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Kulturpresseschau | Beitrag vom 21.11.2020

Aus den FeuilletonsWeihnachten als gesamtgesellschaftliche Zwangstherapie

Von Arno Orzessek

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Eine traurig dreinblickende Frau in einem Weihnachtsoutfit. (Antonio Guillem / imago images / Panthermedia)
Alle Jahre wieder: Geschenke, Schokolade – und Psychostress. (Antonio Guillem / imago images / Panthermedia)

Was für die einen das "Fest der Liebe" ist, ist für die anderen eine "gigantische soziale Grausamkeit", lesen wir im "Freitag". Und doch oder gerade deswegen sei Weihnachten der "ideale Anlass, die gespaltene Gesellschaft zusammenzubringen".

Nur die wenigsten zählen die Redekunst zu den großen Vorzügen Angela Merkels. Dafür unterhält die Kanzlerin ihr Publikum immer wieder mit herrlich umständlichen und tollpatschigen Formulierungen. Kürzlich zum Beispiel wollte Merkel die Leute davon überzeugen, sich coronahalber noch konsequenter von anderen Leuten abzuschotten, und gab die Parole aus: "Jeder Kontakt, der nicht stattfindet, ist gut."

"Das Problem dabei ist", so Kurt Kister in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, "dass ein Kontakt sich dadurch definiert, dass er stattfindet. Der Wortstamm liegt, wie so oft im Abendland, im Lateinischen: contingere heißt berühren. Eine Berührung, die nicht stattgefunden hat, ist keine Berührung."

Ein Unfall der nicht stattfindet, ist kein Unfall

Kister gab zu, dass seine Belehrung teils ins "Beckmesserische" tendiert, führte sie aber dankenswerterweise trotzdem fort:

"Streng genommen ist ein Kontakt, der nicht stattfindet, also kein Kontakt. Vollends schwierig wird es, wenn die Kanzlerin etwas, das nicht stattfindet, bewertet, in dem Fall also als gut. Gewiss, man kann sagen, es sei gut, dass man heute auf dem Weg zur Arbeit keinen Unfall hatte. Dies aber ist etwas anderes, als wenn man sagt: Jeder Unfall, der nicht stattfindet, ist gut. Kein Unfall ist gut, und wenn er nicht stattfindet, ist er eben kein Unfall. Kaum jemand würde seinen ereignislosen Weg vom Bahnhof ins Büro als eine Folge ausgebliebener Unfälle verstehen und das Erlebte beziehungsweise Nicht-Erlebte anschließend als 'gut' beschreiben."

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Ein sehr hübscher SZ-Artikel! Wir sagen: Jede sprachliche Ungelenkigkeit, die Angela Merkel nicht vermeidet, ist unter solchen Umständen gut. Im Übrigen wird die Kanzlerin umso eher wieder die Lizenz zu unlimitierten Vollkontakten erteilen, je besser die kommenden Impfstoffe wirken.

Hype um SARS-CoV-2-Impfstoffentwicklerin Özlem Türeci 

In der Rubrik "Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?" erwähnte die TAGESZEITUNG, Özlem Türeci und Uğur Şahin vom Unternehmen BioNTech hätten, wie alle Welt weiß, einen Impfstoff mit 90-prozentiger Wirksamkeit entwickelt. Frage der TAZ: "Ist das Ende der Pandemie nun in Sicht?" Antwort von Küppersbusch:

"Nee, der Anfang eines Hypes à la 'Frau Türeci ist unser Zuckerberg'. Die Story 'von der Migrantin zur Menschheitsretterin' wird so vorweihnachtlich bepudert, dass man die drohende Schnellverdrostung schon ahnen kann. Also zum Schutz aller Beteiligten: Nüchtern gucken, was der Impfstoff kann, verantwortungsbewusst einsetzen, kein Podcast und nicht zu Lanz gehen."

Weihnachten ausfallen lassen und das Klima retten

Bis Weihnachten – und weit darüber hinaus – wird uns das Virus aber erhalten bleiben, und das nötigt zum Nachdenken. "In Zeiten der Corona-Pandemie steht das Fest nun als Infektionstreiber erstmals grundsätzlich in Frage. Gut so?", fragte die Wochenzeitung DER FREITAG. Laut Elsa Koester ist Weihnachten der "ideale Anlass, die gespaltene Gesellschaft zusammenzubringen". Nur glaube niemand, Koester hätte dabei an Friede, Freude, Eierkuchen unterm lamettagebeugten Lichterbaum gedacht:

"Weihnachten zwingt Millionen im postchristlichen Kulturraum, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, die einander überwiegend nicht selbstbestimmt suchen und finden konnten: mit der Familie! Weihnachten ist eine gigantische soziale Grausamkeit. Eine gesamtgesellschaftliche Zwangstherapie. Fällt Weihnachten in diesem Jahr komplett weg, bricht zumindest der klägliche Rest eines alten Sozialsystems zusammen. Keine Schokolade mehr, die Familien auf der Suche nach Harmonie in harte soziale Konflikte zwingt. Und, jetzt mal ehrlich: Was soll unsere Gesellschaft denn bitte sonst retten, wenn nicht magische Schokolade?"

Elsa Koester war also für Feiern, Katharina Schmitz dagegen dagegen. Ihr Urteil im FREITAG: "Wenn das 'Fest der Liebe' in diesem Jahr ausfällt, gewinnen Familien und das Klima."

Der Film "Ökozid" reproduziert den "White-Saviour-Komplex"

Apropos Klima! Das TV-Drama "Ökozid", in dem der Regisseur Andres Veiel die Bundesrepublik im Jahr 2034 wegen ihrer Klimapolitik vor den Internationalen Gerichtshof stellt, spaltete die Kritik. In der Tageszeitung DIE WELT höhnte Alan Posener unter der Überschrift "Das verlogene Tribunal":

"Wer vertritt den 'globalen Süden' vor Gericht? Zwei weiße deutsche Anwältinnen, gespielt von Friederike Becht und Nina Kunzendorf. Die 31 Kläger sind reduziert auf Vertreterinnen von Haiti und Mosambik, kopfnickende Statisten in farbenfroher Nationaltracht, und einen Bauern aus Bangladesch. Anscheinend ist der globale Süden in Veiels Fantasie nicht einmal in der Lage, fähige Anwältinnen hervorzubringen, und schon gar nicht anders denn als Opfer aufzutreten. Der Film reproduziert also den rassistischen 'White-Saviour-Komplex', den Wahn, die Weißen müssten die 'People of Colour' retten."

Klimapolitisches Versagenskontinuum

Der SZ-Autor Alex Rühle hatte offenbar einen anderen Film gesehen – er war begeistert von "diesem analytischen Feuerwerk":

"Zum mutigen Kunstwerk wird dieser Film dadurch, dass die eigentlichen Hauptfiguren hier die Fakten und Argumente sind. Sie belegen, dass Deutschland seit 30 Jahren alle konsequente Umweltpolitik blockiert und aushebelt. 'Es ging uns darum, systematische Strukturen kenntlichzumachen', sagt Andres Veiel am Telefon. 'Ein Versagenskontinuum. Die Linie von Schröder und Clement setzt sich ungebrochen fort bei Merkel und Gabriel.'"

Andres Veiel in einem SZ-Artikel von Alex Rühle, zu dessen klischeemäßigem Feindbild auch "panzergroße PKWs" gehören. In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG hätte Rühle nachlesen können, dass das "Bauen und der Betrieb" von Gebäuden laut EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen "'vierzig Prozent unserer Emissionen'" verursachen. Entsprechend appellierte Niklas Maak: "Wir brauchen eine Bauwende."

Die Wirklichkeit als Anti-Safe-Space par excellence

Andererseits: Welches Gesetz sagt überhaupt, dass der Mensch seine Angelegenheiten je in den Griff kriegen kann? Im SPIEGEL predigte der Philosoph Wolfram Eilenberger:

"Die sogenannte Wirklichkeit schert sich einen feuchten Kehricht darum, was wir von ihr denken, erhoffen oder selbst kollektiv von ihr für richtig und wahr vermeinen. Vielmehr ist sie das, wogegen niemand je immun ist. Das, wogegen es keine bleibende Impfung gibt. Sie ist der Anti-Safe-Space par excellence, das Unverfügbare und damit Unabwählbare schlechthin."

Falls Sie trotzdem einen netten Sonntag haben wollen, dann pfeifen Sie vielleicht mal auf Merkels "Jeder Kontakt, der nicht stattfindet, ist gut" und gönnen sich, mit einem Titel der SZ, eine "Zeit der Zärtlichkeit".

Mehr zum Thema

Corona-Impfung - Erst die Jungen, dann die Alten?
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 11.11.2020)

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