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Kulturpresseschau | Beitrag vom 13.06.2020

Aus den FeuilletonsZaghafte Rückkehr der Live-Kultur

Von Ulrike Timm

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Rheingold auf dem Parkdeck - Deutsche Oper Berlin (Bernd Uhlig)
Die Deutsche Oper Berlin verlegte ihre "Rheingold"-Aufführung kurzerhand aufs Parkdeck. Ein erster Schritt Richtung Normalisierung? (Bernd Uhlig)

„Endlich wieder live“, heißt es im „Tagesspiegel“ über die Rückkehr des Theaters. Ob Schauspiel Bochum, Deutsche Oper oder Wiener Philharmoniker – sie alle drängt es wieder zurück auf die Bühne – „viren-, masken-, angstfrei“, getestet und mit Abstand.

"Nur regnen darf es nicht" – als die Pressebeschauerin das liest, geht gerade ein Sturzbach hernieder, und die Agenturen melden 150.000 Blitze in 90 Minuten. Egal. Denn die Geschichte zur ins Unwetter hineingeplatzten Zeitungszeile des TAGESSPIEGELS macht Mut.

"Endlich wieder live". Die Deutsche Oper Berlin zeigt "Rheingold" – auf ihrem Parkdeck. In einer schwer abgespeckten Version, "der Kontakt zu den entschlossenen, aber einzeln irrlichternden Sängerinnen und Sängern ist lose", aber ganz langsam, ganz vorsichtig kommt die Kultur wieder aus dem digitalen Loch. Wir brauchen sie, live! Und sei es auf dem Parkdeck. Die Karten – Schutzgebühr fünf Euro, Spenden erbeten – waren innerhalb weniger Minuten vergriffen.

"Berührendes Theater auf Abstand"

Zuvor schon hatte das Schauspiel Bochum unter der Regie von Johan Simons "Die Befristeten" von Elias Canetti auf die Bühne gebracht. 50 Zuschauer verloren sich im Parkett, aber auch hier: "Ein Quantum Leben. Berührendes Theater auf Abstand", lesen wir in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, und weiter:

"Ein Stück, wie gemacht für die Post-Lockdown-Welt: Es ist kurz genug, um Zuschauer und Ensemble nicht zu lange den Aerosolen der anderen auszusetzen. Vor allem aber stellt es einleuchtende Bezüge zu unserer seltsamen Gegenwart dar. Es ist nicht allein das instinktive Voneinanderabrücken der Menschen. Auch ein in Beckett-Manier sich wiederholender Dialog weckt Erinnerungen an die bleierne Zeit der Ausgangsbeschränkungen: ‚Was tun wir heute?‘ ,Dasselbe denk ich, immer dasselbe.‘ ‚Und das wäre?‘ ,Nichts‘ ‚Ja. Nichts. Es ist immer nichts.‘"

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Doch Halt und Stopp – wir wollen uns ja nicht wieder deprimiert vergraben. Also noch eine dritte gute Nachricht von Livekultur gleich hinterher: Die Wiener Philharmoniker spielen wieder, in mittlerer Besetzung, "viren-, masken-, angstfrei", zu zweit am Pult und komplett getestet. "Machen die das nun vor jedem Konzert?", fragt die WELT und freut sich doch. 100 Zuhörer im Saal sind fünf Prozent Auslastung – und doch ein Anfang. 

Zwischen Risikopolitik und Dynamisierungsliberalismus

In der ZEIT beschäftigt sich der Soziologe Andreas Reckwitz mit der Rolle des Staates, der sich seiner Meinung nach im Zuge der Coronakrise gerade neu erfindet – indem er Risikopolitik betreibt, nach vielen Jahren des "Dynamisierungsliberalismus", so nennt es Reckwitz. 

"Die Indizien verdichten sich, dass eine hochdynamisierte Gesellschaft in vollem Tempo eines Staates bedarf, der nicht noch weiter mobilisiert und dereguliert, sondern der stabilisiert und reguliert. Eines Staates, der nicht mitläuft, sondern gegenhält, der nicht beschleunigt, sondern eindämmt". Lesen wir in der ZEIT.

Und können uns dann doch, pardon, in Sachen Kultur langsam ein bisschen weniger Eindämmung vorstellen, oder? Wenn wir uns alle wieder in öffentlichen Bussen knubbeln dürfen, wenn sich Fluggesellschaften schlicht weigern, ihre Mittelplätze frei zu lassen, müssen dann Theater und Konzerte tatsächlich jede zweite Reihe freilassen und die Zuschauer noch zusätzlich auf weiten Abstand setzen? Vielleicht kommt ja doch Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins, mit seinem "Modell Raute" zum Zuge, bei dem das Publikum immer noch mit weitem Abstand und versetzt Platz nimmt – aber nicht auch noch mit leeren Zwischenreihen.

"Niederknien, um aufzustehen"

All die ermutigenden oder doch zumindest halbermutigenden Zeichen aus der Kulturszene können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies eine Woche der Proteste war, Stichwort "Black Lives Matter". Sklavenhändler und Verbrecher der Kolonialzeit wurden vom Sockel gestürzt, in Bristol wurde die Bronzestatue von Edward Colston im Hafenbecken versenkt, in dem US-Südstaat Virginia fiel das Denkmal von Jefferson Davies – er war zu Bürgerkriegszeiten in den 1860ern Präsident - und auch Christoph Kolumbus wurde beschädigt, den man doch über Jahrhunderte als "Entdecker" Amerikas verehrt hat.

"Die da oben" – der TAGESSPIEGEL – stehen eben vor allem auch für Gewalt, Unterdrückung und Kolonisierung. Der Sklavenhändler Colston wurde inzwischen wieder aus dem Bristoler Hafenbecken gefischt. `Jetzt wird das Denkmal abgespritzt, ‚und dann sehen wir weiter‘, hieß es vonseiten der städtischen Sammlungen".

Wut und Verzweiflung machen sich aber auch ganz anders Luft: "Niederknien, um aufzustehen", lesen wir in der NZZ"Dem Kniefall ist eine neue symbolische Bedeutung zugewachsen: Aus einer Geste der Devotion wurde ein Zeichen des Protestes. Wer zurzeit ein energisches Bekenntnis gegen Rassismus ablegen will, tut das am besten, indem er die Knie beugt. Das verstörende Ende des Afroamerikaners George Floyd, der dieser Tage bei einer polizeilichen Festnahme erstickte, treibt das Niederknien weit über die USA hinaus", heißt es in der NZZ. Und weiter: "Aus dem Schwarzen, der einst als Sklave diente, weil er es musste, wird der freie Schwarze, der aufsteht, indem er niederkniet." Für die NZZ ist das auch ein symbolpolitisches Lehrstück.

Zum Wort der Woche wollen wir einen Ausspruch des deutsch-marokkanischen Komikers und Kabarettisten Abdelkarim küren. "Ich finde das Grundgesetz durchgehend super", meint er im Gespräch mit dem TAGESSPIEGEL: "Wenn ich mich aber nur für eine Stelle entscheiden müsste, dann Artikel 1, Absatz 1, Satz 1: ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘. Wenn man versucht, diesen Gedanken im Hinterkopf zu behalten, macht man automatisch vieles richtig."

Eigentlich: fast alles!

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