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Konzert / Archiv | Beitrag vom 29.07.2020

Aus den Werkstätten der Neuen Musik (4/4): Neue VocalsolistenStockhausens "Stimmung"

Moderation: Olaf Wilhelmer

Sieben Frauen und Männer stehen in einem dunklen Raum dicht beieinander und posieren frech für die Kamera. (Neue Vocalsolisten / Sebastian Berger)
Die Neuen Vocalsolisten sind ein Verbund von Konzert- und Opernsolisten: vom Koloratursopran bis hin zum schwarzen Bass. (Neue Vocalsolisten / Sebastian Berger)

Karlheinz Stockhausen entwickelte in den 60-er Jahren einen freien Kompositionsstil mit mythisch-meditativer Klanglichkeit. Ein Klassiker wurde sein Werk "Stimmung" für sechs Sänger, heute von den Neuen Vocalsolisten in Stuttgart präsentiert.

Deutschlandfunk Kultur ist durch sein Festival Ultraschall Berlin und auch als einer der wichtigsten Koproduzenten des Deutschen Musikrats für die Reihe "Edition Zeitgenössische Musik" ein wichtiger Partner der Neue-Musik-Szene.

Die freien Ensembles sind durch Konzertabsagen bis in den Herbst hinein betroffen. So entstand die Idee, renommierte Ensembles für Neue Musik innerhalb Deutschlands zu bitten, klein besetzte Konzerte für uns zu gestalten. Und das live aus deren jeweiligen Räumlichkeiten. Heute sind wir bei den Neuen Vocalsolisten im Theaterhaus Stuttgart zu Gast.

All diese Ensembles haben Probenräume oder Ensemblehäuser, die sich für kleine Besetzungen und Aufführungen ohne Publikum eignen. Vier Ensembles haben zugesagt: neben den Neuen Vocalsolisten (Stuttgart) noch das Ensemble Resonanz (Hamburg), das Ensemble Musikfabrik (Köln) und das ensemble recherche (Freiburg).

Inspirierende Begegnungen

Karlheinz Stockhausen war einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Er startete seine Karriere mit Werken, die strikten Baukonstruktionen, der sogenannten seriellen Kompositionsschule, folgten.

Doch in den 60-er Jahren änderte sich seine Sichtweise auf das Komponieren. Zum einen reiste er nach Asien, wo er mit dem Buddhismus in Berührung kam. Zum anderen lernte er als Gastprofessor an der University of California in Davis eine neue Szene kennen: die der Hippies mit ihren friedlichen Happenings. Damit wurde eine Wende seines Stils eingeleitet, hin zum Meditativ-Mystischen, weg vom strikt festgelegten Kompositionsprinzip.

Porträt des Komponisten Karlheinz Stockhausen (imago images / WernerxNeumeister)Karlheinz Stockhausen, hier Ende der 60-er Jahre. (imago images / WernerxNeumeister)

Eines der ersten Werke, in das Stockhausen diese neuen Ideen einfließen ließ, war das Vokalwerk "Stimmung", das 1968 entstand. Hier gibt er zwar klare Anweisungen für die Aufführung, lässt den Sängern aber Raum für intuitive Erfahrung.

Vorgaben

Drei Männer und drei Frauen sollen sich im Kreis um eine Lichtquelle platzieren. Weiße Kleidung schreibt Stockhausen ebenso vor wie den Schneidersitz, den die Interpreten barfuß einnehmen sollen.

Zu jedem Sänger gehört ein Mikrofon. Der erste tiefe Grundton wird von einem Lautsprecher vorgegeben. Darüber entfalten die Sänger in diversen Abschnitten durch melodische und rhythmische Modelle neue Tonfolgen, ergänzt durch Wortstrukturen. Stockhausen gibt hier den Sängern ein eigen verfasstes erotisches Gedicht an die Hand, das im Klangteppich aufgeht.

Stimmungen

Mit der Bezeichnung "Stimmung" verweist Karlheinz Stockhausen auf mehrere Aspekte. Zum einen ist es die harmonisch "reine" Stimmung, die im asiatischen Raum eine größere Tradition hat als in Europa, wo "temperierte" Stimmungen das Spiel der Instrumente durch alle Tonarten möglich machen. Eine reine Stimmung bewegt sich in physikalisch exakten Skalen, die uns heute exotisch anmuten und in nur einer einzigen Tonart verankert ist.

Freiheit

"Stimmung" meint aber auch das Sich-Einstimmen im musikalischen Aufeinanderzugehen. Denn jeder einzelne Sänger muss auf die Impulse der anderen reagieren und den Klang stets modulieren, polyrhythmische Strukturen erzeugen und in das Klangspektrum Melodien einschreiben. Hier kommt Freiheit ins Spiel, durch die ein einzigartiges, meditatives Klangbild entsteht - einmalig in jeder Aufführung.

Das etwa siebzigminütige Werk ist längst ein Klassiker der Vokalmusik des 20. Jahrhunderts geworden.


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Live aus dem Theaterhaus Stuttgart

Karlheinz Stockhausen
"Stimmung" für sechs Vokalisten

Neue Vocalsolisten:
Johanna Vargas, Sopran
Susanne Leitz-Lorey, Sopran
Truike van der Poel, Mezzosopran
Martin Nagy, Tenor
Guillermo Anzorena, Bariton
Andreas Fischer, Bass

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