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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 13.07.2019

Aus den FeuilletonsÜber Sinn und Unsinn sofortiger Erklärungen

Von Ulrike Timm

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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) trägt ein rotes jacket vor dunklem Hintegrund. (dpa / Gregor Fischer )
Die dritte Zitterattacke war wohl eine zu viel. Angela Merkels Gesundheitszustand beschäftigt seit Tagen die Medien. (dpa / Gregor Fischer )

Spekulationen über Merkels Gesundheitszustand nimmt die "FAZ" zum Anlass, über den sogenannten Sofortismus zu sinnieren, also darüber, dass neuerdings immer sofort auf Erklärungen und Lösungen gedrängt wird, selbst wenn es diese nicht geben kann.

Künftig wieder ein Prinz im Schloss, und an den Wänden in den Gemächern Gemälde, die bislang jeder in Museen bewundern durfte? "Hohenzollern erheben Ansprüche auf tausende bedeutende Kunstwerke", auf Wohnrecht in Schlössern und Nutzungsrecht für Veranstaltungsorte. Das vermeldet exklusiv der TAGESSPIEGEL.

Dass die Nachfahren der Preußenkönige seit Jahren mit der öffentlichen Hand um Herausgabe von ehemaligem Familienbesitz streiten, ist bekannt. Jetzt hat der TAGESSPIEGEL den alle bisherigen Vorstellungen übertreffenden Umfang dieser Forderungen gelüftet und, was bislang streng vertraulichen Vergleichsverhandlungen vorbehalten war, ans Licht gebracht.

Und offenbar hat sich der Hochadel verzockt. Äußerst kühl und mächtig indigniert weist der Stab von Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Forderungen der Hohenzollern-Familie zurück: "Keine hinreichend geeignete Grundlage für erfolgversprechende Verhandlungen". Im Normaldeutsch heißt das: So reden wir nicht.

Ist die heterosexuelle Liebe noch zu retten?

Klare Worte, klare Ansage findet sich auch in der WELT: "Hat der Feminismus die Ehe kaputt gemacht?" Die Antwort folgt postwendend: "Ja. Aber das ist nicht so schlimm". Aha. Laura Ewert versucht eine "Bestandsaufnahme" und stützt sich dabei vor allem auf das Buch einer schwedischen Autorin, die dazu viele Studien studiert hat, also, dass der Feminismus die Ehe kaputt gemacht hat und warum das aber nicht weiter schlimm ist.

Die Antwort fällt erwartbar und zahm aus, trotz der rummsigen Überschrift: "Die einzige Rettung der heterosexuellen Liebe ist: die gegenseitige und aufrichtige Auseinandersetzung mit Rollenverteilungen in Beziehungen und die Auffrischung dieser."

Also das, was jedes moderne Paar heute eben aushandeln muss und was häufig klappt und häufig leider nicht. So weit so normal. Bloß das mit der "Auffrischung", das hätten wir schon gerne etwas ausführlicher gehabt. Sei's drum.

Verhaltene Freude in der Schweiz über Büchner-Preisträger

Beziehung ganz anderer Art: Der Schweizer Schriftsteller Lukas Bärfuss fühlte sich von einem Engel geküsst. So kommentierte er die Nachricht, dass ihm die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Georg-Büchner-Preis verleiht. Wie schön, wenn man Preise kriegt!

Die eidgenössische Freude über den Preisträger fällt jedoch seltsam verhalten aus: "Lukas Bärfuss ist ein Erfolgsschriftsteller mit politischem Engagement und einem vergleichsweise noch schmalen Werk, das unter der Ehre des Büchner-Preises jetzt wie ein Ganzes wirken könnte", so spröde kommentiert Paul Jandl für die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG.

Die Spitzfingrigkeit erklärt sich womöglich aus dem gespaltenen Verhältnis, das der Schweizer Autor zu seinem Heimatland pflegt. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE posaunt fröhlich heraus, dass sich Büchner-Preisträger Bärfuss auf ihren Seiten mal so richtig Luft gemacht hat, Zitat: "Mit einem in dieser Zeitung veröffentlichten Essay ‚Die Schweiz ist des Wahnsinns‘ (vom 15. Oktober 2015) löste er drei Tage vor der dortigen Parlamentswahl mit seiner Fundamentalkritik am politischen, sozioökonomischen und kulturellen Zustand des Landes eine gesellschaftliche Kontroverse aus. Es wird nicht die letzte sein, die Lukas Bärfuss angezettelt haben wird."

Möge Büchner Bärfuss anstacheln

Das würde die FRANKFURTER RUNDSCHAU sehr freuen. Sie schickt mit Ulrich Seidler einen echten Lukas-Bärfuss-Fan ins Rennen: "Wir, seine Leserinnen und Leser, freuen uns mit. Wichtiger ist natürlich der Geist dessen, nach dem der Preis benannt ist: der Sozialrevolutionär und der Existenzdichter. Möge Büchner Bärfuss nicht nur inspirieren, sondern anstacheln."

Iris Radisch betont in der ZEIT eine andere Facette des Schweizer Schriftstellers: "In seinen Romanen (Hundert Tage, Koala, Hagard) tritt die bürgerschreckhafte Seite seines Werkes zugunsten eines ruhigen Erzählens zurück, das eine gewisse altmodische Umständlichkeit nicht scheut und eine Vorliebe für die Außenseiter- und Verliererperspektive zeigt. Lukas Bärfuss, der ‚traurig über seine eigenen Einsichten‘ sein will, setzt die Tradition der strengen Schweizer Melancholie überzeugend fort."

Grund zu Sorge oder zu Solidarität?

Kein Satz erregte wohl so viel Aufmerksamkeit in dieser Woche wie dieser: "Mir geht es gut, und man muss sich keine Sorgen machen." Im Nachrichtengeschäft die klassische Nichtmeldung. Wenn aber eine Kanzlerin zittert, Auslöser für wilde Spekulationen, Sorge, Mitleid und auch Häme, vor allem im Internet. "Es geht nicht darum, ob berichtet wird – sondern wie", meint die FAZ und stört sich am herrschenden "‚Sofortismus‘, der auf sofortige Erklärungen und sofortige Lösungen drängt, selbst wenn es diese nicht geben kann."

Ebenso absurd wie Spekulationskaskaden freilich seien "die kategorischen Einlassungen derer, die meinen, man dürfe sich nicht einmal für die Gesundheit interessieren." Die Belastbarkeit, die Arbeitsfähigkeit einer Regierungschefin sei sehr wohl eine Frage von öffentlichem Interesse und Belang. Die TAZ bekundet Kanzlerinnen-Solidarität, auch wenn der Körper mal bebt: "Sie hält dem Druck doch stand. Schließlich hätte Merkel sich nach dem ersten Mal auch krankschreiben lassen können und weitere, ähnliche Situationen vermeiden. Stattdessen stellt sie sich ihren Pflichten und zieht eisern durch, was zu tun ist."

Wie wäre eine Welt ohne Beatles?

Kurz noch zu einem weniger neuralgischen, aber für viele vielleicht ebenso emotionsgeladenen Thema: Was wäre, wenn es die Beatles nie gegeben hätte? Die WELT nimmt sich "Yesterday" vor, einen Film aus einer Welt, die die Musik-Dinos mit Ewigkeitswert nicht kennt. Regisseur Danny Boyle widmet sich also frohgemut der überaus hypothetischen Frage: Wie wäre eine Welt ohne Beatles? Für WELT-Autor Dirk Pilz eine klare Sache: "Möglich, aber sinnlos."

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