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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 26.10.2015

Aus den FeuilletonsWas James Bond mit der Queen verbindet

Von Hans von Trotha

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Monica Bellucci (Lucia Sciarra) und Daniel Craig (James Bond) in einer Szene des neuen 007-Agententhrillers "Spectre". (Sony Pictures 2015 / dpa )
Monica Bellucci (Lucia Sciarra) und Daniel Craig (James Bond) in einer Szene des neuen 007-Agententhrillers "Spectre". (Sony Pictures 2015 / dpa )

Die "Taz" befasst sich anlässlich des neuen Films "Spectre" mit der Figur James Bond - und zieht Vergleiche mit Queen Elizabeth II. Beide seien Symbolfiguren für ein "verlorenes Empire".

"Such die Schwuchtel!", fordert uns Paul Wrosch in der TAZ auf: "Glaubt man", klärt er das auf, "dem 'Daily Mirror',stehen zwei britische Fußballprofis kurz vor ihrem Coming Out. Einer sollgar Nationalspieler sein. Und schwul! Laut einer ungenannten Quelle seien die Familien und Vereine informiert, ebenso der Fußballverband."

Dann erklärt Nicholas Potter auch noch in derselben TAZ, was "die Figur James Bond" mit dem "geopolitischenMinderwertigkeitskomplex Großbritanniens" zu tun hat:

"Der erste James-Bond-Roman erschien im Jahr 1953, im selben Jahr wurde Elisabeth II. zur Queen gekrönt. In vielerlei Hinsicht stehen beide Figuren für ein verlorenes Empire. Die eine, eine Monarchin ohne Untertanen, der andere, ein Spion ohne Auftrag. Die beiden sind Symbolfiguren für einen Imperialismus, den es nicht mehr gibt."

Und als sei auch das noch nicht genug, meldet die TAZ auch noch:

"Gott sei gar kein Mann. Das teilte Rachel Treweek mit, … die im März zur Bischöfin von Gloucester ernannt wurde. Sie ist damit die erste Diözesanbischöfin in der Church of England. … Und was macht Treweek? Anstatt dankbar zu sein, zerstört sie nun alle Gewissheiten."

So viel aus England – aus einer einzigen "Taz". Und wir dachten, wir hätten Probleme. - Haben wir auch. Das Problem scheinen allerdings weniger die Flüchtlinge zu sein als vielmehr die Reflexe, mit denen wir ihnen begegnen. In der NZZ erinnert sich die Schriftstellerin Barbara Lehmann daran, wie sie als Kind die Heimatvertriebenen erlebt hat.

"Die Flüchtlingsfrage", meint sie, "rührt an eine Dimension der Geschichte, welche die Deutschen nie als Teil ihrer selbst begriffen, sondern lange verdrängt haben: die Vertreibung aus dem Osten nach 1945. Gerade darum leitet sie das Handeln untergründig an. … Allen Behauptungen zum Trotz, wir hätten in so vorbildlicher Weise die Vergangenheit bewältigt, ist entgegenzuhalten: Die Schuld der Nazis, unserer Väter, Grossväter lastet noch immer auf unseren Schultern. Das bestimmt unsere Reflexe, auch in der Flüchtlingsfrage. Wir Deutschen sind Extremisten", schließt Barbara Lehmann, " – im Guten wie im Schlechten."

Das spiegelt auf verrückte Weise eine Beobachtung des Schriftstellers David Grossmann, der in der FAZ darlegt,

"In welche Irre Premier Netanjahu Israel führt": "Seit er vor etlichen Jahren die Kampagne um das Amt des Regierungschefs zu führen begann, hat Netanjahu es meisterhaft verstanden, das traumatische Echo der Schoa unter die uns konkret bedrohenden Gefahren zu mischen und alles miteinander zu verrühren. Sein rhetorisches Talent und seine Überzeugungskraft locken den größten Teil der israelischen Gesellschaft in ein Dickicht aus historischem Nachhall und tatsächlichem Geschehen, in dem Netanjahu selbst zu leben scheint und das er in der vergangenen Woche der staunenden Welt präsentierte."

Die "Taz" bietet ein "Bullshit-Bingo" an

Und zwar, wie Grossmann erläutert, in Form von zwei Fehlleistungen: "Im Vergleich zur ersten, der monströsen Verknüpfung von Hitler und dem arabischen Mufti al-Husseini, ist die zweite unbedeutend und eher komisch: Netanjahu spähte während eines Besuchs in den Siedlungen am Gazastreifen durch einen Fernstecher, dessen Linsen noch bedeckt waren. So bekam jeder Mensch auf dem Erdball mit, dass unser Premierminister nur nach innen blickt."

Sogar Netanjahus Äußerungen über Hitler und den Mufti waren hierzulande irgendwie von der Meinungsfreiheit gedeckt. "Worin", fragt Christian Geyer in derselben FAZ, "besteht der Witz der Meinungsfreiheit? Er besteht darin, dass man auch hässliche Meinungen äußern darf. … Dass", so Geyer weiter, "auch das Grundrecht der Meinungsfreiheit nicht absolut gilt, sondern natürlich der Abwägung mit anderen Grundrechten unterworfen bleibt, wird im Bekenntnisrausch für westliche Werte mitunter geschlabbert oder allenfalls unter Kleingedrucktem nachgereicht." Geyer ist überzeugt, "dass Deutschland seine Meinungsfreiheit nur aushält, wenn es sie ausreizt, statt volkspädagogisch zu unterbinden. So prekär das ist."

Fürs Aushalten deutscher Meinungen bietet die TAZ ein "Bullshit-Bingo" an, eine "kleine Handreichung für Stammtische, Talkshows und Familientreffen". Da kann man zum Beispiel "Was schon stimmt, ist … " ankreuzen, sobald es einer gesagt hat, oder " … fremdenfeindlich motiviert, aber  … ", "Besorgte Bürger" und natürlich: "Dresden" - und dann: " sobald fünf Kreuze senkrecht, waagrecht oder diagonal eine Linie bilden: Bingo!"

Das ist natürlich genauso Bullshit wie die Zitate, mit denen es Bullshit-Bingo Bingo spielt – aber es ist witzig, und es unterstreicht, wie Recht Christian Geyer hat, wenn er in der FAZ schreibt, dass es bisweilen nicht nur schwierig ist, die Meinungsfreiheit auszuhalten, sondern gar "prekär".

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