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Kulturpresseschau | Beitrag vom 22.07.2019

Aus den FeuilletonsWo Museen einfach nicht fertig werden

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Auf der Baustelle des Großen Ägyptischen Museums in Kairo. Auf einem Baugerüst in großer Höhe stehen Bauarbeiter, links im Vordergrund steht eine riesige Statue eines Pharaos. (Ahmed Gomaa / Xinhua / Imago-Images)
Die Eröffnung des Großen Ägyptischen Museums in Kairo wurde schon mehrfach verschoben. Die Gesamtkosten werden auf 550 Millionen Dollar geschätzt. (Ahmed Gomaa / Xinhua / Imago-Images)

In Kairo werden gleich zwei neue riesige Museen gebaut. Bei beiden verzögert sich die Eröffnung, und das treibt die Kosten in die Höhe. Die "Neue Zürcher Zeitung" fragt deshalb, ob es nicht besser wäre, kleinere Brötchen zu backen.

Es gibt nicht nur in Berlin prestigeträchtige Bauprojekte, die nicht fertig werden, deren Eröffnung wieder und wieder verschoben wird und die auch im Nichtbetrieb Unsummen von Geld verschlingen.

"Man wagt gar nicht daran zu denken, wie viel allein die Kühlung des seit Jahren halbleeren Gebäudes kostet, von den laufenden Personalkosten ganz zu schweigen", schreibt die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG über das NMEC in Kairo, das Nationalmuseum der ägyptischen Zivilisation. Ein Riesenhaus mit 130.000 Quadratmetern Fläche samt Umschwung und 300 Angestellten, davon 70 Wissenschaftler. Seit 15 Jahren harrt man der Eröffnung, jetzt ist sie für Ende übernächsten Jahres geplant.

Altes Museum soll weiterbetrieben werden

Doch das ist noch nicht alles: Gleichzeitig entsteht mit dem GEM, dem Großen Ägyptischen Museum, ein weiteres Monstermuseum in Kairo. Auch dessen Einweihung verzögert sich ständig. "Wäre es nicht besser, etwas kleinere, ausbaufähige Gebäude zu planen, diese dafür beizeiten fertigzubekommen?", fragt schweizerisch-lapidar die NZZ.

Zumal es ja auch noch das alte, seit 1902 bestehende Ägyptische Museum am Tahrir-Platz gibt. Sein Inhalt soll feierlich umgezogen werden: Tutanchamuns Grabbeigaben ins GEM, 22 Königsmumien ins NMEC. Aber das alte Ägyptische Museum soll eben auch weiterbetrieben werden. Das ist der Unterschied zu den Berliner Flughäfen.

Ganz andere Probleme hat der 201 Jahre alte Pariser Louvre. Trotz zehn Millionen verkaufter Eintritte und 100 Millionen Euro Staatssubvention pro Jahr reicht das Geld nicht. "Deshalb hat das Staatsmuseum eine eigene Marke geschaffen und tut sich immer öfter durch spektakuläre Partnerschaften mit der Privatwirtschaft hervor", berichtet die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG.

Der Louvre flirtet mit dem reinen Konsum

Es gab da bereits die Verlosung einer im Louvre zu verbringenden Nacht für zwei Personen, inklusive Aperitif vor dem Gemälde der Mona Lisa und Privatkonzert in den Gemächern Napoleons III. Es gab die Möglichkeit, in einer Boutique Armbanduhren mit berühmten Bildmotiven aus dem Louvre zu erwerben, oder die publicityträchtige Kreation von Parfums nach solchen Bildmotiven.

Und die Ende Oktober beginnende Großausstellung zum 500. Todestag von Leonardo Da Vinci ist schon jetzt eine kommerzielle Operation der Sonderklasse: "In den ersten 30 Stunden seien 35.000 Tickets gebucht worden", steht in der SZ.

Der Autor trägt jedoch Bedenken: "Das Museum muß aufpassen, daß die kommerziellen Lockvögel, die es sich ins Haus holt, ihm nicht mit der Pracht der angeeigneten Federn wieder davonfliegen ins Reich des reinen Konsums."

Bayern rettet das Herrenchiemsee-Festival

Parfümduftspuren in Töne übersetzt hat übrigens der portugiesische Komponist Bruno Soeiro, und zwar mit einem Stück, das gerade beim Herrenchiemsee-Festival uraufgeführt wurde. Nach dem plötzlichen Tod des Festivalgründers Enoch zu Guttenberg vor einem Jahr stand die Zukunft des ganzen Festivals in Frage, aber der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG ist zu entnehmen, dass der Freistaat Bayern mit großzügigen Zuwendungen dafür sorgt, dass es weitergehen kann – nächstes Jahr zum 20. Mal.

Zwar hat sich die Chorgemeinschaft Neubeuern inzwischen aufgelöst, weil – wie die FAZ schreibt: "dieser für großformatige Projekte vorgesehene Chor ohne Guttenberg nur noch dahinvegetiert wäre." Aber im übrigen klingt der Bericht in der FAZ sehr nach Idylle:

"Den Charme der Herrenchiemsee-Festspiele und ihr Alleinstellungsmerkmal machen das feudale Ambiente und eine Reihe origineller, auch etwas kauziger Rituale aus. Schon die obligatorische Anreise mit dem Schiff zu den Aufführungsstätten auf Herren- und Fraueninsel gleicht einer Kulthandlung, vor allem sind aber das festlich livrierte Dienst- und Ordnungspersonal und die von vier Alphornspielern zelebrierte Pausenmusik auf dem brunnenumsäumten Gelände vor der Fassade des Schlosses Herrenchiemsee zur Tradition geworden."

Wie glücklich rückwärtsgewandt diese Liturgie doch ist!  

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