Seit 15:05 Uhr Tonart
Dienstag, 15.06.2021
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Kulturpresseschau | Beitrag vom 17.05.2021

Aus den FeuilletonsWie die Stadtflucht gelingt

Von Ulrike Timm

Bei einem Dorffest sitzen viele Menschen auf Bierbanken. (imago images / Becker&Bredel)
Es gebe Zugezogene, die sich auf das Landleben wirklich einließen, schreibt die "Welt" - der Besuch von Dorffesten beschleunige die Integration. (imago images / Becker&Bredel)

Aus Jaffa meldet sich ein tapferer Historiker zu Wort."Klatschen reicht nicht" zu sagen, reicht nicht, findet die "taz". Frankreich freut sich auf kulturelles Remmidemmi. Und die „Welt“ erläutert, wie der Umzug von der Stadt aufs Dorf gelingen kann.

"Liebe Freunde!" – einen traurigen, verzweifelten, auch ratlosen Brief hat Dror Wahrman, Professor für Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem, der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG geschrieben.

Bedrohte arabisch-jüdische Solidarität

Wahrman berichtet aus Jaffa, dem israelischen Stadtviertel, das bislang für "die Vision der ethnisch gemischten Stadt" stand. Hier lebt der Historiker, und hier leitet er das Akademische College, das "das Ideal der gemeinsamen Gesellschaft ganz oben auf die Agenda gesetzt hat." Tapfer schreibt Wahrman:

"Ich komme gerade von einer großen israelisch-palästinensischen Demonstration im muslimischen Herzen von Jaffa, nicht die bequemste Veranstaltung, aber ich bin hingegangen, um die arabisch-jüdische Solidarität zu betonen. Die Lage hat sich hier so rasch verschlechtert, dass uns allen immer noch der Kopf schwirrt."

Am Sonntag noch habe man im Rahmen einer Ramadan-Veranstaltung mit Juden, Moslems, Drusen und Christen zusammengesessen. Jetzt habe ihn eine palästinensische Doktorandin mit Tränen in den Augen gefragt, "wie es sein könne, dass sie und ich jetzt Angst hätten, die Straßen unserer gemeinsamen Stadt zu betreten, obwohl wir doch noch am Sonntag zusammen zu Abend gegessen hätten."

Und auch wenn Dror Wahrman und viele seiner Landsleute an der Vision einer gemeinsamen Gesellschaft jüdischer und arabischer Israelis festhalten – auf diese Frage hat er angesichts des Terrors keine Antwort. Dror Wahrmans "Brief aus dem Schrecken" finden Sie in der FAZ.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Tonwechsel. Und Themenwechsel.

"Auch ‚Klatschen reicht nicht‘ zu sagen, reicht nicht", mahnt die TAZ und erinnert daran, dass der dankbare und respektvolle Applaus für die bislang wenig verändert hat.

Anerkennung ohne Geld?

"Applaus bezahlt keine Miete. Applaus verhindert keine Überstunden. Applaus schützt nicht vor einem Burn-out. Das Klatschen war nur gut, weil es die ‚Klatschen-reicht-nicht-Sätze‘ möglich gemacht hat. Aber auch ‚Klatschen reicht nicht‘ zu sagen reicht nicht. Und viel mehr ist bisher nicht passiert."

Kulturverluste in der Pandemie

Ganz langsam bereitet man sich in Deutschland auf die Öffnung von kulturellen Veranstaltungen vor. Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG fragt unter der Überschrift "Kulturerbe im Krisenmodus", ob auch das Erfolgsmodell der rund 300 Kunstvereine die Pandemie überstehen werde.

Bürgersinn und die Vermittlung zeitgenössischer Kunst prägten das Bild und die Arbeit dieser Kunstvereine. Und Kunst müsse man eben zeigen, nicht bloß zoomen. Die Sorge ist groß, dass gerade die experimentellen Projekte verschwinden könnten.

Kulturrausch in Frankreich

Derweil freut sich Frankreich auf Remmidemmi. Am 19. Mai geht nicht alles, aber sehr vieles wieder auf. "Bühnen und Museen melden erfreuliche Vorbestellungen. Nach einem Jahr Entzug ist 'Kulturrausch' angesagt" meldet die FAZ. Allerdings – das eine oder andere heiß ersehnte Ereignis könnte gleich wieder Opfer von Streiks werden.

Tipps für Zugezogene auf dem Dorf

Die WELT erkundet im Gespräch mit der Geografin Susanne Dähner das Leben von Stadtflüchtigen auf dem Lande. Die Integration der Städter in die Dorfgemeinschaften sei möglich, aber nicht immer einfach, meint die Fachfrau, die eine Studie mit dem Titel "Landleben 4.0" vorgelegt hat.

Klar, es gäbe bitterarme Dörfer, etwa in der Uckermark, wo vor jedem schön sanierten Häuschen ein Auto mit Berliner Kennzeichen parke und nur Wochenend-Zweitsitze entstanden seien. Aber eben auch Beispiele für zugezogene Gründer, die Neues schafften und sich auf das Landleben wirklich einließen. Ihr Tipp:

"Man muss auch mal zum Fest der Freiwilligen Feuerwehr und zum Dorffest gehen, ohne sich daran zu stören, dass es dort nach Bratwurst riecht und es nichts Veganes gibt."

Mehr zum Thema

Dorfleben mit guten Ideen - Unser Ort soll attraktiver werden
(Deutschlandfunk Kultur, Länderreport, 18.08.2020)

Nahostkonflikt - Zu viele, die es immer besser wissen
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 15.05.2021)

Finanzierungslücken bei Museen und Theatern - Eine Kulturtaxe für München?
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 16.05.2021)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

Podcast "Cui Bono"Mit Ken Jebsen im Kaninchenbau
 In einer Menschenmenge steht ein Mann mit dunklen Haaren und schaut kritisch nach schräg links oben. Es handelt sich um Ken Jebsen. (picture alliance / dpa | Felix Zahn)

Wie wurde aus dem Moderator Ken Jebsen ein einflussreicher Verschwörungsideologe? Ein neuer Podcast zeichnet seinen Radikalisierungsprozess nach. Der 11. September sei ein Erweckungsmoment für Jebsen gewesen, sagt Podcastmacher Khesrau Behroz.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur