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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 05.08.2019

Aus den FeuilletonsTaktik des temporären Rücktritts

Von Hans von Trotha

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FC Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies verlässt das Rednerpult bei einer Mitgliederversammlung am 30.06.2019 in Gelsenkirchen. (Tim Rehbein/dpa )
Der Aufsichtsratsvorsitzender vom FC Schalke, Clemens Tönnies, soll wegen seiner menschenfeindlichen Aussagen eine Pause machen. (Tim Rehbein/dpa )

Der Rassismusausrutscher von Schalke-Chef Clemens Tönnies offenbart ein menschenfeindliches Weltbild, schreibt die taz. Tönnies soll deswegen erst mal auf die Bank gesetzt werden - wird aber, so viel ist klar, irgendwann auch wieder eingewechselt.

"Menschen machen Fehler, na klar", schreibt Juri Sternburg in der taz. "Da sei ihnen was rausgerutscht, heißt es oft. Anders sieht es aus, wenn jemand nicht nur wissentlich lügt, sondern ein menschenfeindliches Weltbild offenbart. So wie jetzt im Fall von Schalkes Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies."

Oder im Fall von Donald Trump.

Da gilt das quasi chronisch, aktuell wegen seines Baltimore-Tweets (die Sache mit den Ratten), zu dem Julian Weber, auch für die taz, den Dancefloor-Produzenten Sean Spencer, genannt DJ Spen, getroffen hat, und der kontert: "Trumps unsinnige Einlassungen werden uns EinwohnerInnen weiter zusammenschweißen."

Trump wird nicht zurückrudern - Tönnies schon

Trump wird mit Sicherheit nicht zurückrudern - was Tönnies getan hat. Wie Juri Sternburg herausgefunden hat, "soll Tönnies ins (Zitat Bild-Zeitung:) 'Rassismus-Verhör' vor den Ehrenrat des Clubs. Es sickerte durch, dass Tönnies eine begrenzte Auszeit nehmen und dann wiederkehren darf."

Tönnies würde sich also vorübergehend selbst canceln, um sich dann selbst wieder zu uncanceln - so, wie dem Feuilleton zu entnehmen ist, der Fachjargon.

Wenn Feuilletonisten – oder Feuilletonistinnen – einen Artikel damit beginnen, was es bedeutet, wenn Feuilletonistinnen oder Feuilletonisten dies oder jenes tun, dann wollen sie sich mit dem Chor des Kollegiums gemein machen und sich zugleich von ihm distanzieren. In der WELT nun hebt Hannah Lühmann an:

"Wenn Feuilletonisten zum Ausdruck bringen wollen, dass etwas in aller Munde ist, dann bemühen sie gern das geflügelte Wort vom Gespenst, das umgeht in Europa oder sonst wo. Das aktuelle Gespenst heißt 'Cancel Culture' und meint die kulturelle Praxis, Menschen oder Institutionen aufgrund von – realen oder gerüchteweisen – politisch moralischen Verfehlungen zu 'canceln', sie also 'abzusagen', nicht mehr stattfinden zu lassen."

Kevin Spaceys Rückkehr in die Öffentlichkeit

Damit ist Lühmann nicht bei Tönnies und leider schon gar nicht bei Trump, sondern bei dem Schauspieler Kevin Spacey, für Lühmann ein Beispiel dafür, dass man "sich sozusagen selbst wieder uncanceln" kann. Spacey ist nämlich, zitiert Lühmann die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, in Rom "aufgetaucht" - "genauer im Römischen Nationalmuseum".

Christian Vooren meint dazu im Tagesspiegel: "Man darf getrost annehmen, dass Kevin Spacey weiß, wie er sich selbst und sein Anliegen in Szene setzt. Nach dem jüngsten Auftritt des gefallenen Hollywood-Schauspielers rätselt man allerdings ernsthaft: Was soll das?"

Bei Vooren, also im TAGESSPIEGEL, hat sich Spacey nicht selbst "gecancelt", sondern "mehr oder weniger freiwillig der Öffentlichkeit" entzogen. In Rom nun "las der Schauspieler ein Gedicht des italienischen Lyrikers Gabriele Tinti. 'Je stärker du verwundet bist, desto besser bist du', heißt es dort, und auch: 'Ich habe das Land erschüttert, die Arenen vibrieren lassen.'"

Angesichts solcher Sätze stellt sich Christian Vooren die Frage, "ob Spacey sich hier noch als Darsteller oder als Dargestellten versteht".

Vooren spricht vom "Comeback". Lühmann bleibt bei ihrer Cancel-Uncancel-Dialektik.

"Interessant ist, dass es nicht beim 'Canceln' als einmaligem kulturellen Bannungsakt bleibt. Wenn Menschen, die eben noch (etwa weil sie alt, weiß, männlich sind) als 'mächtig' empfunden wurden, auf einmal 'abgeschafft' werden, dann werden sie paradoxerweise genau in die Rolle des Outsiders versetzt, die zuvor jene für sich in Anspruch nahmen, die glauben, sich mithilfe von 'Cancel Culture' empowern zu müssen. Und aus der Position der Vogelfreiheit heraus lässt es sich bekanntlich ganz wunderbar kulturell produzieren."

Dümmliche Hitler-Vergleiche

Kevin Spacey wird dabei offenbar alles zugetraut:

"In braunem Anzug", beschreibt Christian Vooren das zum aktuellen Anlass gepostete Bild, "posierte er neben der Statue Faustkämpfer von Quirinal. In Spaceys Gesicht fällt ein Schatten, der den Bereich zwischen Nase und Oberlippe verdunkelt. Einige Twitter-Nutzer wiesen bald auf die Ähnlichkeit zu Adolf Hitler hin, und auch wenn ein inhaltlicher Vergleich selbstredend Quatsch ist, ist doch überraschend bis zweifelhaft, dass Kevin Spacey, dem Profi der Inszenierung, diese Anspielung nicht aufgefallen sein soll."

Vielleicht aber, liebe Twitter-Gemeinde, sollte man den einen oder anderen Verdacht noch einmal überdenken – und gegebenenfalls canceln.

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(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 02.08.2019)

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