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Kulturpresseschau | Beitrag vom 27.09.2018

Aus den FeuilletonsSpießiges von Kollegah und Co.

Von Paul Stänner

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Die Rapper Kollegah (l) und Jigzaw (r) vor dem Landgericht in Hagen. Jigzaw muss sich in einem Berufungsverfahren vor dem Landgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Kollegah hatte zuletzt die Kaution für den Musiker gezahlt. (Kai-Uwe Hagemann/dpa)
Die Rapper Kollegah (l) und Jigzaw (r) vor dem Landgericht in Hagen. Jigzaw muss sich in einem Berufungsverfahren vor dem Landgericht wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Kollegah hatte zuletzt die Kaution für den Musiker gezahlt. (Kai-Uwe Hagemann/dpa)

Was ist aus dem deutschen Hip-Hop geworden? Ehemalige Gangsta-Rapper schreiben Bücher zur Lebenshilfe, plädieren für Masturbation einmal die Woche und für Drogenabstinenz. Damit haben sie sich einen festen Platz im Lehrerzimmer ergattert, schreibt die "WELT".

Eine kontroverse Nachrichtenkombination bietet der Springer-Verlag: Der Chefredakteur der WELT erklärt, warum er einem Essen mit Erdogan fern bleiben werde: "Ich möchte nicht das Glas auf den türkischen Staatspräsidenten erheben. Es ist unmöglich." Schließlich habe sein Korrespondent Deniz Yücel ein Jahr ohne Anklage in Haft gesessen,"weil er tut, was in einer freien Gesellschaft selbstverständlich ist: Schreiben, was ist." Also geht Ulf Poschardt aus journalistischer Rechtschaffenheit nicht essen.

Der TAGESSPIEGEL berichtet andererseits, der Springer-Konzern müsse ein Schmerzensgeld von 235.000 Euro an den Wettermoderator Kachelmann zahlen. Grund sei die Berichterstattung der "Bild"-Zeitung über dessen Prozess wegen mutmaßlicher Vergewaltigung. Was für den Springer-Konzern eine Erinnerung daran sein mag, dass journalistische Rechtschaffenheit mehr ist, als einen Abend lang Diät zu schieben.

"A Schriftl is a Giftl"

Die aktuellen Feuilletons können der Innenpolitik nicht ausweichen. Die FAZ analysiert die Anweisung, die aus dem österreichischen Innenministerium an die Polizeibehörden erging mit dem Inhalt - grob gesagt -, man möge die kritischen Medien verhungern lassen und die wohlgesinnten durch Exklusivinfos verzuckern.

Die FAZ zitiert die österreichische Weisheit "A Schriftl is a Giftl", um zu illustrieren, wie zutiefst dämlich der Autor der Mail war: So etwas sagt man vielleicht, aber man schreibt es doch nicht auf! Die FAZ folgert: "Von Interviews und 'Zuckerln' hängt das Wohl und Wehe der Pressefreiheit nicht ab. Aber es ist ein Unterschied, ob die politische Ebene den Zugang zu sich politisch steuert, oder ob sie, wenn sie an der Regierung ist, den exekutiven Apparat voll für ihre Zwecke einzuspannen versucht."

Gegen den deutschen Innenminister Horst Seehofer haben laut TAGESSPIEGEL mittlerweile bereits 8.000 Kulturschaffende eine Erklärung unterschrieben. Nach der Affäre Maaßen scheint der deutsche Verfassungsschutzminister so wenig vertrauenswürdig wie sein österreichischer Kollege.

Heimat als Kulisse

Für die FAZ flaniert der Frankfurter Schriftsteller Eckhart Nickel durch das "Paradox namens neue Altstadt". Neu ist die Altstadt, weil man die Nachkriegsbebauung entfernt und mit einem aus 35 Gebäuden zusammengestellten Ensemble versucht hat - vereinfacht gesprochen -, die im Bombenkrieg zerstörte Altstadt modern wiederauferstehen zu lassen. Nickel verliert in den kleinen Höfen immer wieder die Orientierung und findet sich wieder in einer "Epoche, die weder Vergangenheit noch Gegenwart ist".

Die SZ ist verblüfft von der dichten Taktung der offenbar begeisterten Besuchergruppen und registriert zwei bedenkliche Entwicklungen: "Wie hier Heimat politisch von rechts aufgeladen wird, erzeugt ein ähnlich beklemmendes Gefühl wie das Neubauviertel mit seiner polierten Kulissenhaftigkeit." "Heimat als Kulisse" ist denn auch der Artikel überschrieben. Heimat, die eben keine gewachsene Heimat ist, sondern lediglich aus dem Unwillen gegen die moderne Architektur entstand.

Spießige Mahnungen von Kollegah

Die Welt erklären, ist das neue Geschäft der deutschen Hip-Hopper. Offenbar sind sie in die Jahre gekommen und möchten der Jugend vermitteln, wie man richtig gut wird. Sie schreiben Bücher zur Lebenshilfe, Bibeln für die Karriere und Grundsätzliches zum Leben. Laut WELT richtet der Rapper Kollegah Mahnungen an seine Fans unter den Schulabstinzlern: "Eine gewisse Allgemeinbildung, soziale Kompetenzen sowie mathematische und sprachliche Grundfertigkeiten sind grundsätzlich von Vorteil."

Man hört förmlich die erleichterten Seufzer in den WELT-lesenden Lehrerzimmern. Das Masturbationsverbot (maximal einmal die Woche) und die Aufforderung zur Drogenabstinenz werden auch die Religions- und Biologielehrer begeistern. 21 Deutschrapper haben sich sogar zu einem Kochbuchkollektiv zusammengeschlossen, um dem Lauch, dem Spießer, dem Stinknormalo beizubringen, wie man richtig isst.  Vielleicht wäre das ja eine schöne Lektüre für Ulf Poschardt an seinem Erdogan-freien Diät-Abend.

Fazit

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