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Kulturpresseschau | Beitrag vom 27.12.2018

Aus den FeuilletonsWas ist faul im System?

Von Klaus Pokatzky

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Der "Spiegel"-Reporter Claas Relotius erhielt 2017 den Reemtsma Liberty Award. (Eventpress Golejewski)
Der "Spiegel"-Reporter Claas Relotius wurde für seine teilweise erfundenen Reportagen mehrfach ausgezeichnet. (Eventpress Golejewski)

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und steht ganz im Zeichen von Claas Relotius, der es in seinen Reportagen mit der Wahrheit nicht ganz so genau genommen hat. Der "Tagesspiegel" plädiert nun für ein neues Verständnis von Belegbarkeit von Recherchen.

"Der Vorsatz – das sagt schon der Name – ist ein Satz, der vor allen anderen steht." Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG bereitet uns auf den Jahreswechsel vor. Zu dem gehört der Vorsatz ja wie der Silvesterböller. "2019 wird’s bringen, und der Mensch, der wir 2018 noch waren, ist endgültig passé", verheißt uns Paul Jandl. "Aus dem Sumpf der Laster werden wir uns am eigenen Schopf herausziehen."

Bei dem einen ist der Sumpf vielleicht noch überschaubar, bei dem anderen doch eher beängstigend. "Der Fall Relotius wird weiter heftig diskutiert", steht im Berliner TAGESSPIEGEL. "Vor gut einer Woche gab der ‚Spiegel‘ bekannt, dass sein mittlerweile gekündigter Reporter Claas Relotius über Jahre Reportagen in Teilen erfunden hat."

Was hat das für Konsequenzen?

Der Kulturpressebeschauer muss an dieser Stelle zugeben, dass er den Namen Claas Relotius vorher noch nie gehört hatte. Aber nun ist er berühmt wie sonst kein deutscher Journalist. "Was hat das für Konsequenzen? Was ist faul im System?", fragen nun Markus Lücker und Markus Ehrenberg.

"Die wie Relotius vor allem im Ausland aktive Journalistin Ronja von Wurmb-Seibel erwähnt einen Tipp, den ihr ein Vorgesetzter während ihrer beruflichen Anfänge gegeben haben soll: ‚Das Gute am Auslandsjournalismus ist ja, dass niemand rausfinden wird, ob der Mann in Kabul das wirklich gesagt hat.‘"

Neues Verständnis von Belegbarkeit von Recherchen

Für katholische Journalisten gilt selbstverständlich der schöne Satz: "Es ist nichts so fein gesponnen, dass es nicht doch kommt ans Licht der Sonnen" – den der Kulturpressebeschauer von seiner Mutter gelernt hat, die Leiterin eines katholischen Kindergartens war. "Ich glaube, was wir wirklich brauchen, ist ein komplett anderes Verständnis von Belegbarkeit von Recherchen", zitiert der TAGESSPIEGEL noch die Kollegin Ronja von Wurmb-Seibel.

"Lesen gehört zu den exklusiveren Tätigkeiten", wird da die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG ganz grundsätzlich. "Schon deshalb muss eine lange Reportage den Leser verführen, dabeizubleiben, sich zu konzentrieren", schreibt Angelika Overath. "Dazu braucht sie das atmosphärische Versprechen, dass er eintauchen wird in das Leben der anderen. Dann folgt er dem Sog der unerhörten Begebenheit, die nah erzählt wird." Angelika Overath lehrt an der Schweizer Journalistenschule in Luzern Kreatives Schreiben. "Texte wachsen nicht auf Bäumen, sie werden gemacht. Sie sind, Silbe für Silbe, Handarbeit, Spracharbeit, Vorstellungsvermögen, poetische Kalkulation."

Theodor Fontane als journalistisches Vorbild

Da suchen wir jetzt einen Journalisten, der uns allen ein gutes Vorbild sein kann: "Zum Beispiel, wie man sich selber treu, wie man authentisch bleibt", was in der Tageszeitung DIE WELT für einen Mann gilt, der "ein bewundernswerter Vielschreiber" war, "der an mehreren und sehr unterschiedlichen Texten parallel arbeitete". Hier ist aber nicht die Rede vom Reporter Claas Relotius.

"In seine Notizen integrierte er Zeichnungen, legte getrocknete Pflanzen bei und klebte Zeitungsausschnitte sowie weitere von ihm oder anderen Personen beschriftete Blätter ein", erzählt die Literaturwissenschaftlerin Gabriele Radecke im Interview: "Er war eine Kommunikationsmaschine und ein Wahrnehmungsgenie." Er ist im Moment aber nicht so berühmt wie Claas Relotius – er hieß nur Theodor Fontane.

"Es denkt in mir – und hört nicht auf", schildert die NEUE ZÜRCHER beängstigende Zustände. "Nachdenken, mitdenken, verstehen, was ein anderer gedacht, vielleicht sogar zu Ende gedacht hat. Geht das überhaupt?", fragt sich und uns alle Angelika Brauer. Es scheint zu gehen – aber in Maßen bitte. "Für heute habe ich genug", muss es dann mal heißen. "Ab ins Bett. Licht aus. Denken abschalten." Oder: Licht anlassen und Fontane lesen.

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