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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 08.06.2019

Aus den FeuilletonsWenn der Volkszorn die geistige Offenheit zerstört

Von Tobias Wenzel

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Wenn es nach Marc Jongen von der AfD ginge, könnten die Deutschen ruhig noch etwas zorniger und wütender sein. (imago stock&people)

Deutschland sei nicht zornig und wütend genug, erklärte der AfD-Politiker Marc Jongen, seines Zeichens ehemaliger Assistent des Philosophen Peter Sloterdijk. Daraufhin hagelte es Kritik an Lehrer und Schüler - nachzulesen in "SZ" und "Merkur".

Haben Sie, liebe Hörer, gerade das Gefühl, thymotisch unterversorgt zu sein? Der AfD-Politiker Marc Jongen hat behauptet, Deutschland leide an einer "thymotischen Unterversorgung", dem Land mangele es an Wut und Zorn, an "thymos".

Das altgriechische Wort bedeute auch "Bereitschaft und Entschlossenheit zum Kampf", klärte Jens Bisky in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG auf. Populisten sprächen gern von der "thymotischen Unterversorgung", wenn sie gegen Flüchtlinge und die Presse mobil machen wollten.

Verlust der geistigen Offenheit

Jongen war Assistent des Philosophen Peter Sloterdijk. Der hat Jongen zwar mittlerweile als "Hochstapler" bezeichnet. Aber Jongen bezieht sich auf Sloterdijks These, dass in der Geschichte Gesellschaften den Zorn vernachlässigt haben.

Der Philosoph Gunnar Hindrichs hat nun in der Zeitschrift "Merkur" nicht nur den Begriff der "thymotischen Unterversorgung" kritisiert, sondern auch Sloterdijk. Der habe die drei Anteile, die Platon der Seele zuschreibt, nämlich "einen vernünftigen, einen begehrenden sowie einen mut- und zornartigen" Anteil, auf unzulässige Weise gegeneinander ausgespielt. So gehe die "geistige Offenheit" verloren. Die SZ zitiert Gunnar Hindrichs so: "Die Bemühung des Thymos bemüht den Bürger, der das Gemeinwesen zerstört."

Ungerechter Umgang mit der SPD

Die große Unterversorgung, mal unterstellt, mal tatsächlich vorhanden, hat überhaupt die Feuilletons dieser Woche bestimmt.

Wer bisher geglaubt hatte, die SPD sei unterversorgt, wenn es um große Ideen für die Zukunft geht, den versuchte Barbara Dribbusch in der TAZ, weniger als Journalistin, mehr als Aktivistin, eines Besseren zu belehren.

"Schämt euch, Wähler!", setzte sie anlässlich des Rücktritts von Andrea Nahles zu einer Publikumsbeschimpfung an: "Keine Partei ist mit einem so hohen Anspruchsdenken konfrontiert wie die SPD. Und wenn Mama und Papa dann nicht mehr liefern (können), dann gibt’s eben kein Kreuzchen mehr", schrieb Dribbusch äußerst thymotisch.

"Dann ergötzt du dich am darauf folgenden Spektakel, wenn eine Partei sich selbst zerlegt. Wie eklig ist das und wie regressiv."

Mangel an gängigen Moralvorstellungen

Nicht als eklig, aber als "infam" bezeichnete Alex Rühle in der SÜDDEUTSCHEN, was die Bloggerin des Jahres 2017, Marie Sophie Hingst, getan hatte. Klarer Fall von Unterversorgung, von Mangel an gängigen Moralvorstellungen.

Der "Spiegel" hatte aufgedeckt: Hingst hat ihre angeblich jüdische Familiengeschichte samt 22 Holocaust-Opfern erfunden. Tatsächlich stammt sie aus einer evangelischen Familie. Über ihren Anwalt berief sie sich auf die künstlerische Freiheit.

Falsches behauptet oder falsch verstanden?

"'Es handelt sich um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung'", zitierte Alex Rühle in der SZ aus der Erklärung und kommentierte sie so: "Das ist ziemlich dreist. Ihren vermeintlichen Wert bezogen ihre Texte ja gerade daraus, dass sie auf den Erinnerungen einer Überlebenden fußten."

Solch eine Lügengeschichte sei "Wasser auf die Mühlen der Holocaustleugner" und kontaminiere die "echten Opferberichte". Hingst hat sich wohl auch ausgedacht, sie habe mit 19 Jahren in Indien ein Krankenhaus gegründet und später in Deutschland Flüchtlinge sexuell aufgeklärt.

Auch Dlf Nova war betroffen

Zu diesem Thema gab sie Interviews, auch in Deutschlandfunk Nova, und darüber schrieb sie unter anderem auf "ZEIT online": "'Vor zehn Jahren beschloss ich, Sexualaufklärung zu meinem Thema zu machen. Damals habe ich vor dem Spiegel das Wort 'Penis' in elf Sprachen geübt'", zitierte Alex Rühle in der SZ, um dann zu schreiben: "Lassen wir Frau Hingst mit dem elfsprachigen Penis allein."

Um stattdessen, wollte man ergänzen, über die dramatische Unterversorgung des Berliner Humboldt-Forums zu reden. Das werde im November als "Geisterhaus" eröffnet, prophezeite Jörg Häntzschel, ebenfalls in der SZ.

Humboldt-Forum: Eröffnung ohne Ausstellung

Die geplante Ausstellung zum Thema Elfenbein werde nicht gezeigt. Die Klimaanlage konnte wegen der andauernden Bauarbeiten noch nicht eingestellt werden. Wer will da schon kostbares Elfenbein ausleihen?

"Wenn sich jetzt nicht noch schnell Ersatz aus dem Boden stampfen lässt", schrieb Häntzschel, "bekommen die Besucher nun nur ein einziges Exponat zu sehen: das Schloss selbst."

"Wäre eine Eröffnung des leeren Hauses denn so schlimm?", fragte Boris Pofalla in der WELT. Es folgte ein Lob der "inneren Leere".

Größenwahn rund um Notre-Dame

Nach so viel Unterversorgung zum Schluss wenigstens etwas Überversorgung. Als die Pariser Kathedrale Notre-Dame noch brannte, war schon mehr als genug Geld für ihren Wiederaufbau da. Und dem Präsidenten mangelte es auch nicht an Tatendrang.

Emmanuel Macron beschloss einfach mal, Notre-Dame in nur fünf Jahren wieder aufzubauen. Allerdings "schöner", mit einem moderner anmutenden Spitzturm. Das wiederum spaltet nun das Land, wie Gero von Randow in der ZEIT berichtete.

Die Medien hätten allerdings den Volkszorn, also den Thymos, angestachelt, indem sie abenteuerliche Entwürfe von Architekten, darunter ein Glasdach, vorgestellt hätten.

Macrons Pläne in Deutschland undenkbar

Viele Franzosen verständen auch nicht, dass der Wiederaufbau am Denkmalschutz vorbei erfolge und von einem pensionierten Armeegeneral aus dem Élysée-Palast heraus koordiniert werde:

"Stellen Sie sich mal vor", schrieb von Randow, "das Dach des Kölner Doms wäre abgebrannt, und Angela Merkel hätte nun gesagt: 'Den bauen wir jetzt schöner als bisher, auch ein bisschen moderner, und zwar ganz schnell, da gibt's auch schon einen Bundeswehrgeneral im Kanzleramt, und an die Gesetze braucht er sich nicht zu halten' – was würden die Leute wohl sagen? Dass sie verrückt geworden ist."

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