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Kulturpresseschau | Beitrag vom 01.08.2018

Aus den FeuilletonsWarum Bannon sich rhetorisch aus dem Fenster lehnt

Von Adelheid Wedel

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Steve Bannon, der ehemalige Chefstratege von US-Präsident Trump, spricht bei einer Veranstaltung der Schweizer «Weltwoche». (dpa-Bildfunk / KEYSTONE / Ennio Leanza)
Steve Bannon auf Europa-Tour: Die "SZ" beschreibt kommunikative Mechanismen, die rechte Strategen nutzen. (dpa-Bildfunk / KEYSTONE / Ennio Leanza)

Kann Steve Bannon die Politik in Europa beeinflussen? Die "SZ" erklärt in diesem Zusammenhang das sogenannte Overton-Window-Prinzip: Rechte Strategen versuchten, dieses Diskurs-Fenster mit gezielten Tabubrüchen zu verschieben, um Wahlen zu gewinnen.

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom Donnerstag wiederholt die inzwischen bekannte Information: "Mit einer Stiftung namens 'Movement' will der rechtsradikale ehemalige Trump-Chefstratege Steve Bannon nun auch in Europa Wahlen beeinflussen." Neu am Artikel ist die Erklärung eines bislang vor allem in den USA gebräuchlichen politikwissenschaftlichen Begriffs: das Overton-Window.

Es besagt, "dass es zu jedem gesellschaftspolitisch relevanten Thema eine gewisse Menge von Aussagen und Ansichten gibt, die die breite Mitte der Gesellschaft als akzeptabel betrachtet." Damit kann Politik gemacht werden. Alle Ansichten außerhalb dieses Overton-Fensters gelten als Provokation.

"Wenn man sich nun als Politiker mit seinen Aussagen aus dem Overton-Fenster lehnt, sinkt die Chance, in ein Amt gewählt zu werden. Je genauer man das Overton-Fenster zentraler Themen kennt, desto leichter fällt es, für möglichst viele Bürger wählbar zu erscheinen."

Programmierbare Wahlerfolge

So ließen sich Wahlerfolge quasi programmieren, wenn man dafür sorgt, dass sich das Diskurs-Fenster für zum Beispiel ein Gesetz in die gewünschte Richtung verschiebt. Ziel ist es, dass "vormals als inakzeptabel angesehene Ansichten zu allgemein akzeptablen Ansichten werden." Ein eigentlich leicht zu durchschauender Mechanismus, der wirkt, wie uns der Autor verrät.

Vier Faktoren sind bekannt, die eine Verschiebung begünstigen: Fakten und Logik, moralische Appelle, emotionale Ansprache und Ereignisse, Fehler oder Desinformation. "Man fordert also zum Beispiel", kommentiert der Autor, "nicht bloß einen strengeren Umgang mit illegalen mexikanischen Einwanderern, sondern den Bau einer gigantischen Grenzmauer. Oder man treibt die Flüchtlingsdebatte in Deutschland in zuvor undenkbare Bereiche, indem man den Schießbefehl an der Grenze fordert."

Die Overton-Fenster-Theorie liefert somit eine "erhellende Analyseschablone für die Mechanik hinter dem Twitter-Auftritt und sonstiger verbaler Ausfälle Trumps. Auch die Tabubrüche  rechter Strategen und rechtspopulistischer Politiker in Europa sind klar in dem Zusammenhang zu erkennen."

Kriminelle arabische Clans in Deutschland

Die FRANKFURTERALLGEMEINE ZEITUNG  macht auf eine Reportage am Donnerstagabend im Ersten Deutschen Fernsehen aufmerksam. Katharina Koser schreibt: "Der Reporter Olaf Sundermeyer taucht in die Welt krimineller arabischer Clans in Deutschland ein. Deren Paten reden von Familie und Respekt, dabei geht es um Gewalt und Einschüchterung."

Der Reporter begab sich auf  Spurensuche in ein Dorf in der türkischen Provinz Mardin. Viele Einwohner haben arabische Wurzeln, und von hier stammt eine erhebliche Anzahl der Menschen, die in den 80er-Jahren als Flüchtlinge über Beirut nach Westeuropa und schließlich nach Deutschland kamen.

Die Reportage deckt auf: "Das Geld, von dem im Südosten der Türkei ein 700 Einwohner zählendes arabisches Dorf lebt, wird zum großen Teil in Deutschland erwirtschaftet – Sozialhilfe aus der Bundesrepublik landet hier, Geld aus Drogenhandel und Schutzgelderpressung."

Die Autorin nennt Sundermeyers Arbeit "eine beklemmende Reportage, die trotz der knappen 25 Minuten Strukturen deutlich macht, die das weitverzweigte Geflecht zusammenhalten, das mittlerweile über die Brennpunktviertel hinausreicht und in bürgerliche Stadtteile vordringt."

Der deutsche Mathematikprofessor Peter Scholze zeigt seine Fields-Medaille. (dpa-Bildfunk / AP / Silvia Izquierdo)Mathematikprofessor Peter Scholze zeigt seine Fields-Medaille. (dpa-Bildfunk / AP / Silvia Izquierdo)

Fields-Medaille für deutschen Mathematiker

Hildegard Kaulen schreibt, ebenfalls in der FAZ, über den Mathematiker Peter Scholze, der an diesem Mittwoch mit der prestigeträchtigen Fields-Medaille ausgezeichnet wurde. Sie nennt ihn "einen Vorausdenker, wie ihn Deutschland lange nicht hatte, eine Kultfigur der arithmetischen Geometrie und einen der besten Mathematiker der Welt."

Kollegen und ehemalige Mitarbeiter loben den 30-Jährigen in höchsten Tönen, er sei "eine unerschöpfliche Quelle revolutionärer Ideen. Dass Scholze heute noch am Hausdorff-Zentrum in Bonn arbeitet, ist ein großes Glück für die Mathematik in Deutschland", meint Kaulen. "Angebote aus Princeton, Harvard und dem MIT hat er bisher abgelehnt."

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