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Kulturpresseschau | Beitrag vom 22.06.2019

Aus den Feuilletons"Wir heißen alle Lübcke"

Von Klaus Pokatzky

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Der CDU-Politiker Walter Lübcke (imago images / Eibner)
CDU-Politiker Walter Lübcke wurde von einem Rechtsextremisten ermordet. (imago images / Eibner)

"Jetzt ist der Moment gekommen, in dem die CDU geschlossen verkündet: ‚Wir heißen alle Lübcke!‘", verlangt die "Welt". Auch die anderen Feuilletons haben in dieser Woche ausführlich über den ermordeten Kassler Regierungspräsidenten Walter Lübcke berichtet.

"Auch dieser Sommer, so schaut es aus, wird wieder groß und bunt." Das lasen wir im Berliner TAGESSPIEGEL. "Mit viel entblößter, sehr bunter Haut", beschrieb Peter von Becker, was uns nun erwartet, wenn beim heftigen Sonnenschein unsere Mitmenschen so viel Haut zeigen, wie ihnen nur möglich ist: Tätowierungen, wo man nur hinguckt.

"Heute ist das Tattoo längst keine Botschaft der Außenseiter mehr. Es ist eine – zumal von den digitalen Netzwerken verstärkte – Mode der Massen", stellte Peter von Becker fest. "Fast will es so scheinen, als habe den bürgerlichen Mittelstand die Lust am eigenen Schmerz erfasst. Denn zum Tätowiertsein gehört, je nach Umfang, auch allerhand Masochismus."

Und es gehört offenbar reichlich jugendliche Unbekümmertheit dazu, um es einmal sehr diplomatisch auszudrücken. "Wer in jüngeren Jahren seinen Körper so großflächig mit Tätowierungen überzieht, hat später kaum noch die Chance zu grundlegenden Veränderungen – außer um den Preis unzähliger Laserbehandlungen. Mit bis zu fünfstelligen Kosten, die keine Krankenkasse bezahlt."

Von der Jugend lernen

Vergessen wir aber nicht, was wir von unserer Jugend so alles lernen können. "Die Jüngeren wissen, welche Welt sie erben wollen", stand in der Tageszeitung TAZ zur freitäglichen Protestbewegung "Fridays for Future" – mit der wir alle wachgemacht werden sollen für die Folgen der Klimaveränderung. Viele aber interessiert dabei vor allem, dass die jungen Menschen dafür die Schule schwänzen. "Statt über Präsenzzeiten und Schulleistungen zu diskutieren und zu staunen, könntet ihr die Sorgen und Forderungen der Streikenden auch einfach ernst nehmen", verlangte da Belinda Grasnick in der TAZ. "Was nützt es, in Bildung zu investieren, wenn der Planet wegstirbt?", hieß es in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Unsere Welt – die Art, wie wir Menschen in westlichen Industrieländern leben – ist verloren", meinte Philipp Bovermann. "Es ist Zeit, sich von ihr zu verabschieden."

Manchem hilft dabei auch ein Blick zurück in alte Zeiten – etwa in die der Romantik mit den Werken eines Clemens von Brentano und den verstörenden Bildern eines Caspar David Friedrich. "Sie betrieben eine Umwertung der Werte, sie veränderten die kulturellen Muster. Die ungezügelten Weiten des Meeres, die einen zu verschlucken scheinen, oder die Berggipfel, die man lange als abstoßende Ruinen der Schöpfung betrachtet hatte, galten mit einem Mal als verlockend", rief uns die Wochenzeitung DIE ZEIT in Erinnerung. "Nichts also wäre für die Klimawende produktiver, als es den Romantikern gleichzutun und im Schrecken eine ungeahnte Schönheit aufzutun", ermunterte uns Hanno Rauterberg – und erwähnte als Vorbild das Video des You Tubers Rezo: "Es ist auch der Spaß an der Inszenierung, es ist das quietschig-derbe Sprechen, es ist die Ästhetik, die aus dem Schrecken ein Faszinosum macht."

"Wir heißen alle Lübcke"

Ein Politiker, der deutliche Worte gesprochen hat, wurde ermordet – von einem Rechtsextremisten, wie die Ermittlungsbehörden vermuten. "Die rechtsextremen Kreise, die zuvor gegen Walter Lübcke gehetzt hatten, jubilierten nun über seinen Tod", erinnerte Gustav Seibt in der SÜDDEUTSCHEN an das, was in digitalen Zeiten sich ergießen kann, wenn ein aufrechter Mann wie der Regierungspräsident von Kassel zur Hassfigur bei den Feinden der Demokratie wird.

"Wenn Politiker vor Ort bedroht, gar ermordet werden, wenn die Grundvoraussetzung der Ordnung, das staatliche Gewaltmonopol herausgefordert wird, dann ist es Zeit für eine Solidarität, die sich nicht im Symbolischen erschöpft", forderte Gustav Seibt. "Der unangefochtene Referenzrahmen für die brutale Störung des bürgerlichen Friedens in Deutschland", meinte die TAZ, bleibe immer die Rote Armee Fraktion mit ihren Terrorattentaten: "auch gut 26 Jahre nach dem letzten ihr zugeschriebenen Anschlag". Daniél Kretschmar fragt da: "Aber warum? Im selben Zeitraum, seit dem Frühjahr 1993, zählt die Amadeu Antonio Stiftung mehr als 140 Todesopfer rechter Gewalt."

Die Tageszeitung DIE WELT brachte die Gedanken eines ehemaligen Aktivisten der Roten Armee Fraktion. "Das Attentat ist die menschlich niedrigste Form der gewaltsamen politischen Auseinandersetzung", schrieb der Schauspieler und Autor Christof Wackernagel, der sich einst während seiner Haftstrafe vom linksextremistischen Terrorismus lossagte.

"Jetzt ist der Moment gekommen, in dem die CDU geschlossen verkündet: ‚Wir heißen alle Lübcke!‘", verlangte er. Und: "Über die Frage des möglichen Einzeltäters zu diskutieren, lenkt von der Frage ab: Welches Denken brachte ihn zu dieser Tat?" Christoph Wackernagels Antwort: "Er lebt in dem Wahn, auf der Welle eines Zeitgeists zu schwimmen, der diese Tat legitimiert. Auch und gerade der Einzeltäter ist ausführendes Organ einer geistigen Haltung. Die Frage nach dem Einzeltäter ermöglicht den Betreibern dieser geistigen Haltung, ihre Verantwortlichkeit dahinter zu verstecken."

Hassbotschaften im Netz verfolgen

Nicht verstecken will sich die FRANKFURTER ALLGEMEINE SONNTAGSZEITUNG – wenn es um all die Hassbotschaften im Internet geht.

"Nicht Zuschauer, sondern Akteur zu sein", stellt sich Claudius Seidl vor: "ein Kommunalpolitiker zum Beispiel, der auf Personenschutz keinen Anspruch hat. Seit Walter Lübcke erst bedroht und dann tatsächlich ermordet wurde, muss man jeden Tweet und Post dieser Art beim Nennwert nehmen. Und entsprechend verfolgen und bestrafen."

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