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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 27.03.2016

Aus den FeuilletonsWarum sind wir Brüssel, aber nicht Ankara?

Von Klaus Pokatzky

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Das Bild zeigt das Börsengebäude, davor Menschen und zahllose Blumen. (AFP / Nicolas Maeterlinck )
Nach den Anschlägen in Brüssel ist die Trauer in vielen westlichen Ländern groß. Todesopfer anderer Anschläge werden leichter vergessen. (AFP / Nicolas Maeterlinck )

Zu Ostern machen sich die Feuilletons Gedanken über die Medien im Zeichen der Terroranschläge. Warum etwa werden gerade einmal zwei Stunden nach dem Anschlag von Brüssel schon Augenzeugen vor die Mikrofone gezerrt? Fragen, auf die es keine leichten Antworten gibt.

Floskelwolke. So heißt der Blog, der uns verspricht: "Die Daten von 1972 Medien werden um 10 Uhr aktualisiert – jeden Tag." Und zwar auf der Suche nach Floskeln, die sich durch die Medien ziehen wie die Wolken am Osterhimmel.

"Zeit umstellen" führt mit 22,2 Prozent; dann folgt "traurige Gewissheit" mit 10,2 Prozent. Die Blogger Udo Stiehl und Sebastian Pertsch belassen es aber nicht beim akribischen Zählen, sie begründen auch, warum für sie eine Floskel eine nichtssagende Redensart ist: "Traurige Gewissheit. Wenn das Drama nicht dramatisch genug klingt, werden Todesopfer mit 'trauriger Gewissheit' gemeldet. Merkwürdig nur, dass in positiven Nachrichten nie von 'fröhlicher Gewissheit' die Rede ist."

Vor allem Agenturjournalisten und Nachrichtenredakteure sollten die Floskelwolke täglich aufsuchen. 

Der Glaube teilt die Welt in Die und Wir

"Es ist ein Paradox, dass der Mensch sich einen Gott erfand, um Ordnung zu schaffen, und dadurch Unordnung anrichtete."

Das schreibt Georg Diez zu Ostern und wenig österlich tröstlich.

"Der Glaube braucht die Feinde, das ist das älteste Mittel aller Herrschaft, es suggeriert Sinn, es sorgt für Zusammenhalt, es teilt die Welt in Die und Wir",

meint Georg Diez in seiner SPIEGELONLINE-Kolumne.

"Der Glauben braucht, wenigstens ursprünglich, auch den Unglauben – und wer Menschen so einteilt, der will, dass sie sich misstrauen, dass sie sich hassen, dass sie sich bekämpfen."

Kampf bis zum Mord im Zweifelsfalle.

"Gegen acht gingen die Explosionen los. Um zehn Uhr wurde bereits der erste Augenzeuge im Radio rauf und runter zitiert."

So beschreibt Mely Kiyak in ihrer Kolumne "Deutschstunde" auf ZEITONLINE nach den Morden von Brüssel und den üblichen medialen Mechanismen, wie wir "eine Art Common Sense der Reaktion entwickelt haben. Eine Routine, deren Motor Redundanz ist. Wir stellen das auch gar nicht mehr infrage. Dass wir nichts wissen und trotzdem über Stunden hinweg das Nichtwissen in unzähligen Variationen aktualisieren".

Sascha Lobo stört sich an unseren Reaktionen.

"Warum sind jetzt alle Brüssel, warum waren so wenige hierzulande Ankara, wo ebenso mörderische Anschläge stattfanden, vor wenigen Tagen?",

fragt er in seiner SPIEGELONLINE-Kolumne.

"Brüssel sticht Ankara, Ankara sticht Aleppo, Aleppo sticht Bagdad, dann kommt lange nichts und dann Dikwa. Dort starben bei einem Selbstmordattentat 58 Menschen, hauptsächlich Frauen. Vor sechs Wochen. Weiß niemand mehr, niemand war Dikwa und niemand hat sich öffentlich beschwert, dass niemand Dikwa war. Keine Denkmäler wurden in nigerianischen Landesfarben angestrahlt."

Gewehr in die Ecke und dann ein Bier

Einen Trost der besonderen Art schenkt uns da Lena Gorelik und verweist auf ein Land, in dem der Terror zum Alltag geworden ist.

"Der Freund meiner Mitbewohnerin war Offizier in der Armee und abends brachte er oft seine Freunde und Kollegen mit, die ihre Armeejacken und ihre Maschinengewehre in die Ecke pfefferten, bevor sie sich ein Bier aus dem Kühlschrank holten",

berichtet Lena Gorelik im ZEIT-Blog Freitext über ihre Erfahrungen, als sie eine Weile in Israel lebte.

"Eines Abends stand ich an unserer Küchentheke und hielt in einer Hand eine Bierflasche und in der anderen, probehalber, ein Maschinengewehr."

Der Terror nur eine Gewöhnungssache? Lena Gorelik: "Wir lebten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier."

So manches aus den flüchtigen Blogs hätte man schon gerne auch in den gedruckten Ausgaben gelesen. Aber nehmen die die jungen Digitalmenschen überhaupt noch zur Hand?

"Sie wollen in Zeitungen längere Geschichten lesen, ausführliche Hintergründe, gerne auch auf Papier",

macht uns Carsten Knop bei FAZ.NET Mut. Er hat die Computermesse Cebit in Hannover besucht und dort viele junge Menschen getroffen,

"die an eine Zukunft glauben, die sie selbst in Händen halten. Sie sind unglaublich gut ausgebildet, international erfahren, kommen aus aller Herren Länder und sprechen trotzdem in jedem Fall perfekt Deutsch."

Fröhliche Gewissheit, die zu Ostern passt.

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