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Kulturpresseschau | Beitrag vom 09.12.2018

Aus den FeuilletonsVom Bett auf die Barrikaden

Von Klaus Pokatzky

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Eine junge Frau liegt im Bett und schaltet einen Wecker aus. (picture-alliance/ dpa / Lehtikuva)
Darüber, wie man im Bett liegend "revoluzzt", hat sich Daniele Muscionico in der "NZZ" Gedanken gemacht. (picture-alliance/ dpa / Lehtikuva)

Während die Gelbwesten in Frankreich auf die Barrikaden gehen und die Schlagzeilen beherrschen, wird in der "Neuen Zürcher" darüber räsoniert, dass das Schlafen "die erste und die letzte antibürgerliche Barrikade in einem Menschenleben" sei.

"Der Schlaf" ist das Thema in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. "Wo treibt er sich herum?", fragt Daniele Muscionico. "Eben noch war er zum Greifen nah! Man sucht ihn, man findet ihn nicht." Der Deutsche findet ihn immerhin jede Nacht für durchschnittlich sieben Stunden und vierundzwanzig Minuten – in hoffentlich bequemen Betten.

"Die Bettstatt ist die erste und die letzte antibürgerliche Barrikade in einem Menschenleben. Im Bett erhebt der Erdenbürger zum ersten Mal seine Stimme und übt lauthals Protest." Die armen Eltern der Neugeborenen können dann gar nicht mehr schlafen.

Kinder: Vom Unfall zur Lebensaufgabe

"Wenn früher eine Schauspielerin ein Kind hatte, war es fast immer ein Unfall", lesen wir in der Tageszeitung TAZ. "Man soff und diskutierte die ganze Nacht", erzählt im Interview die Hamburger Schauspielerin Ute Hannig. "Heute haben auch die Regisseure Kinder. Und fangen natürlich schon um zehn Uhr morgens mit den Proben an." Vier Töchter hat Ute Hannig zur Welt gebracht und ins Theater integriert:

"Stillen in der Garderobe, dann wieder raus auf die Bühne." Als kindermordende Medea etwa: "Wenn man am Tag der Premiere noch nachmittags auf dem Spielplatz mit Bananenmatsch beschäftigt ist, fragt man sich schon: Wie kann ich bloß in drei Stunden eine Frau spielen, die ihre Kinder umbringt?" Und wie geht das? "Ich habe ohne Ende Kraft. Die ist mir noch nie ausgegangen", erklärt Ute Hannig ihr Rezept: "Ich bin jahrzehntelang nur mit fünf bis sechs Stunden Schlaf ausgekommen."

Da klettern wir dann gerne wieder ins Bettchen von Daniele Muscionico: "Später wird man im Bett in aller Stille streiken und sich mit Autoritäten anlegen – nein, heute bleibe ich liegen –, ein wirkungsloses, aber umso angenehmeres Unterfangen, starrköpfig darauf zu beharren, dass das Leben mehr als eine Aneinanderreihung von Pflichten sei", heißt es noch in der NEUEN ZÜRCHER und ihrer Schlafbetrachtung.

Die Gelbwesten fühlen sich nicht mehr repräsentiert

"Die meisten Demonstrierenden aus den oft entlegenen französischen Mittelstandssiedlungen", so die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, "wollen gerade nicht mehr nur Statisten, sondern ernst genommene Mitspieler sein im großen Stück, das die Republik sich immerfort selber gibt", klärt uns Joseph Hanimann über die französische Gelbwesten-Bewegung auf.

"Diese Schicht fühlt sich in der parlamentarischen Demokratie nicht mehr repräsentiert. Sie hat keine Anführer mehr, die sie vertritt, und auch keine Partei", sagt im Interview des Berliner TAGESSPIEGEL Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, der gerade in Paris einen Kulturpreis bekommen hat.

"Bis hinein in die linken Parteien stammen die meisten Politiker aus akademischen, bürgerlichen Verhältnissen. Ähnlich sieht es auch bei den sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien in Deutschland aus. Nur wenige kommen aus dem Milieu der so genannten armen Leute."

Sprache und Identifizierung

Aber studieren dürfen dann auch meistens diese armen Leute und sind dann sprachlich richtig arm dran. "In dem Moment, wo jemand die akademischen Weihen bekommt und sich eine andere Sprache angeeignet hat, können sich viele Menschen aus dem Herkunftsmilieu nicht mehr mit diesen Politikern identifizieren." Nicht nur Menschen aus dem Herkunftsmilieu verzweifeln daran.

"Glück hat, wer regelmässig und seinen Bedürfnissen entsprechend lange schlafen kann, er verfügt über ein unbezahlbares Gut. Ein zuverlässig sich einstellender Schlaf lässt sich nicht erwerben, er ist Luxus und Statussymbol zugleich", erinnert uns die NEUE ZÜRCHER an das wirklich Wichtige. "Auf dem Kissen wird der Schläfer wieder zur Pflanze, frei von jeder Verantwortung und vorbewusst ein Kind des Glücks. Schlaf ist ein Geschenk."

Gute Nacht!

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