiert, hat in Athen in Armenküchen gearbeitet etc., was junge urbane Menschen heute eben so machen. Und damit wird sie eine bestimmte Klientel erreichen - aber ist das wirklich die Geschichte für ein neues großes Ding? Ich glaube eher nicht…

Böttcher: Anders zum Beispiel Alma aus Finnland, die auch auf der Liste steht und die in Deutschland ja schon Erfolg hatte?

Müller: Ja, die ist eben so eine Pop-Version des neuen Feminismus. Hat eine Castingshow-Vergangenheit, klingt ein bisschen wie Adele, entspricht dabei nicht den gängigen Schönheitsvorstellungen, kommt etwas trashig rüber - inhaltlich geht es viel um Selbstbestimmung und Ähnliches. Ich denke, die werden wir in diesem Jahr häufiger hören. Ansonsten - viel, viel Durchschnitt und Langeweile auf der Liste - der engagierte Singer/Songwriter, der obligatorische Grime MC, die sensible Norwegerin, eine Engländerin, die Americana spielt - öder geht es kaum noch. 

"Es wird keinen Mega-Sommerhit von Ed Sheeran geben"

Böttcher: Du hast Dir auch noch andere Prognose-Listen angeschaut …

Müller: Ja, und es gibt keine Korrelationen. Jede Liste ist anders, man kann sich auf nichts einigen. Der Trend  der letzten Jahre ist manifest: es gibt das große Durcheinander, eine breite, breite Masse. Oben ist es dann eben ganz, ganz eng …

Böttcher: Was lässt sich denn mit Sicherheit voraussagen?

Müller: Dass es keinen Mega-Sommerhit von Ed Sheeran geben wird. Der veröffentlicht in diesem Jahr nämlich keine neue Platte. Tocotronic werden hingegen Ende dieses Monats eine sehr schöne neue LP herausbringen. Deutsche Rock-Musik wird weiter interessant bleiben - zumal auch Isolation Berlin und Karies mit neuen Sachen kommen werden. Diese Bands sind übrigens in Großbritannien sehr erfolgreich, Karies erscheinen auch auf einem britischen Label - fast hat man den Eindruck dass die Briten selbst keinen Rock mehr hinbekommen.

Die Musik wird wieder schneller werden - langsamer geht nämlich nicht. Und irgendwann haben die Cloud-Rapper allen Hustensaft ausgetrunken. Die Nischen werden größer: Die sog. Neo-Klassik und auch Jazz sind etabliert und werden weiter mehr oder weniger interessante Musik hervorbringen. Der Pianist Nils Frahm ist in Großbritannien schon ein Pop-Star. Und im Jazz finden wir das "Indie"-Phänomen: eigene Labels, eigene neue Festivals, und ein neues Bewusstsein wie man die Musik an die Leute bringt.

Auch die Historisierung geht weiter: Es stehen Filme über das Berliner Hansa Studio und Ennio Morricone an, Who Sänger Roger Daltrey kommt mit einer Biographie, und endlich gibt es auch ein Buch über die Geschichte von CAN - geschrieben von Irmin Schmidt. Es wird Hologramm-Tourneen u. a. von Roy Orbison und Frank Zappa geben! Ein neues Album der Punk-Pioniere The Damned. Und vielleicht auch ein neues Rolling Stones-Album ...

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