Seit 01:05 Uhr Tonart
Dienstag, 09.03.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Kulturpresseschau | Beitrag vom 26.01.2021

Aus den FeuilletonsWarum Kultur kein "Freizeitspaß" ist

Von Gregor Sander

Beitrag hören Podcast abonnieren
Die freie Kunstszene fordert bei einer Demo mit einem Transparent ein monatliches Existenzgeld während der Coronapandemie. (imago-images / Müller-Stauffenberg)
Obwohl in der freien Kreativwirtschaft viele Menschen beschäftigt sind und sie für Umsätze sorgt, wird sie stiefmütterlich behandelt. (imago-images / Müller-Stauffenberg)

"Die Welt" und die "SZ" stellen eine Studie vor, wonach die Kultur- und Kreativwirtschaft mehr Beschäftigte hat als die Auto- oder chemische Industrie. 90 % davon erhalten keine Subventionen. Die Politik müsse deswegen jetzt in die Kultur investieren.

Kunst und Kultur sind nicht systemrelevant und finden daher zurzeit kaum statt. Im Gegensatz etwa zur Autoindustrie, an deren Bändern auch während der Pandemie fleißig geschraubt wird. Aber wird der Kultursektor da nicht etwas klein gemacht? Den Eindruck kann man nach der Lektüre der Tageszeitung DIE WELT bekommen:

"Ende 2019 hatte die Kultur und Kreativwirtschaft deutlich mehr Beschäftigte als andere führende Sektoren der europäischen Wirtschaft: 2,9 Mal mehr als die Automobilindustrie und 6,3 Mal mehr als die chemische Industrie", schreibt Swantje Karich und zitiert dabei aus einer Studie, die im Auftrag europäischer Künstlervertretungen, etwa der deutschen VG Bildkunst durchgeführt wurde.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Gut, aber die leben doch alle von Staatskohle, könnte man einwerfen. Karich widerspricht:

"Nur zehn Prozent der Branche werden in Europa staatlich unterstützt. 90 Prozent sind private Unternehmen und – das ist entscheidend – zum Großteil Kleinstunternehmen, einzelne ambitionierte Künstler, Musiker, Schauspieler, Grafiker. Im Jahr 2019 waren es 7,6 Millionen Menschen."

Catrin Lorch von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG hat die Studie ebenfalls gelesen und stellt so ermutigt fest, dass "Politiker, die in Kultur investieren, mittels Subventionen oder wirtschaftlicher Hilfen, nicht in Freizeitspaß Geld versenken, sondern einem bedeutenden Wirtschaftsbereich durch die Krise helfen."

Neue Kunst und Hunde im Weißen Haus

Ebenfalls in der SZ fragt Nele Pollatschek schon in der Überschrift: "Laut Duden sind Ärzte jetzt Männer. Was verlieren wir denn durchs Gendern?". Aber dann schreibt die Autorin schon in ihrem ersten Satz: "Es gibt Wichtigeres als diesen Artikel."

Und das ist natürlich gefährlich, weil andere erste Sätze locken, etwa der von Maxie Römhild in der TAZ: "Nach vier trostlosen Jahren darf im Weißen Haus wieder gebellt werden: Die 'First Dogs' namens Champ und Major sind eingezogen. Joe Biden führt damit eine Tradition fort, mit der sein Vorgänger Donald Trump als erster Präsident seit 100 Jahren gebrochen hatte."

Ach, da wird einem doch ganz warm ums Herz, zumal der eine Köter auch noch aus dem Tierheim stammt. "Dass Biden den roten Knopf beseitigen ließ, mit dem Trump seinen Diät-Cola-Nachschub sicherte, sorgte für allerlei Spott", berichtet Frauke Steffens in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, aber auch, dass nun neue Kunst im Weißen Haus eingezogen ist:

"Eine Büste des ermordeten Bürgerrechtlers Martin Luther King, die bereits im Weißen Haus war, bekommt in Bidens Büro einen prominenteren Platz. Aus der Nationalen Porträtgalerie des Smithsonian stammen Büsten der schwarzen Freiheitskämpferin Rosa Parks und des ermordeten Justizministers Robert F. Kennedy. Ein Porträt von Franklin D. Roosevelt, dem Schöpfer des New Deal, hängt ebenfalls in Bidens Büro."

Abschaffung des generischen Maskulinums im Duden

Nach diesem künstlerischen Rundgang durch das Zentrum der Macht kehren wir reumütig zu Nele Pollatschek in die SZ zurück, weil es uns natürlich interessiert, dass sie lieber nicht als Schriftstellerin bezeichnet werden möchte, wie das jetzt der Duden auch bei ihrem Beruf unterscheidet, sondern beruflich gern im generischen Maskulinum aufgehen möchte. Auch wenn sie zu bedenken gibt:

"So generisch, wie es die Anhänger des generischen Maskulinums gerne hätten - und zu dieser Gruppe gehöre ich - war das generische Maskulinum nie." Wird es aber abgeschafft, wie jetzt im Duden, befürchtet Pollatschek Folgendes:

"Dann wäre jeder Berufsausübende in jeder Berufsbezeichnung männlich oder weiblich markiert. Ob wir wollen oder nicht. Und es gibt Menschen, die das nicht wollen. Nicht nur nicht-binäre Menschen, also jene, die weder Mann noch Frau sind, die im generischen Maskulinum wenigstens 'mitgemeint' wurden, aber nach neuem Duden gar nicht mehr abbildbar sind. Sondern auch alle Menschen – und zu denen gehöre ich – , die einfach nicht in jeder Berufsbezeichnung eindeutig männlich oder weiblich markiert werden wollen."

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

"Frauenstreik" in Polen"Wir kämpfen weiter"
Demonstranten in Danzig wenden sich anlässlich des Weltfrauentags gegen die Verschärfung des Abtreibungsrechts in Polen. (picture alliance / dpa / NurPhoto | Michal Fludra)

Die polnischen Frauenproteste setzen sich fort, doch die Demonstrationen werden kleiner. Die deutsch-polnische Künstlerin Anna Krenz gibt sich dennoch kämpferisch - und unterstützt die Frauen in Polen mit einer Performance in Berlin.Mehr

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur