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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 27.07.2019

Aus den FeuilletonsWenn der Einzelne sich zur Gewalt aufgerufen fühlt

Von Tobias Wenzel

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Der Journalist Georg Restle  (picture alliance/Christoph Soeder/dpa)
Der Journalist Georg Restle war nicht überrascht von den Morddrohungen gegen ihn. (picture alliance/Christoph Soeder/dpa)

Der "Tagesspiegel" hat Georg Restle, den Leiter des WDR-Politikmagazins "Monitor", interviewt. Restle hatte vor wenigen Tagen eine Morddrohung erhalten, die dem rechtsextremen Spektrum zugeordnet wird. Sehr überrascht sei er nicht gewesen, so Restle.

"Prima Klima!" sagen die einen und knipsen fröhlich sommerliche Selfies, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Für andere ist die Rekordhitze das düstere Ankommen des Klimawandels in der Realität. Und dann ist da noch das politische Klima, das eine weitere Morddrohung hervorgebracht hat. Viel Hitziges in den Feuilletons dieser Woche.

"Es gibt ein Bild von mir, also bin ich." Der Satz stammt aus einer Rede des Schriftstellers Adolf Muschg, die die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG abgedruckt hat.

"Wie heute die Mehrzahl unserer Zeitgenossen ihre Gegenwartsgestalt an das Smartphone, das Spiegelchen in der Hand, abgetreten hat, so hat sich auch optisch die Beweislast umgekehrt, die bei Descartes noch hiess: Cogito ergo sum. Heute heisst es: Es gibt ein Bild von mir, also bin ich."

Geistige Verrohung und rechtsextremistische Ideologie

"Ich hasse, also bin ich", so definieren sich wohl diejenigen, die Morddrohungen verschicken. Georg Restle, Redaktionsleiter des Politmagazins 'Monitor', hat nun eine solche erhalten. "Angesichts des aufgeheizten Klimas in der Gesellschaft: Hat Sie die Morddrohung überrascht?", fragt der TAGESSPIEGEL vom Sonntag.

Restle verneint: "Wir wissen ja aus eigenen 'Monitor'-Recherchen zu Christchurch und anderen rechtsterroristischen Anschlägen, dass es einen Zusammenhang zwischen geistiger Verrohung, rechtsextremistischer Ideologie und ganz konkreten Verbrechen gegen Menschen gibt, die diese Ideologen zu ihren Feinden erklärt haben. Gerade darin besteht ja die Gefahr: Dass einzelne sich aufgerufen fühlen zur Tat zu schreiten, weil sie sich von einer größeren Idee getragen fühlen, die durch die Wahlerfolge der nationalistischen Parteien immer weiter in die Mitte der Gesellschaft vordringt."

Vom politischen zum meteorologischen Klima, das nicht mal vor Hochkultur haltmacht: "Die Hitzewelle ist das zweite große Bayreuther Gesprächsthema neben der alljährlichen-Merkel-Ankunft", berichtet Albrecht Selge zur Eröffnung der Festspiele in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG.

Sorgen um Notre-Dame wegen Hitzewelle

Während in Lingen, wo am Donnerstagnachmittag 42,6 Grad Celsius gemessen wurden, die höchste Temperatur in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen, man sich mit einem Sprung ins Freibad retten konnte, war die ohnehin schon durch den Brand im April massiv beschädigte Kathedrale von Notre-Dame der neuen Hitze ungeschützt ausgesetzt, mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen:

"Der Gewölbebogen im Mittelteil kann immer noch einstürzen", sorgte sich der Chefarchitekt der Baustelle, Philippe Villeneuve, im Gespräch mit Britta Sandberg vom SPIEGEL bei 40 Grad in Paris. Ganz Frankreich diskutiert hitzig darüber, ob Notre-Dame wieder originalgetreu aufgebaut werden soll oder doch auf moderne Art, zum Beispiel mit einem gläsernen Spitzturm.

Jonathan Franzen hält die Klimakatastrophe für unvermeidlich

So oder so will Präsident Macron den Wiederaufbau in fünf Jahren schaffen. Vorher muss aber dringend noch etwas anderes geschafft werden: "Je nachdem, welche Expertise man zu Rate zieht, bleiben der Menschheit noch zwölf bis achtzehn Monate, um sich zu retten", schrieb Andrian Kreye in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG mit Blick auf die drohende Klimakatastrophe.

Theoretisch mag das stimmen, aber praktisch hält Jonathan Franzen das für völlig unrealistisch. "Vielleicht kann Schweden seine Nettokohlenstoffemissionen bis 2030 auf null bringen", sagte der US-amerikanische Schriftsteller im Gespräch mit der WELT.

"Aber die Menschen in Frankreich randalieren schon wegen einer geringfügigen Benzinsteuer, die Menschen in Trump-Amerika sind in ihre Pick-ups verliebt, und über China und Indien und Afrika, wo jeden Tag das nächste riesige Kohlekraftwerk ans Netz geht, wollen wir gar nicht erst reden. Sich ernsthaft vorzustellen, die Welt würde fröhlich auf das Fliegen und auf Großbildfernseher verzichten, kommt mir wie ein Beispiel für die schwarze Komödie des Klimawandels vor. Das Spiel ist aus."

Wobei Franzen dem Drama auch noch eine positive Seite abgewinnen konnte: "Zu wissen, dass nichts ewig währt", gebe dem Leben auf diesem Planeten eine noch größere Bedeutung.

Selfies und Haiangriffe als Todesursachen

Melanie Mühl berichtete in der FAZ über ihre Begegnung mit einem Glaziologen. In dem Artikel ging es nicht etwa um schwindende Haare, sondern um schwindende Gletscher, also wieder um Klimawandel: "Verschwände der grönländische Eispanzer komplett, der Meeresspiegel stiege um sieben Meter", schrieb Mühl. "Sieben Meter, das bedeutet, New York würde verschwinden und asiatische Megametropolen wie Tokio und Schanghai unter Wasser begraben."

Dann können auch Haie Großstädte erkunden und den dort verbliebenen Menschen Angst machen. Der aggressive, Menschen angreifende Hai. Eine Lüge, die unter anderem in der Rettungsschwimmer-Serie "Baywatch" verbreitet wurde.

Die SZ klärte auf: "Tatsächlich ist das Risiko eines Haiangriffs sehr gering. Das indische Journal of Family Medicine and Primary Care hat gezählt, dass zwischen 2012 und 2017 weltweit 50 Menschen durch Haie getötet worden sind – gegenüber mindestens 259, die beim Selfie-Machen gestorben sind. Es ist also fünfmal wahrscheinlicher, im Selfie-Modus zu verunglücken."

Oder um es frei nach Adolf Muschg zu sagen: Es gibt ein Bild von mir, also bin ich nicht mehr.

   

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