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Kulturpresseschau | Beitrag vom 11.09.2019

Aus den FeuilletonsSorge um den Knabenchor-Klang

Von Gregor Sander

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Der Thomanerchor singt am 05.05.2017 zur Freitagsmotette in der Thomaskirche in Leipzig. (dpa-Zentralbild)
Mädchen in Traditions-Knabenchören wie dem Thomanerchor könnten einen unvorhersehbare Veränderung des Chorklangs bewirken, schreibt die "FAZ". (dpa-Zentralbild)

Ob Knabenchöre auch für Mädchen geöffnet werden, betrifft auch den Leipziger Thomanerchor, wo erstmals ein Mädchen vorsingen durfte. Im "FAZ" Interview rät die Musikwissenschaftlerin Ann-Christine Mecke vom Mischklang für das Traditionsensemble ab.

Um es einfach zu sagen: Es ist kompliziert. Dieses Mann-Frau-Ding in den Feuilletons vom Donnerstag. Zumindest aus der Sicht der Männer. Über Peter Kümmels Theaterjahresvorausschau in der Wochenzeitung DIE ZEIT steht beispielsweise:

"Die neue Theatersaison gehört dem Mann, der es schafft, sich in eine Frau zu verwandeln."

Dabei hat der Kritiker nur die Theaterfassung von Michel Houellebecqs Romans "Serotonin" im Hamburger Schauspielhaus angesehen. Die Inszenierung von Falk Richter hinterlässt Spuren:

"Er inszeniert den Roman als Abgesang auf den 'weißen alten Mann', der nicht nur Schuld hat an seiner eigenen Lage, sondern überdies verantwortlich ist für den Zustand dieser – ach, wir brechen hier ab. Dieser Welt, wollten wir sagen, aber das weiß ja sowieso jeder, dass der alte weiße Mann Schuld hat, und der alte weiße Mann ahnt es selbst."

#MeToo neu verstehen

Und so wird aus Peter Kümmel die Kassandra des ZEIT-FEUILLETONS und er weissagt:

"Am Berliner Ensemble wurde gerade Brechts Baal von einer Frau (Stefanie Reinsperger) gespielt, und am Staatstheater Hannover wird in Kürze einer der perfidesten, an der Liebe der Frauen aasig uninteressierten weißen Männer der Dramenliteratur, Anton Tschechows Platonow, schwer verwandelt, als Weib, sein Unwesen treiben: Er heißt jetzt Platonowa. Es wird offenbar Zeit, den Ausdruck #MeToo ganz neu zu verstehen."

Ein Herz für Gender-Sternchen

Der Schriftsteller Jakob Hein schlägt sich hingegen auf die Seite der Gender-Sternchenbenutzer*innen auch wenn über seiner Polemik in der TAZ steht:

"Mit der deutschen Sprache ist es so wie mit den Opfern von Verbrechen, über die man politisieren möchte: Im Normalfall uninteressant, aber man wird sich ja wohl noch aufregen dürfen."

Während man noch versucht diesen Satz zu verstehen, folgt ein komplizierter Einstieg über Heins ehemalige Deutschlehrerin, die Deutschmüller, nicht zu verwechseln mit der Biomüller. Aber dann kommt er zum eigentlichen Thema:

"Die Gegner*nnen des Gender-Sternchens tun so, als würden bald die Goethe-Gedicht*nnen umgeschrieben werden, die sie ja sowieso nicht gelesen haben."

Auch da rattert das eigene Gehirn sofort wieder los, weil man ja den Eindruck nicht los wird, Gender-Sternchengegner*innen und auch Gender-Sternchengegner lesen ausschließlich Goethegedichte, aber da legt Hein noch einen drauf:

"Diese Gegner*nnen tun jedenfalls so, als ginge es in den betreffenden Texten nicht vor allem um amtliche Veröffentlichungen und Fairness, sondern natürlich um das Ende des Abendlandes. Allerdings nennen auch diese Gegner*nnen ihre beiden Eltern nicht 'Papa', weil damit ja die Mutter mit gemeint sei."

Thomanerknabenchor künftig mit Mädchenbesetzung?

Diesem eigenartigen schönen Vergleich von Äpfeln und Brombeeren fügen wir nichts mehr hinzu, sondern sorgen uns lieber mit der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG um die Reinheit des Knabenchors allgemein und die des Leipziger Thomanerchors im Besonderen. Dort wurde jetzt ein Mädchen zum Vorsingen eingeladen. Was wiederum Jan Brachmann dazu brachte Ann-Christine Mecke zum Interview zu bitten, die als Musikwissenschaftlerin und Dramaturgin vorgestellt wird. Zur Thomanerchormädcheneinladung mutmaßt sie:

"Ich glaube, es ist vor allem ein durch juristische Beratung induziertes Verfahren, mit dem man sich juristisch auf die sichere Seite bringen will."

Aber dann wird es spannend. Auf die Frage welche Auswirkungen denn Mädchenstimmen in so einem gewachsenen Knabenchor haben könnten, antwortet die Expertin:

"Man sagt ja, dass Chöre, die mit Internaten verbunden sind, einen geschlossenen Chorklang haben, wie ihn der Tölzer Knabenchor, der kein Internats-Chor ist, nicht erreichen kann. Wenn man an dieser ganzen Art des Zusammenlebens etwas ändert, könnte das Einflüsse auf die Musik haben, die man noch gar nicht vorab berechnen kann. Deswegen wäre ich da vorsichtig, weil es eine gewachsene Struktur verändert."

Was man auch immer von Knabenchören halten mag, dieses Argument klingt so, wie die Argumente vor der Einführung des Frauenwahlrechts. Weil: Das reine Männerwahlrecht, war ja auch eine gewachsene Struktur.

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