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Kulturpresseschau | Beitrag vom 19.03.2021

Aus den FeuilletonsWenn "Zigeunersauce" wichtiger ist als der Stundenlohn

Von Arno Orzessek

Ein deftiges Gericht auf einem Teller: Hackbraten mit "Zigeunersauce" und Kartoffelrösti. (imago-images / Imagebroker)
Laut der "Welt" befassen sich linke Denker aktuell mit dem falschen Sujet wenn sie über die "Zigeunersauce" wettern. (imago-images / Imagebroker)

Bernd Stegemann, Dramaturg am Berliner Ensemble, spottet in der "Welt" über die Wokeness der Linken. Statt sich mit dem Stundenlohn abhängig Beschäftigter zu befassen, kümmere man sich um Begriffe wie "Zigeunersauce".

In der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG schreibt Werner Bartens "über die Faszination schlechter Nachrichten" - und er tut es dankenswerterweise gut gelaunt:

"Viele Menschen können die Schreckensmeldungen zu Corona angeblich nicht mehr hören, aber sie hören trotzdem weiter zu. Wird jede Mutante zum Killervirus hochgejazzt, kann hinterher keiner sagen, er sei nicht gewarnt gewesen. Dass von Sars-CoV-2 mittlerweile 4000 Mutanten existieren, die wieder verschwinden oder keine Bedeutung haben, findet sich nur im Kleingedruckten. Auch Zahlen bieten sich an für Grusel. Achtung Kalauer: Vier von drei Menschen haben keine Ahnung von Statistik. Beispiel englische Mutante: Die Sterblichkeit nach einer Infektion mit B.1.1.7 liegt um 64 Prozent höher als mit anderen Virusvarianten. Schlimm! Ausgedrückt als absolutes Risiko erhöht sich die Sterblichkeit unter den Infizierten von 0,25 auf 0,41 Prozent. Klingt gleich anders, oder?", fragt Werner Bartens in der SZ.

Auswirkungen von #MeToo in der Theaterwelt

Von der Pandemie zum Patriarchat:

"Es ändert sich etwas, aber es reicht noch nicht", bemerkt im Interview mit dem Berliner TAGESSPIEGEL Bettina Jahnke, die Intendantin des Potsdamer Hans Otto Theaters. Als Jahnke in Potsdam begann, sagte sie: "Weibliches Führungsverhalten ist anders" - "Wie würden Sie das beschreiben?" will nun der TAGESSPIEGEL wissen:

Jahnke glaubt, "dass wir nicht so anfällig sind für Status- und Machtgebaren. Frauen gehen anders mit Macht um, pflegen ein anderes Miteinander, eine andere Führungskultur. Da ist die sexuelle Komponente nicht so ausgeprägt, wie das schnell bei Mann und Frau passiert."

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Mit der "Patriarchendämmerung" auf dem Theater befasst sich Eva Behrendt in der TAGESZEITUNG:

"Schlechte Arbeitsbedingungen, miese Bezahlung und dann auch noch hinter der Bühne angeschrien, angebaggert oder gegeneinander ausgespielt werden? Lange Zeit gehörte es zum Berufsethos, das im Namen der Kunst auszuhalten. Diese Zeiten scheinen nun endgültig vorbei: Mit dem Rücktritt des letzten Volksbühnen-Intendanten Klaus Dörr nach Sexismus- und Machtmissbrauchsvorwürfen, aber auch Skandalen wie um Matthias Hartmann, der als Burgtheaterdirektor ein 'Klima der Angst' erzeugt haben soll, oder um Peter Spuhler, dessen Mitarbeiter*innen am Badischen Staatstheater Karlsruhe sich über 'Kontrollzwang, beständiges Misstrauen, cholerische Ausfälle' beschwerten, steht nun der Intendantenjob selbst unter Verdacht", konstatiert Behrendt in der TAZ.

Linke Denker beschäftigen sich mit den falschen Dingen

Wir bleiben unter Theaterleuten. Bernd Stegemann, Dramaturg am Berliner Ensemble, behauptet in der Tageszeitung DIE WELT:

"Es gäbe viel zu tun für linke Denker, aber leider kümmern die sich lieber um Fragen der Wokeness. Die Zigeunersauce ist der neue Hauptwiderspruch, der Stundenlohn ist Nebensache."

Stegemann bekämpft ein Feindbild: Woke Menschen, "die sich selbst als 'erwacht' sehen."

"Beispielhaft ist die junge Frau aus gutem Hause, die als Studentin nach Berlin zieht und einen Workshop 'Intersektionaler Feminismus' besucht. Hier erlernt sie in wenigen Stunden die Schlagworte, mit denen sie seitdem ihre Welt beschreibt. Ohne große Mühe verfügt sie jetzt über ein Werkzeug, mit dem sie brillieren kann. Wenn ihr etwas nicht passt, erwidert sie einfach: Ich fühle mich verletzt, und das ist typisch für das Patriarchat. Wer sich dabei an die 'Spiegel'-Kolumnistin Margarete Stokowski erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch", höhnt Stegemann in der WELT.

Der anrührende Alt-Punk Johnny Rotten

Verlassen wir die Krawallzone! In der SZ erzählt Johnny Rotten, einst Mitglied der Punk-Band Sex-Pistols, wie er seine schwer demenzkranke Frau Nora pflegt. Als Rotten bekennt "Ich will Spaß haben im Leben. Und Sex", fragt die SZ nach: "Sie haben noch Sex mit Nora?"

Darauf Rotten: "Yesss! Wir brauchen liebevolle, wärmende Nähe zwischen uns, wieso sollten wir darauf verzichten? Wenn ich keinen Sex mehr wollte, würde ich sie isolieren und denken lassen, dass sie etwas falsch macht. Nora und ich verspüren so viel Liebe zueinander." Anrührend: Johnny Rotten. -

Zuletzt das: In einer Überschrift der WELT ist zu lesen, was vielleicht auch Sie am Wochenende leisten könnten - nämlich "Liebesdienste".

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