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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 29.11.2019

Aus den FeuilletonsWie Dichter ihre Zeit verbringen

Von Gregor Sander

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Ein Comic von einem Handwerker, der wie Superman fliegt, in nach oben gereckten linken Hand hält er ein Werkzeug, in der rechten einen Werkzeugkoffer (imago/Panthermedia/rogistok)
Sie schuften, um dichten zu können, schreiben dann aber über ihre langweiligen Jobs: Das sind die Dichter unserer Tage, glaubt man der Tageszeitung "Die Welt". (imago/Panthermedia/rogistok)

Die Vorstellung vom Dichter als Bohemien ist passé. Zeitgenössische Poeten malochen, lesen wir in der "Welt". Sie verdingen sich als Hostess, Simulationspatientin oder Tellerwäscher. Das hat Auswirkungen - auch auf die Länge ihrer Texte.

In der nächsten Woche hat die SPD endlich zwei neue Vorsitzende. Ob es der Volkspartei im freien Fall danach besser gehen wird, weiß allerdings noch keiner. In der TAZ ist folgender Satz über sie zu lesen:

"Ihre Programm- und Ideenlosigkeit ist so groß geworden, dass sie zwar noch eine Grundwertekommission besitzt, die für eine ferne Zukunft wieder eine Art Programm erfinden soll, im Übrigen aber mangels irgendeines Gedankens, der mit ihrer Vergangenheit zusammenhinge, Meinungsforschungsinstitute beauftragt hat, herauszufinden, wo gegebenenfalls noch Wähler zu finden wären, die für sie stimmen könnten."

Das einzig Erstaunliche an diesem Satz ist, dass er aus dem Jahre 1985 stammt, obwohl er doch die SPD-Probleme von heute formuliert. Geschrieben hat ihn Walter Boehlich, der von 1979 bis 2001 eine Kolumne im Satiremagazin Titanic hatte, deren gesammelte Texte jetzt im Verbrecher Verlag erschienen sind und die laut Thomas Schaefer "gut gealtert" sind.

Was Gerhard Matzig in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG von der heutigen SPD zu berichten hat, könnte auch aus einem Satiremagazin stammen, ist aber die pure Realität, denn es lädt der "SPD-Unterbezirk München-Stadt für den 4. Dezember in die ‚Amore Bar‘ zum ‚Speed-Dating für den Stadtrat‘ ein. ‚Aus Liebe zu München‘ solle sich dann das Volk in ‚lockerer Atmosphäre‘ jenen Kandidaten – minutenweise – nähern, die für die SPD in den Münchner Stadtrat ziehen wollen."

Es mag ja sein, dass man zufällig beim Über-die-Stühle-rücken des Speed-Datings seine große Liebe findet, aber ob man so wirklich Wähler zurückgewinnt?

Vom Dichter-Genie zum Buch-Arbeiter

Wie man seine Zeit als Dichter verbringt, diese Frage stellt Leander Steinkopf in der Tageszeitung DIE WELT. Die Antwort lautet, es wird geschuftet:

"Von zeitgenössischen Klappentexten und Autorenselbstdarstellungen ist das unintellektuelle Malochen nicht wegzudenken, teilweise in länglicher Listenführung wird dort die ganze undichterische Erwerbsbiografie aufgefahren, Tätigkeiten als Hostess, Simulationspatientin oder Tellerwäscher, Nachtwächter oder Imbissaushilfe."

Außerdem hat Steinkopf, der selber bisher Theaterstücke, Erzählungen und Sachbücher veröffentlichte, bei der Literaturkritik einen Hang zum dicken Buch erkannt: "Wenn man etwa den Deutschen Buchpreis betrachtet, scheint es eine untere Fleißgrenze von 350 Seiten zu geben, die nur selten gerissen, jedoch oft weit übersprungen wird."

Steinkopf wirft den Autorenhang zur niederen Arbeit und die Kritikerliebe zur dicken Schwarte in einen Topf und kommt dann zu folgendem Ergebnis:

"Nicht die Muse, sondern einzig die Mühe" zählt, "geküsst wird nicht mehr, bloß geschwitzt. Nicht 'Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf', sondern 'Schaffe, schaffe Häusle baue'. Arbeitsethik statt Geniekult. Aber es ist verständlich: Wenn die Kritik immer häufiger klagt, dass ihr die Kriterien davonschwimmen, dann ist harte Arbeit fester Boden."

Die Kleiderabseitsfalle hat zugeschnappt

Eine neue Arbeit hat die aktuelle Nummer 78 der Weltrangliste im Tennis, Andrea Petkovic, gesucht und gefunden. Nach dem Eiskunstläufer Rudi Cerne und der Schwimmerin Kristin Otto wird auch sie für das ZDF moderieren. Neu ist eigentlich nur, dass die 32-Jährige auch im nächsten Jahr neben der "ZDF-Sportreportage" noch Weltklassetennis spielen will. Joachim Huber hebt im Berliner TAGESSPIEGEL auch noch hervor:

"Im Bildermedium Fernsehen gehört das Outfit zu den wichtigen Fragen. Nichts Schwarzes, nichts Weißes, nichts Kleingemustertes, wurde ihr vom Sender geraten. Trainingsanzug geht gar nicht. Petkovic sagte, sie habe schon eine ungefähre Idee", schreibt Huber. Rudi Cerne wurde das vor seiner ersten Moderation sicher nicht gefragt. Die Kleiderabseitsfalle hat also im TAGESSPIEGEL zugeschnappt.

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