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Kulturpresseschau | Beitrag vom 01.12.2018

Aus den Feuilletons"Versetzen Sie sich mal in eine Mars-Mikrobe"

Von Arno Orzessek

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Aufnahme vom Mars-Südpol (imago/StockTrek Images)
Eine Aufnahme vom Mars-Südpol. (imago/StockTrek Images)

Die "Tageszeitung" beklagt sich beim Planeten Mars über seine Unbelebtheit und berichtet über eine bevorstehende Rekord-Bohrung dort. Ein Fachmann vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung warnt aber vor dem Betreten seiner Oberfläche.

"Warum bist du nur so gottverdammt tot?" - wandte sich die TAGESZEITUNG an den Mars. Und zwar unter einem grandiosen Foto des Roten Planeten, den die Nasa-Sonde Insight dieser Tage näher inspizieren wird. Es geht mal wieder um Spuren extraterrestrischen Lebens. Unter anderem soll ein Roboter bis in fünf Metern Tiefe nach Molekülen suchen, was laut TAZ ein neuer "Rekord für Löcherbohren auf anderen Himmelskörpern" wäre.

Weltraum-Touristen würden den Mars kontaminieren

Aber denke jetzt niemand, das Moleküle-Suchen könnten demnächst doch Weltraum-Touristen erledigen, falls der Raketenbauer und Mars-Visionär Elon Musk erfolgreich mobil macht. "Sobald Menschen auf dem Mars rumhirschen, ist es vorbei mit der Suche nach Leben dort. Dann ist alles mit irdischen Mikroorganismen kontaminiert", zitierte die TAZ Fred Goesmann vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Lindau.

Ingo Arzt, der Autor des Artikels, fügte hinzu: "Versetzen Sie sich nur mal in eine Mars-Mikrobe: Die Vorfahren haben Milliarden von Jahren unter härtesten Bedingungen auf einem kargen Wüstenplaneten überlebt. Dann sterben alle. Weil der Mensch kommt. Wäre ziemlich typisch für uns."

Bleiben wir also auf der Erde, dem einzigen Planeten, auf dem die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG erscheint. In der Rubrik "Was es heißt, ein Mensch zu sein" äußerte die NEW YORK TIMES-Mitarbeiterin Alison Arieff ihr Missbehagen angesichts von Geschäftsleuten, die den Tod abschaffen wollen, sich selbst 'Langlebigkeitsunternehmer' nennen und überwiegend im Silicon Valley residieren.

Arieff zitierte in der NZZ ihre Kollegin Barbara Ehrenreich: "Sie können sich den Tod voller Bitterkeit und Resignation als tragische Unterbrechung Ihres Lebens vorstellen und jede denkbare Möglichkeit ergreifen, um ihn herauszuschieben. Oder Sie können sich, realistischer, das Leben als Unterbrechung einer Ewigkeit individueller Nichtexistenz vorstellen und es als eine kurze Chance begreifen, die lebendige, immer überraschende Welt um uns herum zu beobachten und mit ihr zu interagieren."

Ein Nachruf mit Butter

Genau so hat es Bernardo Bertolucci gehalten, der italienische Regisseur von "Der letzte Tango in Paris", "1900" und anderen Filmen von Rang, der nun in Rom gestorben ist. 

"Er ist nie wirklich rausgekommen aus dem Mai '68", behauptete Fritz Göttler in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. "Mit einer Obsessivität wie bei keinem anderen Filmemacher seiner Generation kreisen seine Filme um diese Zeit und ihre Fantasien - die Lust auf Veränderung, die rasante Energie, wenn es darum geht, alte Institutionen zu zertrümmern, das gewaltige und gewalttätige revolutionäre Pathos. Aber auch: die Enge und die Engpässe, auf die diese Revolution zulaufen wird, die schreckliche kalte Restauration, die sich früh andeutet."

Der Nachruf im Berliner TAGESSPIEGEL hob an: "Bertolucci wird der Nachwelt auch wegen eines Stücks Butter in Erinnerung bleiben." Andreas Busche erzählte noch einmal, wie Marlon Brando als alternder Kraftmensch in der "Der letzte Tango" vor dem Analverkehr Butter bemüht hat. Und dass Bertolucci auf diese Idee gekommen war, während er mit Brando beim Frühstück saß und "die knusprigen Baguettes und eine Schale Butter vor sich sah."

Busches Resümee: "Mit Bertolucci stirbt einer der letzten Intellektuellen einer libertären, revolutionären Ära des Kinos. Eine andere Revolution, die die Filmbranche und die gesamte Gesellschaft mit #MeToo seit gut einem Jahr erfasst, kam für ihn zu spät."

Ein Film als "perverse Therapiestunde"

Mittendrin steckt der dänische Regisseur Lars von Trier, dem etwa die Sängerin Björk Belästigung vorwirft. In den Feuilletons ging es indessen um von Triers neuen Film "The House That Jack Built". Im Mittelpunkt: der Massenmörder Jack. Hans-Georg Rodek erkannte in der Tageszeitung DIE WELT eine Tendenz:

"Spätestens seit 'Antichrist' scheint der Hauptzweck von Lars-von-Trier-Filmen darin zu bestehen, Zuschauer aus ihrer Komfortzone zu reißen. Sie zu provozieren. Jack 'gesteht' im Film bald, dass er 60 Menschen umgebracht hat, über den Daumen gepeilt, und bietet an, seine 'Karriere' an fünf Fallbeispielen zu erzählen. Da muss der Zuschauer nun durch. Der Besuch eines Von-Trier-Films kann verstörend, kann ärgerlich sein. Unterfordert wird man nie."

Rodeks Kritik in der WELT legte nahe, Lars von Trier sei zwar ein extremer, aber kein explizit seelenkranker Typ. Anders die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG unter dem Titel "Der tiefste Grund der Hölle". Für Tobias Kniebe ist der Film "eine perverse Therapiestunde", in der sich von Trier von seinen Zwangsgedanken in puncto Mord durch ständige Wiederholung befreit - Fachbegriff Flooding.

Ob man solche Therapie innerhalb einer "millionenteuren Filmproduktion" durchführen soll, fragte sich Kniebe - und antwortete: "Warum nicht, solange jemand trotz schwerer Gestörtheit noch andere Menschen davon überzeugen kann, dabei kreativ und finanziell mitzuwirken. Ein Mann, der - wie auch immer - sogar Schauspielerinnen wie Uma Thurman dazu bringen kann, Rollen anzunehmen, die die Sache der Frauen in der Welt nun wirklich keinen Millimeter voranbringen, hat solche Ausdrucksmöglichkeiten möglicherweise verdient."

Bürokratische Schubladen für koloniale Raubkunst

Haben es die europäischen Museen verdient, sich mit kolonialer Raubkunst zu schmücken? In Frankreich hat eine Studie das vermeintliche Gewohnheitsrecht hinterfragt, erste Kunstwerke wurde ans afrikanische Benin zurückgegeben. Und in Deutschland? Wird wenig passieren, vermutete Antja Karich in der WELT:

"Um es kurz zu machen: Im Kolonialismus nach Deutschland verbrachte Kulturgüter werden ein ähnliches Schicksal erleiden wie Raubkunst aus jüdischem Besitz. Sie werden in bürokratisch föderalistische Schubladen einsortiert werden. In Deutschland wird sich keine Mehrheit finden, die dem Aufruf aus Frankreich zur Versöhnung durch bedingungslose Rückgabe von Kulturgütern folgt."

Übrigens: Das Interview der Woche gab Harald Schmidt in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Schmidt, so viel für die Jüngeren, war mal der böseste Bube des deutschen Fernsehens, heute nennt er sich "Interview-Künstler" - und das völlig zurecht. Glauben Sie bitte, wir wollten Ihnen das gründlich demonstrieren. Allein, unsere Zeit ist um. Tschüss und schönen Sonntag!

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