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Kulturpresseschau | Beitrag vom 19.08.2020

Aus den FeuilletonsVolle Busse contra spärlich besetzte Konzertsäle

Von Ulrike Timm

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Musiker der Dresdner Philharmonie sitzen auf dem Podium im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalastes. (dpa / picture alliance / Matthias Rietschel)
Musiker und Publikum könnten mit den richtigen Maßnahmen wieder enger sitzen - bei Streichern würde ein Meter reichen, so ein Gutachten.. (dpa / picture alliance / Matthias Rietschel)

Vereinzelte Musiker auf der Bühne und ein sich vertröpfelndes Publikum sind absurd, wenn man sich zugleich im vollen Restaurant verlustiert. Nach einem Gutachten können viel mehr Zuhörer in die Konzertsäle kommen. "Die Philharmonie ist doch keine tödliche Falle", jubelt die "Welt".

"Einem Hund ist mindestens zweimal täglich für insgesamt mindestens eine Stunde Auslauf außerhalb des Zwingers zu gewähren", zitiert die ZEIT einen Verordnungsentwurf des Bundeslandwirtschaftsministeriums, und Jens Jessen ist ob der auf den Hund gekommenen deutschen Regelungswut nur mäßig belustigt: "Bitte, verehrte Frau Ministerin, gehen Sie doch einmal hinaus aufs Gassi!" Will sagen: regelt sich doch ganz gut ohne Regelung, und was "außerhalb des Zwingers" betrifft – sadistische Zwingerhaltung untersagt schon der Tierschutzparagraph.

"Man kann nicht ein ganzes Land verrechtlichen und mit Sonderbestimmungen überziehen, die in Wahrheit der seelischen Rohheit und Verwahrlosung" einiger sehr weniger gelten sollen. Würde ja auch wundersame Rätselfragen bei Gassigehbegegnungen aufwerfen: "Waren sie schon zweimal? Oder nur einmal?"

Ein Meter Stuhlabstand bei Streichern reicht

"Die Philharmonie ist doch keine tödliche Falle", freut sich die WELT. Ein Gutachten von Charité-Gesundheitsexperten empfiehlt geringere Abstandsregeln für Orchestermusiker als bisher üblich. Mit einem Meter Stuhlabstand bei Streichern und 1,5 Metern bei Bläsern entspricht die neue Empfehlung dem, was etwa in Österreich oder der Schweiz seit geraumer Zeit bereits üblich ist.

Klingt marginal, würde aber wieder vollere Podien und Orchestergräben bedeuten und also wieder größeres Repertoire. Sogar volle Reihen im Publikum halten die Experten bei umfassender Maskenpflicht für möglich, weil in klassischen Konzerten ja üblicherweise zugehört und kaum gesprochen, gegrölt oder getanzt wird.

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Derzeit sehen die Pläne der beginnenden Konzertsaison mickerige 20 bis 25 Prozent Auslastung vor – was weder wirtschaftlich ist noch ein schönes gemeinschaftliches Konzerterlebnis für Musiker wie Publikum bedeutet.

Für Verwirrung sorgte, dass die Leitung der Charité den Vorstoß als "nicht abgestimmt" kritisierte. Nur, so Jens Brachmann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG: "Das kann man den Medizinern nicht vorwerfen. Sie handeln als Institutsleiter eigenverantwortlich". Auch hatte es bei einer ersten Veröffentlichung im Mai keine Kritik gegeben.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die beiden neuen Stellungnahmen ausdrücklich als wichtigen Beitrag zur Diskussion um eine weitere Öffnung des Kulturbetriebs begrüßt, denn die geltenden Abstandsregeln "seien ein großer Hemmschuh für den Spielbetrieb".

Die FAZ hofft auf Diskussionen, die dem Musikleben "auf lange Sicht dienlich seien". Schließlich sind vereinzelte Musiker auf dem Podium und ein auf Rufweite sich vertröpfelndes Publikum absurd, wenn man sich anschließend in Bussen und Bahnen knubbelt oder im vollen Restaurant verlustiert. Und dass es flugs von null auf hundert geht, erwartet ja realistisch sowieso niemand.

Geld für's Nichtstun - für fleißige Bewerber

Die taz spießt eine Idee der Hochschule für bildende Künste in Hamburg auf. Ein Stipendium, 1600 Euro, einfach so für's Nichtstun. Jedoch, was nach bedingungslosem Grundeinkommen für drei Künstler klingt, unterliegt einem strengen Bewerbungsprozess. "Begründen sollen die Aspiranten ihr Nichtstun, eingebettet in den Kontext des Projekts 'Schule der Folgenlosigkeit'".

So viel Schwurbel ruft die spitze Feder von taz-Autor Daniel Kretschmar auf den Plan: "Konsum und Kapitalismus will man kritisch gegenüberstellen, und zwar durchs Nichtstun. Oder die Folgenlosigkeit. Oder beides, wie auch immer das gehen soll."

Fazit: Eine Leistungsschau, ein Wettbewerb zum Erwerb des Nichtstun-Stipendiums, "das mit einem Bericht über die Resultate (!) des Nichtstuns abzuschließen ist? 'Da legst di nieder', wie man weiter südlich zu sagen pflegt."

Wenn Sie das verwirrt so wie es uns verwirrt, nehmen Sie diese zwei Schlagzeilen mit in ihren Alltag, auch wenn sich die dazugehörigen Artikel auf anderes beziehen. Zum einen "Mut zur Lücke" (FAZ), zum anderen, für die Defätisten unter uns aus der ZEIT: "Mein Leben als Kollateralschaden."

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