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Kulturpresseschau | Beitrag vom 24.09.2019

Aus den FeuilletonsUnsere Privilegien im Licht der Thomas-Cook-Pleite

Von Ulrike Timm

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Die Sonne geht über einem Airbus am Flughafen auf. (picture alliance/Christoph Schmidt/dpa)
Momentan wird viel über Klima und Umweltschutz diskutiert, anscheinend ohne Effekt, wie die hohe Zahl der von der Insolvenz bedrohten deutschen Urlauber zeigt. (picture alliance/Christoph Schmidt/dpa)

In Deutschland sind 140.000 Urlauber von der Insolvenz des Reisekonzerns betroffen. Dies nimmt die „taz“ zum Anlass, unseren Lebensstil zu beleuchten: „Wir sind immer noch die, die überall sein dürfen und immer nach Hause gebracht werden.“

"Wem gehört die Natur?" fragt die FRANKFURTER ALLGEMEINE vor dem Waldgipfel in Berlin und zeichnet die komplizierten Beziehungen zwischen Bauern und Förstern, Stadt und Land, Jägern und "Jäganern" nach. Letzteres sind angeblich nur Wild essende Fast-Vegetarier, lernen wir. Und klar, es ist kompliziert.

Der Bauer, der uralte Obstbäume eingehen lässt oder umsäbelt, weil sie seine Mähschneise stören, ist auf seiner kleinen Scholle unökologisch -  der Waldbader, der seiner Wonne im Dickicht nachgeht, aber oft genug auch, weil er Tiere stört.

Wer neue Bäume wachsen sehen will, muss auch fürs Rotwild Ausgleichsflächen schaffen - zum Schutz des Wilds und in der Hoffnung, dass es am neuen Wald dann weniger knabbert:

"Gibt man ihm genügend Äsungsflächen, auf denen es nicht bejagt wird, dann kann der neue Wald unbehelligt wachsen. In den hundert Jahren ihres Lebens streut eine Fichte sieben Millionen Samen. Es ist an uns, dafür zu sorgen, dass sie aufgehen." Soweit die FAZ.

140.000 Deutsche von Thomas-Cook-Pleite betroffen

Die TAZ staunt über eine Zahl. Eben weil wir gerade so viel über Klima und Ökologie reden. 600.000 Reisende sollen von der Thomas-Cook-Pleite betroffen sein, allein in Deutschland 140.000, und es ist nicht mal Hauptsaison.

"Wir sind immer noch die, die überall sein dürfen – und immer nach Hause gebracht werden." Und weiter: "Was hier genau beeindruckt, ist das Privileg. Wie diese Zahlen plötzlich aufploppen. Hat wirklich in letzter Zeit irgendwer jemals vor 'Verbotskultur' oder vor einem 'Angriff auf unseren Lebensstil' gewarnt?" Nüchternes Fazit der TAZ: "Das ist unser Business as usual. So leben wir."

The Twist – Norwegens elegant gedrehte neue Kunsthalle

Die WELT schmückt das Foto eines spektakulären Gebäudes: Ein Haus im Twist, zudem als Brücke über einen Fluss. Und es schmiegt sich perfekt in die norwegische Landschaft hinein.

Nördlich von Oslo gibt es einen Skulpturenpark, und in den hat ein vermögender Sammler nun eine Kunsthalle hineinbauen lassen, vom dänischen Architekten Bjarke Ingels. Es ist alles auf einmal: ein Gebäude, eine Brücke, eine architektonische hochelegante Drehung, eben "The Twist".

Besonders stolz ist der Architekt darauf, dass er diese spektakuläre Kurve im Gebäude erreicht hat, ohne auch nur ein gebogenes Bauteil zu verwenden. "Wie ein betont schnörkelloser Schnörkel liegt das Gebäude nun in der norwegischen Landschaft, macht eine große Welle über den kleinen Wellen des Flusses."

Sieht wirklich toll aus - zu betrachten in der WELT. Und natürlich vor Ort, da können Sie dann noch Kunst gucken.    

Deichkinds Konzept des "flexiblen Trichters"

Kurz noch ein Schwenk zum TAGESSPIEGEL, der ein Interview mit der Hamburger Band Deichkind geführt hat, die mit eiernden Beats, irrwitzigen Kostümen und Songs à la "Like mich am Arsch" als die derzeit exzentrischste deutsche Band gilt.

Das neue Album hat mit "1000 Jahre Bier" einen Saufsong im Programm, obwohl Deichkind doch eigentlich keine Saufsongs mehr machen wollte – weil diese Geschichten "auserzählt" seien.

Gefragt, ob ein solcher Titel nicht zwangsläufig doch in Richtung eines Ballermann-Hits à la "Wir müssen aufhören weniger zu trinken" gehen würde, kontern die Jungs ganz pragmatisch: Sie wollten viele Leute in ihre Konzert kriegen und wer wegen eines Saufsongs käme, den kriegten sie vielleicht auch für anderes begeistert:

"Wir stellen einen flexiblen Trichter auf, an dem die Songs in verschiedene Richtungen ziehen. ‚1000 Jahre Bier‘ macht diesen Trichter sehr weit auf, da fallen ganz viele Leute rein, nach unten wird er aber immer enger, und am Ende kommt eine Wurst raus." Kollege Porky ergänzt: "…ein humaner Brei, ein Gesellschaftsbrät."

Ob Sie das hören mögen, müssen Sie selbst entscheiden, aber schlagfertig sind die Jungs von Deichkind! Und liefern uns die schönste Überschrift des Tages: "Als Schleifpapier wären wir maximal grob!"

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