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Kulturpresseschau | Beitrag vom 03.05.2021

Aus den FeuilletonsWie wir in Zukunft flirten werden

Von Hans von Trotha

Ein männlicher Roboter mit menschlichen Zügen trägt ein Strauß roter Rosen in der einen und ein Geschenk in schwarzem Papier mit roten Herzen in der anderen Hand.  (imago images/sarah5/Panthermedia)
Roboterliebe: Werden künstliche Intelligenzen bald für den Menschen das Anbaggern übernehmen? (imago images/sarah5/Panthermedia)

"Die Flirt-Floskeln künstlicher Intelligenzen weisen in eine goldene Zukunft", erklärt Philipp Bovermann in der "SZ". Die computergenerierten Anmachsprüche sein zwar lustig und absurd, würden aber "goldene Jahre der Lyrik und des Glücks" bescheren.

Wer will nach einem Jahr Pandemie noch sicher sein, was sicher wirklich echt ist und was womöglich simuliert? Simulieren kann man schließlich fast alles: Wissenschaft zum Beispiel oder Ferien von der Pandemie oder das Anbaggern der Zukunft.

Die Hybris der Besserwisser

Im FAZ-Feuilleton erfahren wir in diesem Zusammenhang, dass "die Stunde der Besserwisser" geschlagen hat. Diese sind, erläutert Kevin Hanschke, nachdem er die Eröffnungs-Mosse-Lecture von Eva Horn gehört hat, Kinder der Wissenschaftsskepsis. Die Literaturwissenschaftlerin aus Wien sprach über "Wissenschaftsskepsis, Verschwörungsdenken und die Erosion der Wirklichkeit".

"Es ist", so Hanschke, "die Stunde des Besserwissers, der sich über wissenschaftliche Erkenntnisse erhaben fühlt und nichts anderes als seinen Zweifel anzubieten hat." Viele dieser Besserwisser nutzen laut Horn Wissenschaftler als Sprachrohre." Die "neue Waffe im politischen Kampf" sei, so Horn – und da haben wir's: die "Wissenschaftssimulation".

Urlaub von der Pandemie in Madrid

Unter der Überschrift "Küsse und Umarmungen" berichtet Paul Ingendaay in derselben FAZ von einer ganz anderen Art der Simulation:

"Madrid hat einen scharfen Lockdown hinter sich. Jetzt aber", so Ingendaay, "ist fast alles geöffnet, und man simuliert Urlaub von der Pandemie. Geht das gut?", fragt er besorgt, um sich selbst die Antwort zu geben: "Es geht." Und dann erzeugt Ingendaay ein Gefühl, das irgendwo zwischen Neid, Hoffnung, Ungläubigkeit und Sehnsucht angesiedelt ist: "Im Madrid der Jetztzeit", schreibt er, "sind die Gesetze der Corona-Sozialgeschichte, wie wir sie aus Deutschland kennen, außer Kraft gesetzt. Alles hat geöffnet, Läden, Kinos, Kneipen, Museen und Theater."

Immerhin ergänzt er: "Zugegeben, es ist nicht angenehm, im Freien eine Gesichtsmaske tragen zu müssen." Aber, man ahnt es eh: "Sobald man in einem der Madrider Cafés das Glas zum Mund führt, darf die Maske fallen, beim Essen natürlich auch, und Raucher nehmen den Dispens sowieso in Anspruch. Scheint dann noch die Sonne, wie sie es hier oft tut, ist der Urlaub von der Pandemie fast perfekt."

Wenn der Computer flirtet

Aber halt nur fast. Es ist dieses "fast", das die Simulation vom echten Leben unterscheidet. Auch den computersimulierten Flirt vom echten. Noch zumindest. In der SÜDDEUTSCHEN verkündet Philipp Bovermann nämlich: "Die Flirt-Floskeln künstlicher Intelligenzen weisen in eine goldene Zukunft".

Bovermann hat Beispiele: "Ich verliere meine Stimme bei all dem Geschrei, das deine Hotness in mir auslöst" zum Beispiel. Oder: "Ich liebe dich. Es ist mir egal, falls du ein Hund in einem Trenchcoat bist." Und: "Du siehst aus wie Jesus, wenn er ein Butler in einer russischen Villa wäre."

Philipp Bovermann zitiert Janell Shane, die ihr Forschungsgebiet "AI Weirdness" nennt. Bovermann übersetzt das so: "Ungelenkigkeit künstlicher Intelligenzen auf Gebieten, auf denen sie mit der menschlichen Lebenswelt interagieren, also auf allen."

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"Ein kurzes Interregnum des Irrsinns"

Ihn treibt allerdings die Sorge um: "Bloß weil diese Sprüche lustig und absurd und toll sind, heißt das ja nicht, dass man sie in den kommenden Jahren nicht tatsächlich zu hören bekommen könnte." Der Menschheit stünden "bei den unbeholfenen Versuchen zwischen Menschen und Computern, sich gegenseitig zu verstehen, goldene Jahre der Lyrik und des Glücks bevor. Ein kurzes Interregnum des Irrsinns, eine Art Westberlin der Sprachgeschichte, in dem Undenkbares, Unmögliches, Phantastisches in den Alltag einziehen wird."

Und das ist spätestens dann der Fall, wenn die KI nicht mehr nur unser Flirten simuliert, sondern auch wir das ihre. Falls Sie schon mal üben wollen: In der SÜDDEUTSCHEN treten drei flirtende Künstliche Intelligenzen gegeneinander an. Curie schlägt vor: "Ich bin wie Eiscreme. Du kannst mich für eine Weile im Gefrierschrank behalten, aber dann schmelze ich!" Babbage, lesen wir, "empfiehlt, gleich zum Punkt zu kommen: 'Willst du mich heiraten?'" Und da Vinci "geht die Sache bisweilen poetisch an ('Du siehst aus wie ein Geheimassassine aus den Wolken'), dann wieder sehr bodenständig ('Magst du Pfannkuchen?')."

Es wird nicht mehr lange dauern, bis wir auch hier nicht mehr so richtig unterscheiden können, wer da wen simuliert – geschweige denn was und wozu.

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