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Kulturpresseschau | Beitrag vom 22.09.2019

Aus den FeuilletonsWiederaufbau mit Turmhahn möglich

Von Burkhard Müller-Ullrich

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Stahlgerüste am Chor und dem Dach von Notre-Dame stützen einsturzgefährdete Stellen des Bauwerks. (picture alliance / Olivier Boitet / MAXPPP / dpa)
Mitte April wurden bei einem Brand wichtige Teile der Kathedrale Notre-Dame zerstört. In der "Welt" glaubt ein französischer TV-Moderator jedoch an eine identische Rekonstruktion. (picture alliance / Olivier Boitet / MAXPPP / dpa)

Die Mitte April von einem Großbrand schwer beschädigte Kathedrale Notre-Dame wird "identisch wiederaufgebaut". Dessen ist sich in der "Welt" der französische TV-Moderator Stéphane Bern sicher. Möglicherweise sogar mit dem Turmhahn, wie die "SZ" meldet.

Wie in einer Musilschen Parallelaktion kommen die Dinge diesmal doppelt vor: So beschäftigen sich sowohl die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG als auch die WELT mit dem Thema Denkmalschutz in Frankreich. DIE WELT stellt einen Fernsehmoderator vor, der das französische Kulturerbe retten will: Stéphane Bern mit Namen, "so eine Art Thomas Gottschalk der Steine", wie die Reporterin flapsig formuliert.

Ein Mann, der allerdings im Unterschied zu Gottschalk mit dem Staatspräsidenten und dessen Gemahlin per du steht und mit einer nach englischem Vorbild veranstalteten Lotterie das Geld für ein privates Kulturnebenministerium generiert. "Von den 44.000 Kulturdenkmälern, die Frankreich zählt, sind seiner Schätzung nach 9000 beschädigt und mehr als 3000 in akuter Gefahr", erfahren wir. Und auch, wie es mit dem berühmtesten beschädigten Pariser Kulturdenkmal seiner Ansicht nach weitergehen wird: "Notre-Dame wird identisch wiederaufgebaut. Und die Architekten werden sich auf dem Vorplatz austoben und dort zeigen, was sie können."

Turmhahn der Notre-Dame doch nicht geschmolzen

Womit wir bei dem Notre-Dame-Artikel der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG wären. Dort heißt es, dass fünf Monate nach dem Brand der herabgestürzte Turmhahn kürzlich im Rahmen einer kleinen Ausstellung seinen ersten öffentlichen Auftritt hatte. War zunächst die Meldung, dass er geschmolzen sei, um die Welt gegangen, so erwies sich das Tier doch als zäher denn gedacht.

Die nächste Themen-Doppelung führt uns nach Thüringen. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG und die WELT haben Reporter losgeschickt, um dieses AfD-lastige Land kulturell zu erkunden, aber was einem kulturellen Leser am allermeisten auffällt, ist, dass die Presseleute offenbar kein Deutsch können.

"Groß fühlt sich das alles an, und klein man selbst" – mit dieser Stilblüte hebt der Bericht in der WELT über eine Reise zum Kyffhäuser-Denkmal an. Später zieht der Himmel ohne Reflexivpronomen "mächtig und düster zu" und anstatt von Möblierung ist von einer "Möbilisierung der Puppenstube" die Rede. Wenn man gegen solche Sprachschnitzer immun ist, kann man dem Text ein bisschen historische Aufklärung abgewinnen:

"Das Kyffhäuser-Denkmal, das die Kaisertreuen von 1890 bis 1896 vom Architekten Bruno Schmitz an den Rand des Thüringer Waldes bauen ließen, dachte man sich als direkten Draht zum identitätsstiftenden Mittelalter. Auf der maßlos großen Anlage sollte der überlebensgroße Wilhelm I. in direkter Nachbarschaft zum Staufenkaiser symbolisch zum Vollstrecker der deutschen Reichseinheit werden."

Zwei Feuilleton-Reisen nach Thüringen

Na und?, könnte man fragen. So bauten und bauen sich alle Völker und Nationen ihre Mythen, Legenden und Erinnerungsorte. Doch der Impetus des SZ-Autors geht dahin, das alles doof erscheinen zu lassen, denn er wechselt nahtlos zum peinlichsten Problembär der deutschen Rechten: "Die Sache mit dem Wilhelm und dem Friedrich, die fand Höcke gut, als er dastand."

Ebenfalls in Thüringen unterwegs war die FAZ und ebenfalls stehen einem bei manchen Formulierungen die Haare zu Berge. Wie zum Beispiel soll ein "Gebäude von ozeandampferhafter Leichtigkeit" aussehen? Oder was bedeutet der Satz: "Die halbe Gegend ist an diesem Sonntag Ende August in heller Aufruhr, mittlerweile bundesweit" - ganz abgesehen davon, dass Aufruhr männlich ist? Auch hier gilt: Wer sich an der Textqualität nicht stört, hat es leichter, die deskriptiven Passagen über die Internationale Bauausstellung und das ländliche Thüringen zu genießen:

"Das Land ist seit jeher zersiedelt und war lange in ein kompliziertes Geflecht von Kleinstfürstentümern zersplittert, jedes zweite Städtchen hat ein Schloss und ein eigenes Theater oder ein Orchester dazu. Die gängigen Vorstellungen vom kulturellen Zentrum und dem öden Vakuum drum herum, von der aufregenden Stadt und dem ästhetisch hübsch anzusehenden, aber rückständigen Land funktionieren in Thüringen nicht."

So richtig das alles ist – die Formulierung "seit jeher" ist falsch. Entweder muß es heißen "von jeher" oder aber "seit je". War früher unter FAZ-Autoren selbstverständlich.

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