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Kulturpresseschau | Beitrag vom 12.08.2018

Aus den FeuilletonsVielstimmige Nachrufe auf einen Solitär

Von Klaus Pokatzky

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Der Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul  (picture alliance / empics / Chris Ison)
Der Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul ist im Alter von 85 Jahren in London gestorben. (picture alliance / empics / Chris Ison)

Die Feuilletons beschäftigen sich mit dem verstorbenen Literaturnobelpreisträger V. S. Naipaul. Mal wird der aus Trinidad stammende Autor als tapfer und unerschöpflich neugierig, mal als vorurteilsbehaftet gegen Frauen und Schwule beschrieben.

"Nirgendwo ganz zu Hause", heißt es in der Tageszeitung DIE WELT in ihrem "Nachruf auf einen Solitär": "Auf Trinidad geboren, mit indischen Wurzeln und britischem Pass". Die Feuilletons würdigen V. S. Naipaul, den Literaturnobelpreisträger, der nun im Alter von 85 Jahren gestorben ist. Ja, die Feuilletons überschlagen sich nahezu – zur einen, wie zur anderen Seite.

Da ist "der große Schriftsteller und unbestechliche Chronist", so die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: "Unübersehbar: sein rasender, durchaus uncharmanter Scharfsinn, die zähe Energie und unerschöpfliche Neugierde", wie Paul Ingendaay befindet.

"Im Rückblick verdammt tapfer"

Oder, wie Marko Martin in der WELT meint: "Im Rückblick müssen wir uns diesen durch und durch solitären V. S. Naipaul als einen verdammt tapferen Menschen vorstellen."

Ein wahrhaft einzigartiges Leben ist da wiederzugeben. "Naipaul war 18 Jahre alt, als er mit einem Stipendium des Oxforder University College in London ankam und vor Einsamkeit fast zugrunde ging", lesen wir im Berliner TAGESSPIEGEL:

"Von einem trotzigen Aufstiegswillen besessen, träumte er von einem Leben als Schriftsteller, hielt sich mit Arbeiten für das Karibik-Programm der BBC über Wasser", so Gregor Dotzauer.

Der Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul (picture alliance / empics / Chris Ison)Der Literaturnobelpreisträger V.S. Naipaul (picture alliance / empics / Chris Ison)

"Naipaul wurde zum Reisenden unter den Schriftstellern – und zum Schriftsteller unter den Reisenden", beschreibt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG den weiteren Werdegang des jungen Mannes aus der Karibik mit seinem indischen Migrationshintergrund. "Bücher über das Reisen", schreibt Burkhard Müller, "müssen vor allem eines sein: wahr.

Diese Wahrheit erweist sich meist als hässlich." Und wieviel Wahrheit gehört in Nachrufe? "De mor­tu­is ni­hil ni­si be­ne", hat uns die Antike überliefert: von Verstorbenen soll man nur Gutes sagen. "Er war ein harter, kompromissloser, eitler und oft mürrischer Mann und entsprechend unbeliebt bei vielen Kollegen", notiert Paul Ingendaay die andere Seite des Sir Vidiadhar Surajprasad Naipaul: "Grausam. Schlimm genug, um die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen."

Zweifellos wucherten allerlei Ressentiments

Und in der WELT findet Marko Martin: "Zweifellos wucherten da beim schwierigen Mr. Naipaul allerlei Ressentiments (wie auch gegenüber Frauen und Schwulen)." Wir verabschieden uns lieber versöhnlich von dem großen Literaten und geben zwei Lesetipps wieder: "‘Ein Haus für Mr. Biswas‘, worin er in Romanform die Geschichte seines Vaters erzählt", empfiehlt die SÜDDEUTSCHE, "und ‚Indien – Ein Land im Aufruhr‘, das letzte der drei Indienbücher", so Burkhard Müller.

Zum Tod von Klaus Wildenhahn

"Er ging zu den Menschen", erinnert der TAGESSPIEGEL an den im Alter von 88 Jahren verstorbenen Regisseur Klaus Wildenhahn – der mehr als 60 Dokumentarfilme gedreht hat. "Künstler und Arbeiter, Politiker und Kneipenbesucher, Tänzerinnen und gewöhnliche Leute bevölkern diese Filme", lesen wir in der Tageszeitung TAZ.

Szenenaufnahme Heiligabend auf St. Pauli. Dokumentation aus dem Jahr 1968 von Klaus Wildenhahn. (imago stock & people)Szenenaufnahme aus "Heiligabend auf St. Pauli". Dokumentation aus dem Jahr 1968 von Klaus Wildenhahn. (imago stock & people)

"Er war mehr als 30 Jahre Redakteur beim NDR", schreibt Stefan Reinecke. "Es klingt 2018 wie ein Märchen aus vergangener Zeit. Die Fernsehredaktionen 2018 sind weitgehend zu Formatierungsmaschinen ohne jeden kreativen Esprit geworden."

Zum Tod von Fides Krause-Brewer

Und von einer Pionierin müssen wir Abschied nehmen. Fides Krause-Brewer starb wenige Tage nach ihrem 99. Geburtstag: "Eine der ersten Frauen im deutschen Fernsehen – und eine von wenigen, die mehr sein durften als Staffage", erinnert die SÜDDEUTSCHE an Zeiten, in denen Journalistinnen vor der Kamera noch eine Sensation waren.

Die Journalistin Fides Krause-Brewer ist im Alter von 99 Jahren gestorben (imago)Die Journalistin Fides Krause-Brewer ist im Alter von 99 Jahren gestorben (imago)

"Fides Krause-Brewer, 1919 in München als Tochter eines Musikkritikers und einer Journalistin geboren, blieb dem ZDF bis zur Pensionierung 1986 erhalten – und ihrem Herzensthema der beruflichen Gleichberechtigung von Mann und Frau zeitlebens."

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