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Kulturpresseschau | Beitrag vom 18.09.2018

Aus den Feuilletons"Wir alle sind Rassisten"

Von Adelheid Wedel

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Ein aggressiver Wolf aus Bronze des Künstlers Opolka symbolisiert einen Mitläufer während einer Kunstaktion. Mit der Kunstaktion will der Künstler gegen rechten Hass und Gewalt protestieren.  (picture alliance/Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)
Dieser aggressive Wolf aus Bronze des Künstlers Opolka symbolisiert einen Mitläufer - die "NZZ" meint: "Rassismus ist allgegenwärtig." (picture alliance/Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)

Die "NZZ" stellt fest: "Rassismus ist allgegenwärtig." Und hält dagegen: Menschenrassen im biologischen Sinn gebe es nicht. Doch die neuen rechten Bewegungen seien dabei, die Hemmschwelle für rassistische Äußerungen und Grenzen des Sagbaren zu senken.

"Wir alle sind Rassisten." Das steht in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Urs Hafner bemüht sich, die Leser davon zu überzeugen. "Natürlich will niemand Rassist sein. Oder doch fast niemand", räumt er ein. Und fährt fort: "Rassismus hat viele Facetten. Angehörige einer anderen Ethnie als Vertreter der betreffenden Ethnie zu beschimpfen, ist die einfachste, klarste", anders ausgedrückt: "Rassismus heißt, ein Individuum (…) aufgrund von Hautfarbe und Herkunft abzustempeln. Rassismus macht den Einzelnen zum Zwangsangehörigen eines Kollektivs, eines negativ bewerteten, in aller Regel."

Hafner ruft Beispiele für alltäglichen Rassismus auf, um festzuhalten: "Rassismus ist allgegenwärtig." Er setzt dagegen: "Menschenrassen im biologischen Sinn gibt es nicht. Es gibt auch keine Kulturen, die das Individuum dahingehend bestimmen würden, dass alle Angehörigen einer Gruppe gleich denken und handeln." Festzuhalten aber sei, dass die neuen rechten Bewegungen daran arbeiten, die Hemmschwellen für rassistische Äußerungen zu senken. "Damit befördern sie nicht nur den offenen, sondern vor allem den immer virulenten alltäglichen Rassismus, dem mit Gesetzen kaum beizukommen ist."

"Geschrei wird nicht helfen"

Es ist unbestreitbar, "die Jagdszenen von Chemnitz haben der rechtsradikalen Szene Aufschwung gegeben", lesen wir in der Tageszeitung TAZ. Die Autorin Anne Fromm beobachtet Ähnliches auch mitten im multikulturellen Berlin und fühlt sich an ihre Kindheit in den 90er Jahren in Erfurt erinnert. Schon damals die Erfahrung: "saufende und bedrohliche Skinheads beherrschen die Szene." Jetzt sei das wieder da. Und wie zum Beweis: "Bundesweit beobachten Opferverbände, dass rechte Übergriffe seit den Aufmärschen in Chemnitz gestiegen sind und brutaler wurden."

Was ist zu tun? "Geschrei wird nicht helfen", meint der stellvertretende Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses und Leiter des Europabüros der Organisation in Brüssel, Maram Stern, in der Tageszeitung DIE WELT. Der 1955 in Berlin Geborene findet in seinem Gastkommentar mit Blick auf Chemnitz klare Worte: "Vorhandener Frust in der Bevölkerung über Fehlentwicklungen und Missstände sollte ernst genommen werden, Ressentiments gegen Flüchtlinge, Juden und andere müssen dagegen bekämpft werden. Dass auf Chemnitzer Straßen ungestraft der Hitlergruß gezeigt wird, ist durch nichts gerechtfertigt." Seine Empfehlung: "Statt sich auseinanderdividieren zu lassen, sollten die Demokraten Einigkeit zeigen. Man begegnet den Feinden der Demokratie mit Haltung und Entschlossenheit und mit den Waffen des demokratischen Rechtsstaates."

Wie sieht es aus mit linkem Populismus?

"Den Rechten etwas entgegensetzen" – das ist erklärtes Ziel von vier Schreibenden, die in der TAZ zu Wort kommen. Auf die Frage: "Wie halten Schriftsteller*innen es mit linkem Populismus und der "Aufstehn"-Bewegung?" druckt die Zeitung vier kontroverse Gastbeiträge von Tanja Dückers, Kathrin Röggla, Ingar Soltay und Raul Zelik, und kündigt damit einen Diskussionsabend im Berliner Brecht-Haus an diesem Mittwochabend an.  Dabei wird es auch um Fragen gehen wie: "Ist die Zeit reif für neue politische Kommunikationsformen? Sollte die Literatur maßgebliche Themen der Zeit leicht fasslich verhandeln und sie der scheinbaren Diskurshoheit der Rechten entziehen? Muss gegenüber jeglicher Form des Populismus die Integrität der Literatur verteidigt werden?"

Wörter und ihre Deutung sind wie immer heiß umkämpft. Aus der Tageszeitung DIE WELT erfahren wir, der Rapper Kanye West hat sich ein Wörterbuch gekauft. Was er damit vorhat, enthüllt Felix Zwinzscher: "West will alle positiv konnotierten Wörter heraussuchen und daraus, mithilfe afrikanischer Parabeln, eine neue Sprache erschaffen, die in letzter Konsequenz den Weltfrieden herbeiführen soll." Seine Diskussionen mit einem Bekannten, die er per SMS führt, und "seine Posts auf Instagram und Twitter verfolgen inzwischen 30 Millionen Menschen." Zweifelsfrei ein Anfang.

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