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Kulturpresseschau | Beitrag vom 07.08.2018

Aus den FeuilletonsSongs für Sex im Badezimmer

Von Arno Orzessek

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US-Sängerin Britney Spears auf Welttournee: Am 4. August 2018 beim Konzert im englischen Brighton (picture alliance / Capital Pictures)
Die US-Sängerin Britney Spears. (picture alliance / Capital Pictures)

Das Berliner Konzert von Britney Spears lässt die "SZ" über die Genialität der scheinbar trivialen Songs der US-Sängerin sinnieren. Der "Tagesspiegel" dagegen erkennt in Spears Auftritt einen normalen Abend einer professionelle Pop-Musikerin.

"Zieh dich aus, ich habe einen Plan" – überschreibt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG ihre Kritik des Berliner Konzerts von Britney Spears. Die fast noch ein Kind war, als sie 1999 mit "Baby One More Time" in den Pop-Olymp aufstieg. Nach öffentlichen Exzessen und Zwangseinweisung in die Psychiatrie ist Spears seit langem entmündigt. 

Der SZ-Autor Jonas Lages unterscheidet im Spearsschen Song-Kosmos recht fein zwischen "Anbahnung-zum-Sex-Songs" und "mehr auf Schlaf- und Badezimmer" konzentrierte "Sex-Songs" – darunter "Clumsy" und "Slumber Party". Beide klangen laut Lages in Berlin "so sinnlich wie die Betriebsanleitung eines Navigationsgeräts."

Nur glaube niemand, der SZ-Kritiker habe deshalb einen trüben Abend verbracht. 

Mit Inhaltsleere zum Erfolg

"Exakt das ist ja gerade die Kunst von Britney Spears. Die Songs sind so entsinnlicht, dass man gar nicht anders kann, als die Platzhalter selbst auszufüllen. Sie sind so schrecklich, dass sie wieder gut sind. Anders gesagt: Britney Spears war und ist und bleibt eine Meisterin des Camp. Und wenn man den campy Dreh heraushat, ergibt plötzlich alles Sinn."

Dazu zwei Anmerkungen.
Erstens: "Camp" nennt man in der Kunst die Tendenz zur Übertreibung und Überpointierung. Haben wir selbst gegoogelt. 
Zweitens: Die Formulierung "So schrecklich, dass sie wieder gut sind" wurde nach Aufführungen klassischer Musikstücke noch nie geschrieben, jede Wette. Aber bei Pop, da geht das halt. 

Inga Barthels verzichtet im Berliner TAGESSPIEGEL auf solch brachiale Dialektik, um Spears' Inspirationsdefizit zu bemänteln. Sie schreibt klipp und klar: "Der Auftritt ist stinknormale Arbeit, während andere ins Büro gehen, steht Britney allabendlich auf der Bühne."

Hoffnung auf eine Wiedergeburt

Und nun heben wir das Niveau. Wir kommen zu dem Nachruf, den der Lyriker Jan Wagner in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG auf seinen irischen Kollegen und Freund Matthew Sweeny schreibt…

Und zwar unter dem Titel: "Jedes seiner Barthaare war ein Sensor für das Wunderbare."

"Mit der deutschen Wendung ‚Alles Gute‘ pflegte Matthew Sweeney seine englischen Briefe gelegentlich abzuschließen, aber nichts scheint mehr gut. Am vergangenen Sonntag haben die Poesie, die Güte, der herrliche Irrwitz, die Herzlichkeit und die alles verwandelnde Phantasie einen ihrer staunenswertesten Botschafter auf Erden verloren, aber irgendetwas drängt mich, die Möglichkeit zuzulassen, dass Sweeney, irischer Dichter von Welt, doch noch überraschend um die Ecke biegt, aus dem Zug steigt, wie immer mit schmalstem Gepäck, dass er die Restauranttür öffnet und fragt: Und, wo ist es denn nun, dein Pferd?"

Anrührend angerührt: Jan Wagner in der FAZ.

Afrikanische Literaturnobelpreis-Kandidaten

Unterdessen befasst sich die Tageszeitung DIE WELT in allen Ressorts mit Afrika. Im Feuilleton stellt Elmar Krekeler fünf afrikanische Kandidaten für den Literaturnobelpreis vor.  Darunter: Fatou Diome, die in ihrem Debüt-Roman "Der Bauch des Ozeans" ihre eigene Geschichte in der Figur Sallie spiegelt. 

"Wäre es nicht so garantiert lehrstückfrei, so leicht und lustig und tief und angedunkelt, könnte man es als Lehrstück bezeichnen und – was man unbedingt tun sollte – jedem auf den Nachttisch legen, der sich ernsthaft noch fragt, warum jemand aus dem Senegal übers Mittelmeer, den Bauch des Ozeans, ins menschenunfreundliche Europa kommt. Steht alles drin. In dieser Welt leben wir."

WELT-Autor Elmar Krekeler.

Aufstehen mit Wagenknecht

Am Ende: Politisches. In der SZ macht sich Gustav Seibt Gedanken über die linke Sammlungsbewegung #Aufstehen, initiiert von Sahra Wagenknecht. 

"Entweder gelingt es #Aufstehen, die Politik der linken Parteien zu drehen und zu sammeln, oder die Bewegung wird selbst zur Partei und nimmt eine weitere Spaltung in Kauf […]. Das deutsche Parteiensystem war nach der Erfahrung mit den Nationalsozialisten – einer Bewegung, die als Partei legal an die Macht kam – außerordentlich stabil. Es blieb bis zum Auftreten der AfD auch jene Schule der Besonnenheit, die traditionsreiche Parteien im besten Fall darstellen. Ob dies so bleibt, ist eine offene Frage." – 

Das war’s. Wir betätigen uns nur noch, mit einer Überschrift des TAGESSPIEGEL, als "Schlussmacher".

Fazit

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