Seit 14:05 Uhr Kompressor

Dienstag, 25.02.2020
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Kulturpresseschau | Beitrag vom 17.01.2020

Aus den FeuilletonsTradition der Bauernmissachtung

Von Paul Stänner

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Traktor mit langer Verschlusszeit fotografiert, so dass das Foto verschwommen ist. (picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa)
Traktor auf dem Weg zum Protest: Wo bleiben die Solidaritätskonzerte für die Bauern? Das fragt die "FAZ". (picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa)

Bundesweit demonstrieren die Bauern gegen strengere ökologische Vorschriften. Das bringt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" dazu, den fehlenden Respekt der Restbevölkerung gegenüber den Landwirten zu beklagen - und deutsche Countrymusik zu vermissen.

"Wer Hitchcock sagt!", meint die FAZ, "darf von ihr nicht schweigen". Es geht um Tippy Hedren, Hitchcocks Heldin in den Filmen "Die Vögel" und "Marnie", legendär war gleich der erste, berühmt wurde dann auch – nach einigen Anlaufschwierigkeiten – der zweite.

Jetzt feiert Hedren ihren 90. Geburtstag und bekommt gleich mit auf die Geburtstagstorte, dass sie fünfzig Auftritte in Filmen und Serien hatte, aber nur zwei Rollen mit Erinnerungswert – die beiden genannten. Ausführlich legte die FAZ dar, wie Hitchcock mit Schauspielern und vor allem Schauspielerinnen umging, die er als Material betrachtete, dass er nach seinem Willen formte.

Erwähnt wird auch, dass Hedren der Umgang mit Hitchcock nicht gut bekommen ist, weil er ihr nachgestellt hat, sie befingert und sexuell belästigt hat. Vermutet die FAZ: "Möglicherweise fühlte Hitchcock sich ermächtigt? War sie nicht sein Geschöpf?" Nach solchen Gedankenspielen ist man schnell bei der aktuellen Metoo-Debatte, die natürlich auch die FAZ nicht umgeht. Hedren habe auf die Frage, was sie empfinde, wenn sie Hitchcocks Namen höre, geantwortet:" Dankbarkeit und Abscheu. Respekt und Fassungslosigkeit." 

Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, die Tippy Hedren in ähnlicher Weise gewürdigt hat wie das Frankfurter Konkurrenzblatt, hat noch andere Interviewsätze von ihr über ihren größten Regisseur im Angebot: "Bewunderung, Dankbarkeit und extremer Ekel." Aber die Filme sind schon klasse!

Luthers Kampfruf gegen die Bauern

"Muss erst wieder eine Hungersnot kommen, damit eine Gesellschaft begreift, was sie an den Bauern hat?", fragt die FRANKFURTER ALLGEMEINE. Die Zeitung beklagt die Unkultur der Deutschen, denen Speisen und ihre Qualität so wenig bedeuten, und konstatiert abseits von "Bauer sucht Frau" einen gesellschaftlichen Mangel – "eine kulturelle Einbettung und Strahlkraft gibt es jenseits folkloristischer, realitätsferner Gepflogenheiten, so gut wie gar nicht."

Zum Vergleich dienen die USA, die die Countrymusik hervorgebracht haben und wo Größen aus Rock und Pop regelmäßig Solidaritätskonzerte für Farmer geben. Frankreich und die Schweiz hätten immerhin Literaten aufzuweisen, die sich ländlichen Themen widmeten. Davon gäbe es bei uns dagegen angeblich keine Spur. Der Autor geht zurück bis auf Martin Luther und dessen Kampfruf gegen die Bauern, die "man wie einen tollen Hund erschlagen müsse", um der Bauernmissachtung in Deutschland eine Tradition anzuhängen - was wohl doch übertrieben ist.

Endlich mit Netflix auf Augenhöhe

In eine nähere Vergangenheit führt uns die neue Staffel von "Babylon Berlin" zurück. Durch den Erfolg der Serie, die in über 100 Länder verkauft wurde, sieht der TAGESSPIEGEL einen Kulturbruch: "Die Serie "Babylon Berlin" hat endlich den Globalerfolg der Serie "Derrick" überwunden. Deutschsein heißt nicht länger Derricksein."

Darüber hinaus meldet das Berliner Bürgerblatt mit preußischem Hackenknallen: "Vergleichbarkeit mit Amazon Video und Netflix ist hergestellt." Jedoch ein Wermutstropfen tropft, der Heimatstolz scheint gekränkt, denn  - "keine Frage, die zweite, rauschhafte Hauptrolle spielt die Reichshauptstadt nach sechs von zwölf gesehenen Folgen noch nicht."

Immerhin, die neue Staffel "holt die Luft, die ihr im Finale von I und II fast ausgegangen war." Ein schönes Beispiel für Schauspielerinterviews liefert für "Babylon Berlin" die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Da wird Liv Lisa Fries, die die Assistentin spielt, gefragt: "Wie viel von Ihnen steckt in dieser Rolle?" Eine Frage zum Fremdschämen. Die Antwort: "Fries: (schnauft ein wenig genervt) In manchen Interviews sage ich: total viel. In manchen sage ich: gar nix. Die Wahrheit ist wohl irgendwo dazwischen." Das ist bei der Wahrheit fast immer so. In diesem Sinn: Ein schönes Wochenende!

Mehr zum Thema

Udo Lindenbergs Songtexte und MeToo - "Du bist 14, und das ist zu gefährlich"
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 16.01.2020)

Landwirtschaft und Lebensmittel - Der Handel und die Politik haben die Macht
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 17.01.2020)

Start der 3. Staffel von "Babylon Berlin" - Düster und schattenhaft
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 16.12.2019)

Fazit

weitere Beiträge

Kompressor

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur