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Kulturpresseschau | Beitrag vom 11.05.2019

Aus den FeuilletonsÜber den anderen Umgang mit schwarzen Körpern

Von Tobias Wenzel

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Das Wrack der Barca Nostra, ein im Jahr 2015 versunkenes Schiff, das 800 Migranten an Bord hatte, ist nun als Kunstinstallation in Venedig zu sehen. (picture alliance/Felix Hörhager/dpa)
Das Wrack der "Barca Nostra", ein im Jahr 2015 versunkenes Schiff, das 800 Migranten an Bord hatte. Der Künstler Christoph Büchel hat es zur Biennale nach Venedig geschleppt. Dort ist es nun als Kunstinstallation zu sehen. (picture alliance/Felix Hörhager/dpa)

Ein 2015 gekentertes Flüchtlingsboot wird in Venedig als Kunstinstallation ausgestellt. Beim Versuch, nach Europa zu fliehen, kamen 800 Menschen ums Leben. Würde man das Wrack auch ausstellen, wenn 800 Europäer ums Leben gekommen wären?

Das Anrecht des "Rechts" auf ein Komma, ein Wrack, das nicht nur Rechtspopulisten hassen, und die Ehrenrettung eines äußerst korrekten Rechten haben die Feuilletons dieser Woche geprägt. Und ein Linker: Bodo Ramelow hat eine neue deutsche Nationalhymne gefordert. Ihr Text passe nicht mehr in unsere Zeit. Die erbosten Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. DIE WELT – also die Zeitung, die ganze Weltbevölkerung interessiert sich dann doch noch nicht für Ramelow – reagierte dagegen erfrischend souverän mit Ironie.

Väter*innenland

Die Titelzeile: "Unsere hochproblematische Hymne". Darunter setzte die Feuilletonredaktion den Rotstift an und versprach ein "garantiert politisch korrektes Lektorat" des Hymnentextes. Aus "Vaterland" machte sie - mit Gender-Sternchen in der Mitte: "Väter*innenland". Und selbst "Einigkeit und Recht und Freiheit" ließ die Redaktion nicht durchgehen. Begründung: Es müsse laut Duden ein Komma zwischen "Einigkeit" und "Recht" stehen, also "Einigkeit, Recht und Freiheit". In den Worten der WELT: "Übertriebenes Pathos, nur aus metrischen Gründen, steht für ein geschlossenes ästhetizistisches Weltbild und klingt außerdem maßlos."

Ralph Rugoffs Venedig-Biennale

Was für ein Verständnis von Ästhetik hat wohl Ralph Rugoff, der Kurator der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig? Hanno Rauterberg gab in der ZEIT diese Antwort: "Als folgte er dem alten Motto des Dichters Lautréamont, ist seine Biennale so schön wie das 'zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch'."

"Irgendwo rappelt es immer", schrieb, ganz im Sinne ihres Kollegen, Catrin Lorch in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: "Eine elektrifizierte Kuh saust auf Schienen im Kreis. Ein von Roboterarmen animierter Pinsel, breit wie eine Baggerschaufel, rührt in einer blutigen Pfütze."

Gegen die Vermarktung des Grauens

"Das Totenschiff" hat Lorch ihren Artikel genannt und damit auf das ausgestellte, 2015 gekenterte Flüchtlingsboot angespielt. Damals starben 800 afrikanische Flüchtlinge vor Lampedusa. Der Schweizer Christoph Büchel hat das Wrack zur Kunst erklärt und "Barca Nostra" getauft. Dieses zum "Voyeurismus" zwingende Werk, so Catrin Lorch, dominiere nun leider die Biennale:

"Es ist an der Zeit, dass sich die Kunst selbst gegen die Vermarktung des Grauens abgrenzt", forderte sie. Zwar haben italienische Politiker von der rechtspopulistischen Lega gefordert, das Boot zu entfernen. Aber das macht das Kunstwerk für Lorch natürlich auch nicht besser: "Gerhard Richter hat sich über Dekaden mit Fotografien aus dem Vernichtungslager Birkenau beschäftigt, sie schlussendlich mit Farbe zugedeckt. Aber es scheint, als gälten andere Regeln, wenn es um die Vernichtung von Armen geht, um tote schwarze Körper."

Bildbotschaft irgendwo zwischen Erotik und Moral

Bis vor kurzem haben Kunstexperten gedacht, Jan Vermeer selbst habe das Cupido-Gemälde mit weißer Farbe zugedeckt, das in seinem Werk "Brieflesendes Mädchen am offenen Fenster" an der Wand hing. Jetzt aber weiß man: Cupido wurde erst nach dem Tod des niederländischen Barockmalers übertüncht.

Der Nackedei im Bild der Dresdner Gemäldegalerie ist nun schon zur Hälfte freigelegt, bis 2021 soll er dann ganz zu sehen sein. Aber ist die historisch korrekte Version besser als die übermalte? Hans-Joachim Müller äußerte da Zweifel in der WELT: "Gerade die 'Briefleserin' ist doch eines dieser grandiosen Bildbeispiele dafür, wie dieser Maler Herz- und Kopfinnenräume einen Spalt weit öffnet und mit der diskretesten Andeutung Bewusstseinsdramen von wunderbarster Zartheit erzählt", schrieb er.

"Jetzt blickt man der babyfleischigen Amorette auf den nackten Leib, die Äpfel in der Schale erinnern an den Sündenfall, und die Bildbotschaft bleibt irgendwo hängen zwischen Erotik und Moral. Soll man sagen, das Bild ist dabei, ein bisschen banaler zu werden?"

Wer ist verantwortlich für den Müll?

Julia Bähr wunderte sich in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG nicht über banale, sondern über krude, den Konzernen alle Verantwortung gebende Thesen auf der Digitalkonferenz "re:publica". Den Redner Sascha Lobo gab sie so wieder: "Er habe sich früher am Strand immer über die Menschen aufgeregt, die Getränkedosen und Plastikmüll dort liegen ließen, sagte er. Aber das sei falsch. Man müsse die Unternehmen in die Verantwortung nehmen, die die Dosen und Tüten hergestellt haben."

Bährs Kommentar: "Diese Perspektive ist erstens gar nicht konsequent weiterzuführen – wenn Menschen ihre alte Waschmaschine am Ufer eines Sees entsorgen, was ja durchaus vorkommt, ist dann der Hersteller der Waschmaschine verantwortlich?", fragte sie. Und zweitens widerspreche das der Forderung nach einer mündigen Zivilgesellschaft: "Seinen Müll nicht einfach fallen zu lassen, wo man geht und steht, zählt sicher zu den zumutbarsten Erwartungen, die man an Erwachsene stellen kann."

Tod des rechten Winkels

Wo sie Recht hat, hat sie Recht. "Der Rechte, er soll leben hoch und höher. Und rechter auch", schrieb Gerhard Matzig in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Und da befürchtete man schon eine Gaulandisierung seines Gehirns. Aber dann wurde klar, dass sich Matzig nur an einer liebevollen Ehrenrettung des rechten Winkels versuchte. Der sei praktisch, schön und sogar natürlich.

So stoße man auf rechte Winkel in der "Anatomie" der Schneeflocke. Heute aber gelte der rechte Winkel, vor allem seit Friedensreich Hundertwasser dazu aufrief, ihn durch die "gute Kurve" zu ersetzen, als kalt und als "Totengräber der Ästhetik". Dabei drohe vielmehr dem rechten Winkel selbst der Tod. In Matzigs Worten: "So kann man sich den Tag bereits vorstellen, an dem der letzte rechte Winkel verbaut und danach wegen erwiesener Menschenfeindlichkeit verboten wird. Die 'Im rechten Winkel'-Stellung wird es dann nur noch im Kamasutra geben."

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