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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 19.12.2018

Aus den FeuilletonsUnrühmliches Ende einer Reporterkarriere

Von Tobias Wenzel

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Der "Spiegel"-Artikel "Jaegers Grenze" vom November 2018  (Deutschlandfunk/Annika Schneider)
Der "Spiegel"-Artikel "Jaegers Grenze" vom November 2018 führte zur Entlarvung von Claas Relotius. (Deutschlandfunk/Annika Schneider)

Die Feuilletons sind entsetzt über den Betrugsfall Claas Relotius beim "Spiegel". Die "taz" sieht "einen der größten Fälschungsskandale im deutschsprachigen Journalismus". Die Festtage genießen können nur Redaktionen, für die Relotius nicht geschrieben hat.

"Fantasie gehört zum guten Leben": Diese Titelzeile aus der TAZ bezieht sich nicht etwa auf den allzu fantasievollen Journalisten Claas Relotius. Anne Fromm und Jürn Kruse haben für ihren Artikel über diesen jungen Mann, der für seine "Spiegel"-Reportagen Geschichten erfunden hat, die Überschrift "Die Wahrheiten des Relotius" gewählt. Der "Spiegel" sei von "einem der größten Fälschungsskandale im deutschsprachigen Journalismus betroffen", schreiben sie. Dass dem Magazin in keinem der Feuilletons mit erhobenem Zeigefinger oder gar mit Spott begegnet wird, hat sicher auch damit zu tun, dass Claas Relotius früher für fast alle großen deutschsprachigen Zeitungen gearbeitet hat. Auch für die Sonntagsausgabe der FRANKFURTER ALLGEMEINEN. "Ein Hinweis auf Fälschungen hat sich bislang nicht ergeben", schreibt Michael Hanfeld in der FAZ über die drei Texte, die Relotius dort veröffentlicht hat, nicht ohne zu ergänzen: "Der Sachverhalt" werde "weiter geprüft".

Die Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Aus der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG erfährt man, dass die Chefredaktion zwei Interviews, die Relotius für das Magazin der Zeitung geführt hat, gerade übersetzen lasse, um sie den Interviewpartnern zur Überprüfung vorzulegen. DIE WELT hat die Texte von Relotius schon mal vorsorglich aus dem Netz genommen. Chefredakteur der WELT ist mit Ulf Poschardt ausgerechnet der Mann, der seinen Posten als Chefredakteur des SZ-Magazins verlor, weil er die Interviews des Schweizer Journalisten Tom Kummer, die sich als frei erfunden herausstellten, nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft hatte.

"Damals hatte der Begriff 'Borderline-Journalismus' Konjunktur, mit dem versucht wurde, Kummers Fälschungen zur Kunstform umzudeuten", schreiben David Denk und Angelika Slavik in der SZ. "Was vor 18 Jahren noch leidlich gelang, funktioniert heute angesichts eines von 'Fake News'-Vorwürfen und Auflagenrückgängen gekennzeichneten Gesellschafts- und Branchenklimas überhaupt nicht mehr." Die Glaubwürdigkeit des Journalismus stehe auf dem Spiel. Das erkläre die "schnelle und entschiedene Aufarbeitung der Spiegel-Redaktion".

"Ob es bestimmte Gespräche mit bestimmten Menschen gegeben hat, ließe sich höchstens über Tonbandprotokolle verifizieren", schreibt, während sein Chefredakteur Ulf Poschardt vielleicht gerade mit Angstschweiß auf der Stirn Artikel von Claas Relotius überprüft, Christian Meier in der WELT über Kontrollmöglichkeiten. "Hier beginnt das Vertrauen."

Wer Erdoğan beleidigt, wird verklagt

Wenn man den Feuilleton-Aufmacher von Michael Wolffsohn in der WELT liest, dann kann man schon denken: Hier hat die Qualitätskontrolle versagt. Der Historiker und Publizist hat für seinen Artikel nichts erfunden, verbreitet darin aber eine krude These: "Was Antisemitismus ist, entscheidet nicht der Wille des Treffenden, sondern die Wirkung auf den Betroffenen." Der erste Teil des Satzes ist plausibel, der zweite aber gefährlicher Humbug. In der Logik Wolffsohns allgemein formuliert: Das vermeintliche Opfer und nur es allein entscheidet anhand seiner Gefühle, ob es tatsächlich Opfer ist. Wer so argumentiert, verabschiedet sich vom Gedanken der Objektivität und braucht auch keine neutralen Richter mehr.

Die können dann ja in die Türkei auswandern, wo gerade Richtermangel herrscht. "Letztes Jahr wurden gegen mehr als 20.000 Personen Ermittlungen wegen Beleidigung Erdoğans eingeleitet, über 6000 mal wurde Klage erhoben", schreibt Can Dündar in der ZEIT. Dabei ist für die bekanntlich nicht mehr unabhängigen türkischen Richter – Wolffsohn müsste es freuen – immer wieder das subjektive Empfinden des vermeintlichen Beleidigungsopfers Erdoğan das Maß der Dinge.

In den Worten Can Dündars: "Der Journalist Onur Erem schrieb, wenn man bei Google nach 'Mörder und Dieb' suche, schlage die automatische Vervollständigungsfunktion 'Erdoğan' und 'AKP' vor. Für den Bericht wurde er zu elf Monaten und zwanzig Tagen Haft verurteilt."

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