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Kulturpresseschau | Beitrag vom 22.02.2021

Aus den FeuilletonsViel Raum für wenige Bewohner

Von Hans von Trotha

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Die Auffahrt zur repräsentativen Villa Josef Thyssen . (imago images / Oliver Langel)
Während ein Einfamilienhaus vergleichsweise viel Platz beansprucht, braucht eine Villa enorm viel Platz - hier die Villa Josef Thyssen in Mülheim an der Ruhr. (imago images / Oliver Langel)

Über Einfamilienhäuser gab es zuletzt eine lebhafte Diskussion. Die "SZ" widmet sich nun einer Sonderform dieses Gebäudetyps: der Villa. Und schafft in wenigen Sätzen den Sprung von Crocodile Dundee zu Vladimir Putin.

"Wir mögen jetzt überrascht und verschreckt sein angesichts der Differenzen, die Corona als gesellschaftliches Phänomen sichtbar macht", schreibt Isolde Charim in ihrer TAZ-Kolumne. "Tatsächlich aber gibt es eine Entwicklung, die schon lange vor der Pandemie nicht nur die Aufklärung infrage gestellt hat, sondern vor allem den Gedanken einer 'gemeinsamen Basis', meint sie.

"Rationalität als allen gemeinsame Basis war immer eine Fiktion. Aber es war die Fiktion, die für eine demokratische bürgerliche Gesellschaft notwendig war. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte aber geht in eine andere Richtung: Wir haben Gesellschaften, die nicht einmal mehr die Fiktion eines solchen gemeinsamen Bodens haben. Oder brauchen."

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Was, so die Autorin, "bei normalem Betrieb ein Stück weit funktionieren" mag. Aber: "In Pandemiezeiten ist das gänzlich unbrauchbar. Denn da braucht es alle Arten von Gemeinsamkeit, und alle Arten von Rationalität, deren man habhaft werden kann. Wissenschaftliche, gesellschaftliche, politische. Und es zeigt sich, dass dieses Reservoir ziemlich erschöpft ist. Weder Rationalität noch Gemeinsamkeit sind ausreichend vorhanden", bilanziert Isolde Charim.

Zaren, Autokraten und Bausparer

Wollte man sich spaßeshalber auf eine architektonische Form einigen, die das Gegenteil von Rationalität und Gemeinsamkeit verkörpert, könnte das die Villa sein – viel Raum für wenige Bewohner. In der SÜDDEUTSCHEN spürt Gerhard Matzig dem Unterschied zwischen Zaren, Autokraten und Bausparern nach, alles potenzielle Villen-Bauherren. Der liegt lediglich in der Größe.

Um diese seine Beobachtung zu untermauern, beruft sich Matzig einerseits auf den Villenarchitekten Paul Kahlfeldt (Zitat: "Wenn Sie die Villa schon von der Straße sehen können, ist es keine"), und andererseits auf Mick Dundee, Hauptfigur des Films Crocodile Dundee, der angesichts der Bedrohung durch einen Ganoven mit einem Messer ein größeres Messer zückt und sagt: "Das ist doch kein Messer. Das ist ein Messer."

So funktioniert, glaubt man Gerhard Matzig, Villen-, ja überhaupt private Wohnhausarchitektur – ganz ohne Anton-Hofreiter-Faktor: "Das ist doch kein Haus, das ist ein Haus." - "Oft", beobachtet Matzig, "steht man vor Häusern und fragt sich, den Fluchtinstinkt niederringend, wie das passieren konnte. Oft auch ist die Erklärung diese: 'Das ist doch kein Balkon. Das ist ein Balkon.' Man kann an dieser Stelle alles Mögliche einsetzen – Garage, Terrasse, Kamin, Schornstein, Badezimmer, Küche, ganz egal. Das XL-Moment parodiert das Leben."

Matzigs eigentliches Thema ist, Sie ahnen es längst: Vladimir Putin und sein Palast, jene - so Gerhard Matzig - "Mischung aus Versailles für Arme und Dubai für Fastreiche", die auf Youtube Karriere gemacht hat - was den Autor Matzig immerhin zu dem selbstkritischen Kommentar verleitet: "Das ist doch keine Einleitung, das ist eine Einleitung."

Buchpremiere nach zweihundert Jahren

Wobei wir – das ist doch keine Überleitung, das ist eine Überleitung – noch einmal zur Pandemie zurückkehren, die den Fans von Mary Shelly die erste ungekürzte Ausgabe eines Romans beschert, in dem die Schöpferin des literarischen Mythos Frankenstein als einem der ersten künstlichen Menschen der Literatur, die letzten Exemplare von dessen natürlich gezeugten Artgenossen auf- und naturgemäß – sonst wären es ja nicht die letzten - auch abtreten lässt: "Verney oder Der letzte Mensch" von 1824 fasst Hubert Spiegel, der ihn in der der FAZ feinfühlig rezensiert, so zusammen: "Auf Seite 372 von Shelleys drittem Roman sind noch etwa tausend Londoner übrig. Alle anderen, Männer, Frauen, Kinder, hatte die Autorin im Verlauf ihres Buches sterben lassen."

Hubert Spiegel kommentiert: "Offenbar las man dergleichen damals nicht gern. Das Buch über eine weltweite Pandemie, der nach und nach die gesamte Menschheit zum Opfer fiel – den letzten tausend Londonern sollte es nicht besser ergehen –, wurde Shelleys größter Misserfolg. Die Rezensionen waren niederschmetternd und der Leserzuspruch so gering, dass 'Verney oder Der letzte Mensch' mehr als ein Jahrhundert lang nicht wieder aufgelegt wurde."

Und erst jetzt erscheint das Buch ungekürzt auf Deutsch. "Eine Buchpremiere gewissermaßen, nach beinahe 200 Jahren", wie Hubert Spiegel bemerkt. Warum gerade jetzt, das erscheint an diesem Feuilleton-Tag nicht schwer zu dechiffrieren: Das Buch hat für unsere Gegenwart die Botschaft bereit: "Das ist doch keine Pandemie, das ist eine Pandemie."

Wenigstens nicht umgekehrt.

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