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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 12.02.2019

Aus den FeuilletonsStraßenfeger mit umstrittenem Ausgang

Von Gregor Sander

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Der italienische Sänger Mahmood hat das Schlagerfestival Sanremo gewonnen. Ein lächelnder junger Mann mit einer Trophäe auf einer Bühne. (imago stock&people)
Der italienische Sänger Mahmood hat das Schlagerfestival Sanremo gewonnen. Ein unausgewogenes Zählverfahren und die Mäkelei von Innenminister Matteo Salvini machen indes die größeren Schlagzeilen. (imago stock&people)

Dass ein Italiener mit einem ägyptischen Vater das Schlagerfestival von Sanremo gewonnen hat, konnte von der Lega Nord kaum unkommentiert bleiben. Die "NZZ" stellt zugleich eine Diskrepanz zwischen Jury- und Publikumsgeschmack fest.

"Zehn Millionen Zuschauer, eine Einschaltquote von 50 Prozent: Wie jedes Jahr war das Finale des Schlagerfestivals von Sanremo, ausgestrahlt am Samstagabend auf RAI1, ein Straßenfeger", berichtet Michael Braun in der TAZ.

Gestritten wurde dabei nicht unbedingt um die schönste Schnulze, sondern um die Herkunft des Sängers. Oder wie es der Innenminister der rechtspopulistischen Lega Nord Matteo Salvini zusammentwitterte: "Mahmood, na ja. Das schönste italienische Lied? Ich hätte Ultimo gewählt."

Bruchlinie im Abstimmungsverhalten

Da muss man vielleicht gar nicht mehr erwähnen, dass der 23jährige Mahmood zwar eine italienische Mutter, aber eben auch einen ägyptischen Vater hat. Gottlieb Höpli von der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG beschreibt den Sieger so:

"In den rap-lastigen Schlager streut der Sänger auch zwei arabische Zeilen, betonte aber gleich, kein Migrant, sondern 'ein hundertprozentiger Italiener' zu sein." Was auch immer das heißen mag.

Das Land, wo die Zitronen blühen, ist derzeit tief gespalten und sich selbst beim Schlager nicht mehr grün. Das abstimmende Fernsehpublikum gab dem späteren Sieger nur 20 Prozent der Stimmen, wurde aber von der Jury überstimmt, was Höpli in der NZZ so kommentiert:

"Damit tat sich eine wohl nicht ganz zufällig entstandene Bruchlinie zwischen der politisch womöglich korrekteren Haltung von Prominenz und Medien und der Mehrheit der Tele-Votanten auf."

Protest gegen niedrige Löhne bei Cinemaxx

Auch bei der Berlinale geht es nicht immer nur um den besten Film, wie Tobias Kniebe und David Steinitz von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG berichten: "Mitarbeiter der Kinokette Cinemaxx, deren Multiplex am Potsdamer Platz eine wichtige Spielstätte ist, demonstrierten bei einer Galavorführung gegen ihre niedrigen Löhne."

Also Arbeitskampf statt Selfiekrampf am roten Teppich: "Hinter der Aktion steht die Gewerkschaft Verdi, die für die Kinobeschäftigten höhere Löhne fordert und sagt: 'Der Rote Teppich auf der Berlinale gaukelt eine heile Welt vor - für die jungen Beschäftigten reicht der Lohn nicht mehr für die Miete. Der Kulturort Kino lehrt sie, dass Arbeit nicht zum Leben reicht.'"

Entrückter Blick auf die Figuren

Im Kulturort Kino lief dann aber auch der dritte deutsche Beitrag im Wettbewerb. Der Film der Plotverweigerin Angela Schanelec, den Christiane Peitz im Berliner TAGESSPIEGEL so beschreibt: "'Ich war zuhause, aber...' wird zur Selbstbefragung, zum Nachdenken in eigener Sache, zum Dokument des Zweifels. Was vermag die Kunst, die schöne Lüge angesichts des Todes, diesem finalen Kollaps von Sinn und Form?"

Auch Andreas Kilb von der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG hat offensichtlich ein Herz für die Berliner Regisseurin: "So entrückt ist der Blick des Films auf seine Figuren. Sie leiden, sie bluten, sie zerschlagen Geschirr, aber sie bleiben uns vom Leib, und irgendwann ist die Geschichte wieder bei den beiden Tieren angelangt, die am Anfang zu sehen waren, einem Esel und einem Hund, irgendwo im Süden, in einem anderen Sommer. Nach der Vorführung am Dienstag hielten sich Buhrufe und Klatschen die Waage. Es spricht für den Film, dass er sein Publikum spaltet, aber in Berlin wirkte er wie ein Flaneur in der Rush-Hour."

Tinder mit Twitter verwechseln

Wer die Partnersuche im Internet bisher verpasst hat, sich aber auch hier weiterbilden möchte, ist am Mittwoch vor der Glotze gut aufgehoben."Liken, daten, löschen", heißt eine Dokumentation auf 3Sat und Elena Witzeck von der FAZ beschreibt sie so:

"Es geht um die gesamte Bandbreite des digitalen Sich-Verliebens und seine Auswirkungen. Und weil es Zuschauer gibt, die Tinder noch mit Twitter verwechseln, holt die Dokumentation sie ab, verrät 'Die Auswahl erfolgt per Foto' und 'Bei Gefallen wird nach rechts gewischt'." Na, da kann ja dann eigentlich gar nichts mehr schief gehen und auch für die Freunde nationaler Unterschiede gibt es noch eine wichtige Information:

"In Deutschland nutzen momentan 9,6 Prozent der Bevölkerung Datingapps. Warum es in Österreich nur 6,3 Prozent sind, böte Stoff für einen anderen Film."

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