Sonntag, 15.12.2019
 

Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 01.11.2014

Aus den FeuilletonsVilla Größenwahn

Der Präsident der Türkei stellt sich architektonisch in die Reihe autoritärer Bauherren

Von Arno Orzessek

Podcast abonnieren
Blick auf den neuen Amtssitz von Tayyip Erdogan in Ankara, genannt "Der Weiße Palast" (dpa / picture alliance )
Der neue Amtssitz von Tayyip Erdogan in Ankara, genannt "Der Weiße Palast" (dpa / picture alliance )

Der türkische Präsidenten Recep Tayyip Erdogan hat seit vergangener Woche einen neuen Palast. Eine "osmanische Traumfabrik", die eine späte Stilblüte der "längst verdorrten Postmoderne" darstellt, wie die FAZ schreibt.

Bevor wir uns ums Feuilleton kümmern, ein Blick auf das Titel-Bild der TAGESZEITUNG vom Freitag.

Es zeigte einen viermotorigen Tupolew-Bomber, der hoch über den Wolken von einem norwegischen F-16-Jet eskortiert wird.

Das Foto dokumentierte die russischen Provokations-Flüge an den Grenzen West-Europas. Welche Überschrift aber platzierte die TAZ über den Flugzeugen?

"Ausländer umgehen Autobahn-Maut!"

Architektonische Stilblüte des Neu-Sultans

Und nun geradewegs in die Villa Größenwahn, oder, mit der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG, in "Präsident Erdogans osmanische Traumfabrik".

"Unvoreingenommen betrachtet (so Dieter Bartetzko), ist der neue Präsidentenpalast in Ankara eine späte Stilblüte der längst verdorrten Postmoderne. Da man ihn aber nicht anschauen kann, ohne auch an seinen – gelinde gesagt – autoritären Bauherrn Recep Tayyip Erdogan zu denken, erinnert das Riesenensemble wechselnd an Ceaușescus Marmorkoloss 'Casa Poporului' oder an 'Al Salam' in Bagdad, jenen orientalisch verbrämten Bunker, den sich Saddam Hussein errichten ließ."

Erdogan, Ceaușescu, Saddam also… Noch möchte man hoffen, dass die suggestive FAZ-Bauherren-Reihe dem türkisches Präsidenten ein bisschen Unrecht tut. Aber wer weiß.

Würde der geltungssüchtige Neu-Sultan Erdogan übrigens die FAZ lesen, hätte ihn im Blick auf seine Gesundheit womöglich der Artikel unter der Palast-Kritik interessiert.

"Google versucht sich auch mal an der Unsterblichkeit",

hielt Joachim Müller-Jung fest.

Der Datenkonzern plant nämlich, die Nanomedizin zu revolutionieren.

Andrew Conrad, Chef der Forschungsabteilung Google X, prognostiziert laut FAZ:

"Dass die Menschen froh sein werden, wenn sie in fünf Jahren ein Armband tragen, das magnetische Nanopartikel erfasst, die in der Blutbahn fließen und den Menschen zum frühestmöglichen Zeitpunkt über das Auftreten der ersten Krebszellen im Körper informieren."

Klingt nützlich, oder? Allein, FAZ-Autor Müller-Jung mutmaßte, dass Google mit den Nano-Aktivitäten den eigenen Ruf verarzten will.

"Google kann sich in seiner neuen Rolle als medizinischer Heilsbringer fast sicher sein, das ramponierte Image als Rampensau der Big-Data-Ära zumindest teilweise zu kompensieren. Die Ethik des Heilens hilft dabei. Genau darum aber, um Big Data, geht es dem Unternehmen – um den buchstäblich gläsernen Menschen."

Hoffen auf den pünktlichen Tod

Während Google die Kunden-Körper für ewigen Konsum fitzumachen gedenkt, hoffen einige Amerikaner auf den pünktlichen Exitus.

Ezekiel Emanuel etwa, Leiter des Bioethik-Departments der Nationalen Gesundheitsbehörde, würde gern mit genau 75 Jahren abtreten.

Wie die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG berichtete, fragt sich Emanuel,

"ob das, 'was wir an Ressourcen im Alter benötigen – Geld und Zeit für medizinische Betreuung, Kosten für Arzneimittel und Behandlung – ob das alles meinem geleisteten Beitrag für Familie und Gesellschaft angemessen (ist).'"

"Man kann sich ausmalen (so SZ-Autor Bernd Graf), dass diese Überlegungen und Berechnungen nicht gut ankommen. Die Reaktionen der 'unsterblichen Amerikaner' (wie Emanuel sie nennt) sind heftig. Denn Emanuel unterstellt ja, dass die vom medizinischen Apparat besorgte Lebensverlängerung etwas Unnatürliches sei."

Dabei muss man sein Leben womöglich nicht lange verlängern, um noch den Untergang der Gattung Mensch mitzuerleben.

Frauen als die besseren Menschen

"In Jahrzehnten, nicht Jahrhunderten" wird‘s so weit seit, behauptete die Schriftstellerin Karen Duve im Berliner TAGESSPIEGEL und gab als Grund an, dass die Menschheit "den Globus wie eine böse Krätze überzieht".

Allerdings zielt Duve in ihrem Buch "Warum die Sache schiefgeht" allein auf die Krätze namens Mann.

Weshalb Gunda Bartels nachfragte:

"Sie glauben wirklich, was Sie schreiben: 'Frauen sind die besseren Menschen?'"

Darauf Duve:

"Ja. Und in Wirklichkeit wissen das auch alle. Wenn irgendwo ein Bushäuschen zerstört ist, dann geht jeder davon aus, dass das ein junger Mann gewesen ist. Die Zahlen sind international gleich: Rund 95 Prozent der Gefängnisinsassen sind Männer. Wenn man der üblichen Definition folgen will, dass gut sein bedeutet, gesellschaftlich erwünschte Eigenschaften an den Tag zu legen, dann ist die Sache doch eigentlich klar."

Dass unter den Hiesigen jedermann, also auch Frauen, am Verhängnis mitwirkt – das betonte der Soziologie Stephan Lessenich in der SZ:

"Westlicher Wohlfühlkapitalismus lebt nicht über seine Verhältnisse. Er lebt über die Verhältnisse anderer",

predigte Lessenich und endete sarkastisch:

"Alway look at the bright side of life: Singen Sie das doch bei Gelegenheit mal wahlweise dem gehetzt klingelnden Paketauslieferer, einem unter freiem Himmel schlafenden Flüchtling, oder Ihrer persönlichen Näherin aus Bangladesch ins Gesicht. Sie werden sich bestimmt freuen."

Kaltes Herz des Kapitalismus

Passenderweise handelte der am häufigsten besprochene Film der Woche – "Zwei Tage, eine Nacht" von Jean-Pierre und Luc Dardenne – vom kalten Herz des Kapitalismus: Eine Frau kann ihren Arbeitsplatz nur erhalten, wenn sie die Kollegen zum Bonus-Verzicht überredet.

"In nur 90 Minuten (wird) klar, dass der Weg in die transhumane Gesellschaft der Zukunft gegenwärtig mit Schein-Optionen und einer totalen Ökonomisierung menschlicher Beziehungen gepflastert ist",

resümierte Anke Westphal in der BERLINER ZEITUNG.

Aus den großen Debatten geschickt heraus hielt sich Eckhard Fuhr.

Der Autor der Tageszeitung DIE WELT besuchte das Berliner Pornfilmfestival, bei dem es laut Veranstalter

"um die Bedeutung der Sexualität im Leben ganz allgemein, nicht nur um ein erotisierendes Filmgenre"

geht.

"Das ist nun auch wieder schön gesagt (lachte Eckhard Fuhr). Im Mittelpunkt stehen aber doch die scharfen Sachen und im Mittelpunkt des Mittelpunkts der Höhepunkt, und zwar der weibliche. Wenn man einmal vom Gayporno absieht, dreht sich alles um den Orgasmus der Frau, eines der letzten großen Wunder der Natur und der Menschenwelt."

Okay. So endet unsere teils defätistische Presseschau doch noch frohgemut.

Bevor Sie uns jetzt aber verantwortlich machen für hektische Haut-Aktivitäten, liebe Hörer, ziehen wir uns hinter die Botschaft zurück, die in der WELT Überschrift wurde:

"Orgien finden im Kopf statt."

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur