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Kompressor | Beitrag vom 12.12.2019

Aus fürs "Neo Magazin"Jan Böhmermann sagt Tschüss - fürs Zweite

Von Matthias Dell

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"Neo Magazin Royale": Jan Böhmermann sitzt auf einem schwarzen Stuhl. Links, rechts und hinter ihm stehen in Reihen weitere schwarze Stühle. (ZDF/ Ben Knabe)
Jan Böhmermann ist mit "Neo Magazin Royale" berühmt geworden. (ZDF/ Ben Knabe)

Jan Böhmermann wechselt im Herbst 2020 ins ZDF-Hauptprogramm. Seinen Namen hat er sich in den letzten sechs Jahren mit einem medial intelligenten Satire-Magazin auf ZDFneo gemacht. Eine Würdigung aus Anlass der letzten Sendung.

Heute geht nach sechs Jahren das "Neo Magazin Royale", anfangs nur "Neo Magazin" genannt, mit einer letzten Ausgabe zu Ende. Jan Böhmermann verabschiedet sich von dem Format, das ihn - muss man so sagen - weltberühmt gemacht hat: Das Erdogan-Schmähgedicht hatte die Abschaffung des Paragrafen für sogenannte Majestätsbeleidigung zur Folge (auf den sich der türkische Präsident berief), allerdings auch die Verschärfung diplomatischer Beziehungen sowie Polizeischutz für den Moderator. FPÖ-Vizekanzler Heinz-Christian Strache markierte Böhmermann vor den Augen der Weltöffentlichkeit als Feindbild, als er nach der Ibiza-Affäre seinen Rücktritt erklären musste.

"Neo Magazin Royale" brilliant im Umgang mit Aufmerksamkeit

Dabei hatte Böhmermann mit dem Video nichts zu tun, nur davon gewusst und dieses Wissen geschickt eingesetzt. Im Umgang mit Aufmerksamkeit und Schnelllebigkeit war das "Neo Magazin Royale" so brillant wie keine andere deutsche Fernsehsendung. Die "Varoufake" genannte Satire, die nach einer Günther-Jauch-Talkshow die halbgare Erklärung des damaligen griechischen Finanzministers Yannis Varoufakis zeigt, er habe, anders als in einem Video zu sehen, Deutschland nicht den Stinkefinger gezeigt, das entsprechende Video sei manipuliert.

Wie das ausgesehen hätte, inszenierte der "Varoufake" des "Neo Magazin Royale", und hielt damit einen Vormittag lang das politisch-mediale Berlin auf Trab. Dass sich die Irritation am Ende als der eigentliche Fake erwies, überschattete den Kern der Satire etwas - Böhmermann ging es um die scheinheilige Instrumentalisierung des Videos durch empörte Medien wie Jauchs Talkshow oder Springers "Bild". Den Spaß, den der "Varoufake" sich machte, bilanziert diese "Stellungnahme des Cutters von Jan Böhmermann" am besten.

Beim Thema Rassismus war Böhmermann nicht avanciert genug

Medial bewegte sich Böhmermann mit dem "Neo Magazin Royale" äußerst geschickt. Er überführte die Techniken von Twitter und Facebook, das Liken und Retweeten, in das Spiel mit dem Strache-Video oder adaptierte in den recherchierten Beiträgen der Sendung zu Homöopathie, dem Schufa-Business oder den Hohenzollern-Forderungen auf smarte Weise die Witz-Fakt-Ästhetik der Vermittlung, wie sie bei Youtubern geläufig ist.

Auch wenn Böhmermann zu einem Faktor in den politischen Auseinandersetzungen der Gegenwart geworden ist - bei Diskursen wie Rassismus etwa fällt die Sendung hinter ihrer Avanciertheit in Sachen digitaler Kommunikation zurück. So lässt sich das Erdogan-Gedicht auch als Ausdruck einer Lust lesen, rassistische Stereotypen durch kritischen Impetus zu reproduzieren. In einem anderen Fall - ein CSU-Politiker hatte sich von Frank Plasberg in dessen Talkshow zur Aussprache des N-Worts verführen lassen - eröffnete das darauf folgende "Neo Magazin Royale" anstelle von William Cohn mit Roberto Blanco, der über Schokoküsse gebeugt zum werweißwievielten Male ein bisschen Spaß diagnostizierte und nicht Diffamierung beklagte.

Die Idee, Blanco als Ausrede zu benutzten (der sagt doch auch, ist nicht rassistisch), hat vor dem Hintergrund von Böhmermanns sonstiger Originalität etwas "Scheibenwischer"-Haftes - ungefähr so, als wäre der "Varoufake"-Stunt in Form eines gut abgehangenen Bedenkenträgertextes in einer bürgerlichen Wochenzeitung versucht worden. Oder als hätte Böhmermann die Aufmerksamkeit vor dem Strache-Skandal via Fax zu lenken versucht.

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