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Kulturpresseschau | Beitrag vom 12.01.2019

Aus den FeuilletonsVon Betrügern und Bösewichten

Von Tobias Wenzel

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Das Bild zeigt eine Hand über einer Computer-Tastatur (imago stock & people)
Wird hier Böses geplant? (imago stock & people)

Im Wochenrückblick der Feuilletons geht es vor allem um die lügenden und betrügenden Herren, die derzeit unser Interesse fesseln. Vom Daten-Dieb über den Schriftsteller Menasse, den Journalisten Relotius bis hin zum Grünen-Chef Habeck, der sich den digitalen Detox verordnet hat.

"Nur äußerster Mangel an Einbildungskraft rechtfertigt, dass man auf Reisen geht; existieren ist reisen genug." Der portugiesische Schriftsteller Fernando Pessoa hat das der ZEIT zufolge gesagt. Ob er wohl auch etwas gegen eine Reise durch die Feuilletons dieser Woche gehabt hätte, einer Woche, die vor allem durch die Frage bestimmt war, wer oder was böse ist?

Der Daten-Dieb wohnt bei Mutti

"Blofeld wohnt jetzt bei Mutti", titelte Jan Küveler in der WELT. Blofeld ist einer der James-Bond-Bösewichte. Der "Bösewicht", der hinter dem umfangreichen Angriff auf die privaten Daten von Politikern, Künstlern und Journalisten steht, ist, wie wir nun wissen, ein 20-jähriger Schüler aus Hessen, der noch zu Hause wohnt.

"Statt 'Geschniegelte Cyberabwehr legt Putins Internettrollen das Werk' ging die Geschichte plötzlich so: 'Deutsche Bürokraten kabbeln sich mit renitentem Teenager'. Die Postapokalypse war abgewendet, es handelte sich nur mehr um einen Fall von Postpubertät", schrieb Küveler weiter und machte sich über die Journalistenkollegen, Politiker und Sicherheitsbehörden lustig, die das ganz große Böse hinter dem Angriff gewähnt hatten.

Die neue Erkenntnis sei für sie besonders tragisch: "Denn was könnte schlimmer sein, als in seinem Widerpart eben nicht den respektablen Gleichrangigen zu erkennen, keinen von weltumstürzlerischen Plänen beseelten cyberkriminellen Vollprofi, sondern bloß einen aller Wahrscheinlichkeit nach blassen, womöglich noch halbwegs verpickelten Provinz-Loser in seinem unaufgeräumten Kinderzimmer? Blofeld wohnt bei Mutti. So was kann einem schon mal die Dramaturgie der eigenen Heldenerzählung versauen."

Ein falscher Relotius taucht auf

"Der Relotius-Skandal ist um einen Betrüger reicher", schrieb David Denk in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Hatte Claas Relotius also einen Komplizen? Das konnte sich nur fragen, wer die Überschrift zum Artikel überlesen hatte: "Falscher Relotius will auspacken". Ein Mann hatte Radiosendern gegenüber behauptet, er sei Claas Relotius und stehe für Interviews bereit. Böse, böse! Oder vielleicht doch komisch?

Von Claas Relotius zu Robert Menasse, vom bösen Großfälscher zum – so beschrieb ihn seine Schwester Eva Menasse – "bisweilen schlampigen Zitierer", aber doch lieben "Luftikus".

Robert Menasse hatte Zitate des Europapolitikers Walter Hallstein wie "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee!" erfunden, nach seiner eigenen Interpretation "verdichtet", würde er wohl selbst sagen, und in journalistischen und essayistischen Texten angeführt.

Und Menasse hatte ebenfalls außerhalb der Fiktion behauptet, Hallstein habe in Auschwitz eine Rede gehalten, was falsch ist, aber Menasse offenbar gefiel, weil es seinem Wunsch nach einem Europa ohne Nationen und Nationalismus moralisches Gewicht verlieh.

Will die Presse Robert Menasse vernichten?

Wie soll man da mit Robert Menasse umgehen? "So hätte man das früher gemacht: Man hätte darüber gelacht", schrieb Eva Menasse über ihren Bruder in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Man hätte Robert Menasse für seine Dislozierung des armen Hallstein verspottet, ihm den Fehler nachgewiesen, ihn einen miesen Rechercheur genannt. Heute will man ihn vernichten."

Das schien sie auch Patrick Bahners von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG zu unterstellen. Sie warf ihm vor, von der "erfundenen Auschwitz-Rede" geschrieben zu haben. Das erinnere an das Wort "Auschwitz-Lüge" und gebe Rechtsradikalen Futter. Bei einem derart kruden Argument wollte man Patrick Bahners so sehr vor Eva Menasse in Schutz nehmen wie Eva Menasse ihren Bruder Robert vor manchem Journalisten.

Bahners kann sich aber ganz gut selbst verteidigen. In der FAZ nahm er Robert Menasses Entschuldigungstext für die "Welt", der mehr Text als Entschuldigung war, auseinander, entlarvte ihn zum Teil als Ausflucht, nahm Menasse nicht ab, dass er die Falschinformation über die Rede in Auschwitz unabsichtlich in die Welt gesetzt hat, und schrieb mit Blick auf eine Passage: "Den 'Furor' seiner Kritiker kann er sich aber nur mit dem 'Interesse der Nationalisten' erklären, 'die Gründungsidee des europäischen Einigungsprojekts zu verdrängen'. Eine Erfindung soll dazu dienen, Verdrängung zu beweisen: Robert Menasses Beitrag zur Psychopathologie der europäischen Geschichtspolitik."

#IstTwitterboese?

Von Robert zu Robert, von Robert Menasse zu Robert Habeck, der sich in dieser Woche von Facebook und Twitter verabschiedet hat. Private Daten von ihm und seiner Familie waren ausgespäht worden. Und er hatte sich erneut über einen eigenen Tweet geärgert und danach dafür entschuldigt. Auch er selbst sei offensichtlich anfällig für einen aggressiveren Ton, den Twitter bei vielen auslöse.

"#IstTwitterboese?" fragt, mit Hashtag versehen, Claudius Seidl in der Sonntagsausgabe der FRANKFURTER ALLGEMEINEN und verneint. In der Werktagsausgabe derselben Zeitung zeigte Jürgen Kaube dagegen großes Verständnis für Habecks Entscheidung und amüsierte sich über dessen Kritiker: "Sogleich ging ein Kommentargewitter auf ihn hernieder, fast so, als wäre er aus dem Grundgesetz, der Moderne oder der Demokratie ausgetreten."

"Die Aushöhlung des kritischen Geistes betreibt man am besten, indem man so viel Technik wie nur möglich unters Volk bringt", schrieb der Dichter Durs Grünbein in der ZEIT, als wollte er Habeck zur Seite springen, das Böse fest im Blick. "Jeder sein eigener Handy-Sklave, jeder sein eigener von Computern und Tablets gesteuerter Idiot in der rund um die Uhr aktiven Netzgemeinschaft."

Da kann man sich schon mal nach ewiger Ruhe sehnen. Die gibt’s spätestens im Grab. Na ja, mit der Totenruhe ist das so eine Sache, verriet der Totengräber Mario Schlemmbach in der FAZ: "Wenn ich den Deckel einer Gruft aufmachen muss, schwimmen manchmal die Särge darin wie die Gurkerl im Einmachglas. Konservierung de luxe also."

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