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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 28.11.2019

Aus den FeuilletonsWege zum klimaneutralen Kunstbetrieb

Von Arno Orzessek

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Szene aus dem Film "The Day After Tomorrow": eine Staubwolke über dem Schriftzug "Hollywood" vor einem apokalyptisch gefärbten Himmel (imago images / Prod.DB / Centropolis Entertainment)
Bereits vor 15 Jahren habe der Regisseur Roland Emmerich seinen Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow" klimaneutral produziert, hebt die "SZ" hervor. (imago images / Prod.DB / Centropolis Entertainment)

Der Kunstbetrieb versuche zu wenig, um klimaschonender zu produzieren, kritisiert die "SZ". Sie verweist auf die CO2-Belastung durch Architekten, die mit Beton bauen, und Künstler, die von weit her zum Filmdreh anreisen. Dennoch gebe es Vorbilder.

Um "Kunst und Klima" geht‘s in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG, die ganzseitig erklärt, "wie Film, Theater, Museen oder Verlage umweltfreundlicher werden wollen".

"Archidrecktur" heißt der Artikel, in dem Laura Weißmüller festhält: "Unter den Künsten ist ziemlich schnell klar, wer den schwarzen Peter in puncto Weltzerstörung hat: die Architektur. Das Bauen und Unterhalten von Gebäuden verursacht 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen. Die Klimabilanz von Beton ist fatal, der Bauboom sorgt für einen gewaltigen Flächenfraß und die Gebäude selbst führen nach ihrem Abbruch zu gewaltigen Müllbergen."

Ablenkung vom Diesel-Thema

SZ-Zeilen, die all jenen ein Labsal sein dürften, denen das Auto-Bashing zum Hals raushängt. Aber wie soll‘s nun besser werden mit dem Bauen? Genaues weiß auch Weißmüller nicht. Sie erwähnt immerhin "Architects for future", einen Zusammenschluss von Architekten und Bauingenieuren.

"Sie fordern die Baubranche auf, endlich ihrer Verantwortung gerecht zu werden, etwa indem nur noch gesunde und klimapositive Materialien verwendet werden, ein Abriss möglichst verhindert wird und falls er doch unumgänglich ist, die Rohstoffe zumindest wiederverwendet werden." Forderungen also – nur Forderungen.

Bäume gegen die "Klimakatastrophe"

Etwas konkreter wird die Weltrettung in puncto Filmemachen, eine Kulturtechnik, die laut SZ "eine Klimakastrophe" ist. Aber schon seit Jahren, so Susan Vahabzadeh, "gibt es sogenannte 'klimaneutrale' Drehs: Eine Filmproduktion versucht, einen Ausgleich zu schaffen für den Schaden, den sie angerichtet hat. Roland Emmerich war ein Vorreiter. Als er 2004 seinen Film 'The Day after Tomorrow' drehte – da geht es immerhin um die Klimakatastrophe schlechthin – kaufte er zum Ausgleich Zertifikate über neu gepflanzte Bäume."

Aufs Ganze gesehen hinterlässt die SZ-Seite Ernüchterung.

Till Briegleb hält pauschal fest: "Tatsächlich kann man die Kulturanbieter nicht von der Schuld freisprechen, sich um das Thema lange gedrückt zu haben, auch weil Reisen einen hohen Statusgewinn verspricht, ebenso wie immer aufwendigere Projekte zu realisieren."

Dabei bemerkte laut Catrin Lorch der Künstler und Aktivist Gustav Metzger bereits 2007 nach einem Besuch der Art Basel, zu der stets zahllose Privatjets aus aller Welt einfliegen: "Man sollte dringend etwas unternehmen wegen der Flüge von Künstlern und Galeristen, aber auch wegen der Transporte der Kunstwerke."

Nun schreiben wir 2019 – und sagen Sie selbst: Haben Sie den Eindruck, der Kunstbetrieb hätte Tempo rausgenommen?

Künstlerische Auszeichnungen nur für das Mittelmaß ?

Nun, um nicht defätistisch zu werden, blättern wir in der Tageszeitung DIE WELT den bärbeißigsten Artikel des Tages auf: "Meine nicht bekommenen Preise" von dem Schriftsteller Joachim Lottmann.

"Tatsächlich gibt es inzwischen weitaus mehr Preise als Autoren oder Künstler. Jeder namhafte Autor hat schon jeden namhaften Preis bekommen und somit sein Preisgeld fürs gemütliche Eigenheim zusammen, sodass als Nächstes die Vertreter aus der zweiten, dritten und schließlich letzten Reihe drankommen. Auch daran wäre nichts zu mäkeln, eigentlich, doch lustigerweise gibt es eine Gruppe Schriftsteller, Maler und Regisseure, die niemals mit Geld und Phrasen bedacht wird, nämlich die wirklich guten",

betont Joachim Lottmann, der selbst offenbar nicht zu den "wirklich guten" Künstlern zählt: Er hat nämlich 2010 den Wolfgang-Koeppen-Preis erhalten.

"Nonsens-Prämisse" ohne Logik

In der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG regt sich Jannik Waidner über Rezo auf, der das Video "Die Zerstörung der CDU" gedreht hat, mittlerweile ZEIT-Kolumnist ist, sich als Logiker stilisiert und seine Argumente deshalb für unwiderlegbar hält.

Anders Jannik Waidner: "Logik hat nichts mit inhaltlicher Ausgewogenheit zu tun, genauso wenig mit der Realitätsnähe eines Arguments. Mit mathematischen Formeln kann auch Nonsens auf die Nachkommastelle genau bewiesen werden, sofern man passende Nonsens-Prämissen setzt."

Ach, so ein schönes Wort: Nonsens-Prämisse. Nimm das, Rezo!

Zum Schluss: Wir stehen dem Kegelsport seit jeher fern – aber Sie ja vielleicht nicht. Darum wünschen wir Ihnen mit einer Überschrift des Berliner TAGESSPIEGEL: "Gut Holz".

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