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Kulturpresseschau / Archiv | Beitrag vom 29.06.2016

Aus den FeuilletonsSind Museen wie Kinder im Sandkasten?

Von Tobias Wenzel

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Im Umgang mit Raubkunst verhielten sich die Museen wie streitende Kinder im Sandkasten, sagt John Graykowski im Interview mit der "Zeit". Das Feuilleton der "FAZ" hat sich mit dem Hass auf alte Menschen beschäftigt - der sei eine Art neuer Rassismus, heißt es.

Sind Sie eigentlich gerontophag, liebe Hörer? Geronwas? Lorenz Jäger erwähnt in seinem Artikel für die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG nicht nur, dass sich die französische Journalistin Hélène Bekmezian selbst als "gérontophage" bezeichnet, sondern erklärt auch den Nicht-Gräzisten, was das Wort bedeutet: 'Greisen fressend'. Bekmezian ist demnach also eine "Greisenfresserin". "Die Greisenfresser kommen" hat Jäger seinen Artikel über jene Menschen, nicht zuletzt Journalisten, genannt, die die Alten als Feinde betrachten.

Dieser Hass sei "gemein und niedrig", im Gegensatz zum einstigen sozialistischen Klassenhass gegenüber Kapitalisten. Ein Kapitalist habe ja wenigstens theoretisch seinen Reichtum teilen können. Durch sein Handeln könne der Alte aber nicht der "Zwangsjacke" des Altseins entkommen. "Insofern hat dieser neue Hass gegen die Alten auch eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Rassismus", schreibt Jäger und vermutet, dieser Hass habe sich durch den Brexit noch verstärkt. Er zitiert Wolfgang Gründingers in der ZEIT erschienenen Worte: "Das Referendum zeigt: Alte-Säcke-Politik diktiert die Agenda."

Zu Spottpreisen an Nazis und ihre Familien verkauft

Die ZEIT kann es aber auch niveauvoller, zum Beispiel in Tobias Timms Interview zum deutschen Umgang mit Raubkunst. "Die Museen verhalten sich wie Kinder im Sandkasten, die brüllen: Das ist meins!", sagt John Graykowski aus Washington, der für die Rückgabe der Kunst kämpft, die sein jüdischer Urgroßvater Gottlieb Kraus auf dem Weg ins Exil zurücklassen musste, deren sich die Nazis bemächtigten und die später in deutschen Museen landete, wo sie eigentlich an die rechtmäßigen Besitzer oder Erben zurückgegeben werden sollte.

Timm interviewt zugleich Anne Webber von einer Organisation, die Restitutionsverfahren aushandelt und auch für Graykowski tätig ist. Webber habe herausgefunden, dass die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen Kunst aus dem Besitz von Gottlieb Kraus "nach dem Krieg zu Spottpreisen an ehemalige Nazis oder deren Familien" verkauft hätten anstatt sie zurückzugeben: Eine Käuferin sei Henriette Hoffmann-von Schirach gewesen, Hitlers ehemalige Sekretärin. Ein Gemälde habe sie für nur 300 Mark erworben. Nur ein Jahr darauf soll es der Xantener Dombauverein für 16.100 Mark in einem Kölner Auktionshaus ersteigert haben.

Der katholische Verein habe auf den Rückerstattungsantrag durch den Erben erst gar nicht reagiert und später behauptet, als nichtstaatliche Organisation nicht zur Restitution verpflichtet zu sein. "Das hätten wir von einer katholischen Kirche, die in Xanten besonders auf ihre nazikritische Haltung im Zweiten Weltkrieg stolz ist, wirklich nicht erwartet", sagt Restitutionsexpertin Anne Webber im Gespräch mit Tobias Timm von der ZEIT.

Wieso Männer in Island Bambi heißen können

Tobias Timm – Vorname und Nachname. Wenn das mal so einfach in Island und im Isländischen wäre! Da sind bisher nämlich vererbbare Familiennamen verboten. Der typische isländische Name besteht aus Vorname plus Patronym beziehungsweise Matronym, erklärt Aldo Keel in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG. Der während der Fußball-EM durch seine Stimmkapriolen berühmt gewordene isländische Kommentator Guðmundur Benediktsson ist zum Beispiel der Sohn von Benedikt. Im Telefonbuch seien die Isländer deshalb unter dem Vornamen aufgeführt.

"Nur die Trikots der ruhmreichen Fussballauswahl verletzen das Namensrecht. Auf den Spielerrücken prangen keine Namen, sondern Patronymika", schreibt Keel und erwähnt, dass das dem isländischen Sprachrat genauso ein Dorn im Auge sei wie die von der Innenministerin beabsichtigte Reform des isländischen Namensrechts. Dann würden vererbbare Familiennamen zugelassen. Schon jetzt seien allerdings, sofern man sie im Isländischen deklinieren könne, "exzentrische" Vornamen zugelassen wie: "Thyrniros (Dornröschen)" oder der "Männername Bambi".

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