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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 26.11.2016

Aus den FeuilletonsTrump als Produkt des Multikulturalismus?

Von Tobias Wenzel

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Verschiedene Homepages, auf denen über Donald Trump als Wahlsieger bei den Präsidentschaftswahlen in den USA berichtet wird. (Karl-Josef Hildenbrand, dpa picture-alliance)
Auch in dieser Woche suchen Journalisten und Wissenschaftler nach Erklärungen für den Erfolg von Donald Trump. (Karl-Josef Hildenbrand, dpa picture-alliance)

Eine starke These des New Yorker Professors für Ideengeschichte Mark Lilla beschäftigt die Feuilletons: Hat der Einsatz der US-amerikanischen Demokraten für Gleichberechtigung, hat ihr Multikulturalismus den Sieg von Trump möglich gemacht?

"Die hohe Kunst der schiefen Töne", titelte die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG mit Blick auf "Florence Foster Jenkins", den Kinofilm über die Millionärin, die bei öffentlichen Auftritten leidenschaftlich sang, ohne die Töne zu treffen. Meryl Streep ist in die Rolle von Florence Foster Jenkins geschlüpft.

"Wenn Florence eine Note anpeilt, klingt das meistens auch noch o.k., und dann entgleitet es ihr, kurz bevor sie den Ton trifft. Das ist das Geheimnis ihrer unfreiwilligen Komik, wie knapp sie daneben haut",

erklärte Meryl Streep im Gespräch mit Alexander Menden. So knapp daneben zu liegen, sei aber gar nicht so einfach: "Da hatte sie ein ganz eigenes Talent für sich." Im Knapp-daneben-Liegen, wohlgemerkt. Nicht überhaupt im Daneben-Liegen. Diesen Thron teilte und teilt sie sich mit vielen, wie der Blick in die Feuilletons dieser Woche verriet. Der Spruch "Weniger ist mehr" bekam hier eine ganz neue Bedeutung.

Sloterdijk versetzt sich intensiv in Trump

"Die Erlösung kommt allein durch Inkompetenz", schrieb der Philosoph Peter Sloterdijk in der ZEIT.

"Die Befreiung liegt in der Unerfahrenheit. Nur wer es noch nie getan hat, kann es richtig machen. Der Ungeeignete ist der am besten Geeignete. Den Staat kann nur führen, wer nicht weiß, was ein Staat ist."

Nun konnte man meinen, Peter Sloterdijk sei völlig verrückt geworden. Aber die Worte gaben nicht seine Meinung wieder. Vielmehr versuchte er, sich so in die Welt von Trump und seinen Wählern hineinzuversetzen und auch das Phänomen des Populismus zu ergründen. Er, Sloterdijk, dem selbst Populismus vorgeworfen wurde, nachdem er von der "Flutung" Deutschlands durch "Flüchtlingswellen" gesprochen und die Medien mit dem Wort "Lügenäther" beschrieben hatte. Für Überraschungen ist Sloterdijk immer gut gewesen. Auch im ZEIT-Artikel dieser Woche.

"Die Chance von Donald Trump, die ersten zwei Jahre seiner Amtszeit zu überleben, liegt vermutlich bei kaum mehr als zehn Prozent", schrieb er und sprach nicht etwa vom politischen Überleben.

"In einem Land mit einer so ausgeprägten Tradition des Schießens auf Präsidenten wäre ein mehr als zweijähriges Durchhalten eine Anomalie."

Mark Lilla proklamiert Ende des Linksliberalismus

Dafür, dass er sowieso bald tot ist, haben die Feuilletonisten dieser Woche allerdings ziemlich viel über Donald Trump geschrieben.

"Aus den jüngsten Präsidentschaftswahlen und ihrem unerquicklichen Ausgang können wir nicht zuletzt die Lehre ziehen, dass die Zeit dieses identitätsfixierten Linksliberalismus abgelaufen ist", schrieb der New Yorker Professor für Ideengeschichte Mark Lilla in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG und wiederholte damit, was er in der "New York Times" formuliert und womit er in den USA eine Debatte ausgelöst hatte.

"Hat der Multikulturalismus erst den Sieg der Xenophoben hervorgebracht? Ist es elitär, sich für gleiche Rechte einzusetzen?",

hinterfragt Patrick Bahners nun in der FRANKFURTER  ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG die Thesen Lillas. Lilla behaupte, die Demokraten hätten sich in Fragen der "rassischen, geschlechtlichen und sexuellen Identität", also dem verbalen Einsatz für die Gleichberechtigung von Schwarzen und Latinos, Frauen, Schwulen, Transsexuellen und so weiter, von einer "moralischen Panik" leiten lassen.

"Ein hypertropher guter Wille hat im Schema von Lillas politischer Reiz-Reaktions-Pädagogik sein Gegenteil hervorgebracht, das Monster namens Trump", schreibt Bahners. Der hält allerdings wenig von der Argumentation des Wissenschaftlers. Unter anderem, weil Lilla Frauen fälschlicherweise als Minderheit bezeichne. Aber auch, weil man die Benachteiligung von Frauen und Schwarzen nicht einfach als "Luxussorgen" abtun dürfe.

Überforderter Soziologe Didier Eribon

"Lilla war immer ein erzkonservativer Denker, der selbst gegen den Feminismus angeschrieben hat und Autoren herausgab, die gegen Schwule und Lesben gewettert haben", sagte der französische Soziologe Didier Eribon in einem Interview mit der SZ, das alles andere als planmäßig begann:

"Herr Eribon, Trump hat die Wahl gewonnen und …"

Weiter kam der Interviewer Alex Rühle nicht. Da grätschte Didier Eribon schon rein:

"Hören Sie, ich weiß nicht, was ihr alle wollt. Ich habe ein Buch über meine Mutter geschrieben und jetzt soll ich Brexit, Trump und die Welt erklären."

Gerne auch noch die Türkei! Denn einem demokratischen Geist wird es schwer fallen zu begreifen, was da gerade passiert.

"Je mehr die EU sich wegduckt, desto schlimmer wird sie verhöhnt", schrieb der türkische Journalist Yavuz Baydar, der sich zur Zeit nicht in seinem Land aufhält, in der SZ und zitierte den Präsidenten Erdogan mit den Worten: "Wenn sie jemanden als Diktator bezeichnen, ist in meinen Augen nichts an ihm auszusetzen."

Irrer Gesetzentwurf von Erdogan

Und Bülent Mumay berichtete in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG über einen durch Erdogans Partei AKP eingebrachten und erst aufgrund von breiten Protesten zurückgezogenen Gesetzentwurf: "Er sah vor, Vergewaltiger von Minderjährigen straffrei davonkommen zu lassen, wenn sie ihr Opfer heiraten." Nach dem Motto: Weniger Bestrafung ist mehr!

Nein, so missbraucht und durch den Dreck gezogen zu werden, das hat der gute alte Spruch "Weniger ist mehr" nun wirklich nicht verdient. Drum zum Schluss noch schnell etwas zu seiner Ehrenrettung. "Wer stoppt den Adventskalenderwahnsinn?", fragt Claudia Voigt, genervt vom Überangebot in Supermarkt und Internet, im neuen SPIEGEL und verweist auf die Anfangszeit des Adventskalenders Mitte des 19. Jahrhunderts:

"Damals malte man 24 Kreidestriche auf eine Wand oder eine Tür, und jeden Tag durften die Kinder einen wegwischen. Es muss doch möglich sein, das auch heute als Riesenspaß zu verkaufen."

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