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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 17.05.2014

Aus den Feuilletons"Unsere Wurst ist die beste"

Von Arno Orzessek

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ESC-Siegerin Conchita Wurst singt in Kopenhagen.  (picture alliance / dpa / Foto: Vladimir Astapkovich)
ESC-Siegerin Conchita Wurst (picture alliance / dpa / Foto: Vladimir Astapkovich)

Wahre Deutungsexzesse hat der ESC-Sieg von Conchita Wurst in dieser Woche in den Feuilletons ausgelöst. Weitere Themen waren eine spektakuläre Schlappe für Google und der neue Godzilla-Film.

Feiern wir zunächst mit der Wochenzeitung DIE ZEIT "Europas bärtige Königin"...

Also der/die/das Conchita Wurst alias Tom Neuwirth, die österreichische Dragqueen, die den diesjährigen Eurovision Song Contest gewann und damit in den Feuilletons Deutungsexzesse auslöste.

"Was bedeutet der Künstlername Wurst? [grübelte der ZEIT-Autor Peter Kümmel]. Vielleicht dies: egal. Dass nämlich die sexuelle Orientierung eines Menschen, sein Äußeres, seine Kleidung ‚wurst' sein müssen, wenn es darum geht, ihn zu beurteilen. Allerdings wird im Netz auch die Übersetzung ‚Wurst = Penis' diskutiert; und wenn man nun bedenkt, dass conchita im Spanischen [...] ein vulgäres Kosewort für die Vagina ist, könnte Tom Neuwirths Künstlername auch dies sein: die Verkoppelung des weiblichen und des männlichen Geschlechtsteils, die Überschreitung als Programm."

Weniger konjunktivisch als Peter Kümmel kam Hans Hoff in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG unter der Überschrift "Merci Chérie" auf den Punkt:

"Sissi trägt jetzt Bart. Glückwunsch."

Indessen übersah auch Hoff die gewaltig-nebulöse politische Dimension des Ereignisses keineswegs und betonte:

"Der Sieg von Conchita Wurst zeigt, dass Europa grenzenloser ist, als viele glauben."

Das stand in der SZ vom Montag. Am Dienstag übermittelte sie, wie Österreich den Sieg verkraftet – "aufgekratzt", "stolz", usw. Aber schon die Überschrift sagte eigentlich alles: "Unsere Wurst ist die beste".

Auf derselben Seite berichtete Tim Neshitov, dass in Russland viele prominente Bornierte über Wursts Wahl ihre Fassung verloren hatten.

"Wladimir Schirinowsky, ein frömmelnder, faschistoider, alternder Politclown, sagte im Staatsfernsehen: ‚Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas. Da unten gibt es keine Frauen und Männer mehr, sondern stattdessen ein Es. Vor 50 Jahren hat die sowjetische Armee Österreich besetzt, es freizugeben war ein Fehler, wir hätten dort bleiben sollen.'"

So Wladimir Schirinowsky in einem SZ-Artikel von Tim Neshitov.

Sehr wohl erschienen zum Problem-Komplex Russland-Ukraine auch Artikel ohne Wurst-Geschmack.

"‚Putins Propaganda hat faschistische Züge'", polterte Adam Michnik, der Chefredakteur der polnischen Gazeta Wyborcza, in der Tageszeitung DIE WELT...

Und ging mit der Russland-Politik von Bundesaußenminister Steinmeier ins Gericht.

"‚Steinmeier ist hochintelligent. Aber man kann intelligent sein und trotzdem unvernünftig. Steinmeier meint, dass man sich [mit Putin] an einen Tisch setzen und über alles reden könne. Aber es ist der gleiche Gedankenfehler, den Neville Chamberlain 1938 in Bezug auf Adolf Hitler machte. Hitler hatte ja nicht Unrecht, dachte er, die Österreicher wollen zu Deutschland, die Sudetendeutschen auch, setzen wir uns an einen Tisch, geben Hitler, was er fordert, und dann ist Ruhe. [...] Solange [...] Putin regiert, ist es so: Reicht man ihm die Hand, sollte man danach seine Finger zählen, ob noch alle dran sind.'"

In der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG dachte der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan nicht an eine russische Invasion – ihn grämte etwas anderes:

"Das Unheimliche an den Vorgängen in der Ostukraine ist, dass sie im Zeitlupentempo auf einen Bürgerkrieg hinauszulaufen scheinen. Der Hass, der von Russland aus geschaffen und geschürt wurde, setzt sich im Inneren der Gesellschaft fort. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, das gegenseitige Verständnis zu retten."

Über die Errettung der Welt aus den Fängen der digitalen Datenkraken zerbrach sich mal wieder am gründlichsten die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG den Kopf...

Christian Geyer begrüßte in gespreizter Sprache die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs, dass Google & Co. auf Verlangen Betroffener bestimmte Daten aus dem Netz tilgen müssen.

"Tempus fugit, die Zeit verstreicht, und seit gestern ist es einklagbar: Die digitale Identität darf sich künftig nicht unabhängig von ihrem zeitlichen Verlauf, von ihrer Historizität bestimmen lassen. Man soll auch im Netz ein anderer werden und trotzdem derselbe bleiben dürfen. [...] Auch eine rechtmäßige Verarbeitung sachlich richtiger Daten, so der Tenor der Entscheidung, kann in Anbetracht ‚[...] der verstrichenen Zeit' nicht mehr den Erfordernissen des Datenschutzes entsprechen."

Im übrigen ließ die FAZ in puncto Daten-Schlamassel auch politische Prominenz ran. Zwei starke Männer fielen dabei durch ihren Ermächtigungston auf.

Sigmar Gabriel entfaltete seine Pläne zur Einhegung des globalen Informationskapitalismus unter der Überschrift "Wir haben debattiert, jetzt werden wir handeln".

Joaquin Almunia, der in der Europäischen Kommission für Wettbewerbs-Politik zuständig ist, stellte seine Antwort auf den kürzlich erhobenen Untätigkeits-Vorwurf von Springer-Chef Matthias Döpfner unter die Parole: "Ich diszipliniere Google."

Weil diese Presseschau endlich ist, müssen wir darauf verzichten, Einzelheiten aus den seitenlangen, inhaltlich durchaus straffen Riemen von Gabriel und Almunia zu zitieren – und kommen von starken Männern zu einem noch stärkeren Monster:

Das Radau-Reptil Godzilla ist wieder da, dieses Mal in einem Film von Gareth Edwards.

"Der schon wieder. Dass er bloß nicht alles kaputt macht", nahm die WELT Godzilla auf den Arm...

Sofern diese Formulierung erlaubt ist. Immerhin misst das Vieh laut einer wissenschaftlichen Monster-Grafik in der SZ über einhundert Meter. Aber nun. Seit Sophokles weiß man: Ungeheuer ist viel, aber nichts ist ungeheurer als der Mensch.

Der FAZ-Autor Dietmar Dath mag an Sophokles Spruch gedacht haben, als er Edwards "Godzilla" mit zärtlichen Worte lobte:

"Das Ungeheuer, vor dem dieser Film mit Recht am meisten Respekt hat, ist sein Publikum. Aber anders als Godzilla bleibt es friedlich, wenn man es reizt, und reagiert, wenn die Reize so ausgesucht sachkundig ausgeteilt werden, sogar mit monströsem Behagen."

Vielleicht gehen Sie an diesem Sonntag ja ins Kino, liebe Hörer. Eine gute Alternative wurde indessen in der TAGESZEITUNG Überschrift.

Sie empfahl: "Komplett über die Stränge schlagen."

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